Fiat Chrysler Automobiles*: Der „Anti-Musk“ und sein Erbe

Die Börse ist nicht gerade bekannt für ihre Sentimentalität. Der Tod von Sergio Marchionne, dem langjährigen CEO von Fiat Chrysler Automobiles (FCA; IK), hat dennoch viele Investoren erschüttert. Der Einfluss des genialen Firmenlenkers – auf sein Unternehmen, aber auch auf die gesamte Automobilbranche – darf nicht unterschätzt werden. In Zeiten einer der größten Umwälzungen der Branche und völlig irrationaler Auswüchse – siehe Tesla – darf Marchionne als Gegenentwurf herhalten. Ein „Anti-Musk“ (Zitat: „Wenn ich jemals zum Twittern anfange, erschießt mich.“), der schonungslos die Schwachstellen der Automobilwirtschaft benannte und gleichzeitig zu seinen Gunsten ausnutzte. Es wäre vermutlich ganz in seinem Sinne, nun nicht in einer Schockstarre zu verharren, sondern als Investor das Offensichtliche zu fragen: Wie ist es um FCA ohne Marchionne bestellt?

 

Doppelter Turnaround

Um diese Frage zu beantworten, sollte man aber zunächst dennoch die 14 erstaunlichen Jahre unter Marchionne Revue passieren lassen. Als dieser 2004 seinen Job bei Fiat antrat, stand das Unternehmen kurz vor der Insolvenz. General Motors besaß 20% des Automobilgeschäfts und hätte die verbleibenden 80% erwerben müssen, wenn Fiat eine Option gezogen hätte. Um deren Schulden nicht konsolidieren zu müssen, kauften sich die Amerikaner mit rund 2 Mrd. USD frei und gaben Marchionne damit das nötige „Taschengeld“, um neue Modelle zu entwickeln (unter anderem den heutigen Fiat 500) und das Unternehmen aus eigener Kraft auf Vordermann zu bringen. Im Jahr 2009 gelang Marchionne schließlich sein Meisterstück: Die US-Regierung stützte auf dem Höhepunkt der Finanzkrise die insolvente Chrysler, an einer Abwicklung hatte sie kein Interesse. Um deren äußerst schwache Verhandlungsposition wissend, erklärte sich Marchionne bereit, den deutlich größeren US-Konzern zu übernehmen – für weniger als 4 Mrd. USD. Daimler hatte 1998 noch 36 Mrd. USD bezahlt.

 

2022er-KGV von zwei

Mit der italienischen Fiat von einst hat das heutige Unternehmen nach dieser gewaltigen Transformation nur mehr wenig gemein. Ferrari und der Landmaschinenhersteller CNH wurden abgespalten, der Sitz der Holding in die Niederlande verlegt. Die Verwaltung sitzt heute in London. Für die Aktionäre hat sich der Wert der in ihrem Depot befindlichen Aktien seit Marchionnes Antritt mehr als verzehnfacht. Statt der ehemaligen Kernmarke Fiat dominieren heute die ehemaligen Chrysler-Marken Jeep und Ram das Geschäft, mit Maserati, Alfa Romeo und dem Autozulieferer Magneti Marelli hat FCA weitere Joker in der Hand. Basierend auf den jüngsten Quartalszahlen wurde zudem eines der langjährigen Versprechen Marchionnes eingelöst: Fiat dürfte zum ersten Mal in seiner langen Geschichte schuldenfrei sein. Noch vor seinem Tod stellte Marchionne zudem einen Fünfjahresplan vor, der es in sich hat: Fiat soll im Jahr 2022 ein Ergebnis zwischen 5,90 und 7,30 EUR je Aktie erwirtschaften, der Umsatz im Schnitt pro Jahr um 7% ansteigen und die Netto-Cash-Position bis dahin auf 19 Mrd. bis 21 Mrd. EUR anwachsen. In der Mitte der Spanne entspricht dies einem KGV von 2,1.

 

1 + 1 = 3

Unabhängig davon dürfte alleine die Marke Jeep mit einer heutigen Produktion von 1,9 Mio. Fahrzeugen im Jahr bereits mehr wert sein als die gesamte Marktkapitalisierung der Holding. Für Magneti Marelli und das restliche Zuliefergeschäft gibt es konkrete Pläne …

 

(Der vollständige Beitrag ist in Smart Investor 9/2018 ab S. 48 erschienen.)

* Hinweis auf mögliche Interessenkonflikte (siehe ausführliche Erklärung)