Löcher in der Matrix – Ein Wunder zum Wundern

„So gold ging´s uns noch nie“ – wenn es um Befindlichkeiten geht, schreibt die Zeitung mit den großen Buchstaben gerne in Superlativen. Demzufolge erlebt Deutschland aktuell wieder ein „Wirtschaftswunder“. Das wirft Fragen auf. Denn: Ist für Wunder nicht die katholische Kirche zuständig?

Tatsächlich sind die positiven Zahlen – Wachstum, Haushaltsüberschuss, Zahl der Beschäftigen – nicht vom Himmel gefallen und auch kein Werk göttlicher Fügung, sondern Folge vergangenen politischen Handelns und günstiger Rahmenbedingungen. In Zeiten, als in Deutschland noch regiert wurde, die Älteren werden sich vielleicht erinnern, wurden dereinst zum Beispiel Arbeitsmarktreformen umgesetzt, die die erhebliche Flexibilisierung möglich gemacht hatten. Niedrige Rohstoffpreise, die Nullzins-Politik der EZB und der schwache Euro taten ein Übriges, um nur einige Rahmenbedingungen zu nennen.

„Experten erinnert das immer mehr an das deutsche Wirtschaftswunder, den legendären Nachkriegs-Aufschwung der 50er- und 60er-Jahre“ vergleicht die Zeitung weiter, und an diesem Punkt wird es grotesk: Es mag ja sein, dass die Infrastruktur im Land nicht in allen Bereich tip-top ist – dies aber mit der weitgehend zerstörten und deindustrialisierten Bundesrepublik nach dem 2. Weltkrieg zu vergleichen spricht nicht eben für besonders tiefes Expertenwissen.

Die verfügbaren Einkommen (fast 1,9 Billionen Euro) der Privathaushalte seien in den letzten fünf Jahren um 13,8 % gestiegen. Seit dem Rekordhoch der Arbeitslosigkeit vor mehr als zehn Jahren haben mehr als 2,5 Millionen Menschen wieder Arbeit. Und schließlich hätten auch die Beschäftigten mehr in der Tasche. Im Vergleich zu 2008 können sie, nach Abzug der Preissteigerung, 10% mehr ausgeben. Also doch ein ganzes Prozent pro Jahr realer Kaufkraftgewinn.

Warum also dieser Jubelartikel, der seinerzeitigen Einlassungen  im „Neues Deutschland“ bei Übererfüllung eines Fünf-Jahres-Planes nicht unähnlich ist? Sieht so aus, dass die Leser darauf eingestimmt werden, da ja alles so rosig sei, es keiner Reformen, etwa der deutlichen steuerlichen Entlastung des Mittelstandes, bedürfe. Und schon gar nicht muss über so böse sozialistische Ideen wie Umverteilung diskutiert werden, weil es ja so überragend gut ist, wie es ist.

Und übrigens: Ein Prozent Kaufkraftgewinn ist ein schlechter Deal für alle Sparer und Lebensversicherten, da hat in den Jahren vor Lehmann selbst jedes Sparbuch deutlich mehr abgeworfen.

(Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion.)

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