Löcher in der Matrix – Grüße aus dem Paralleluniversum

Diesen Dienstag ließ die CDU/CSU-Bundestagsfraktion den Wunschkandidaten der Kanzlerin für das Amt des Fraktionsvorsitzenden durchfallen. Zähneknirschend bewertete Merkel das Ergebnis der geheimen Abstimmung als „eine Stunde der Demokratie“, so als ob Stunden der Demokratie in ihrer mittlerweile dreizehnjährigen Regentschaft Ausnahmecharakter hätten. Haben sie. Das „Erdbeben“ und die „Kanzlerdämmerung“ werden aber wohl ohne grünes Licht von oben nicht stattfinden. Wir sprechen über die CDU, und deren revolutionäres Potential ist in etwa so groß wie das der Ausgabestelle für Sammlerbriefmarken. Denn selbstverständlich wird Merkel im Dezember erneut als CDU-Vorsitzende antreten und auch eine fünfte Amtszeit als Bundeskanzlerin schloss sie nicht aus – also zumindest für den Teil Deutschlands, der dann noch regierbar sein wird. Man kann das durchaus als Drohung auffassen, gerichtet vor allem an die Abweichler in der eigenen Partei, die vielleicht allzu früh Morgenluft witterten. Immerhin hat es Merkel geschafft, dass alle vier Gewalten im Staat nach ihrer Pfeife tanzen, da wäre es doch misslich, wenn ihr ausgerechnet die eigene Partei aus dem Ruder liefe. In dem Maße wie die „Revolution light“ gegen die Wand fährt, werden sich die allzu frühen Wendehälse vielleicht noch einmal zurückwenden müssen. Das betrifft nicht mehr die Generation Schäuble und Kauder, deren politische Karrieren enden ohnehin mit derjenigen der Kanzlerin. Aber die jungen, nun ja, Wilden in der Union müssen sich langsam für die Stunde Null positionieren, ohne noch „kurz“ vor Schluss von Merkel kaltgestellt zu werden.

Für den Mainstream war die Brinkhaus-Wahl mindestens ebenso überraschend wie seinerzeit die von Trump oder der Brexit. Möglicherweise verliert man im eigenen, weitgehend selbstreferenziellen Paralleluniversum ein wenig den Anschluss zur realen Welt: So liebedienerte etwa die Online-Ausgabe der WELT („Die Deutschen sind stolz auf ihre Politiker“) noch wenige Tage vor der Merkel/Kauder-Niederlage mit einer Umfrage der besonderen Art: Spieglein, Spieglein an der Wand, auf wen seid Ihr am stolzesten im ganzen Land? Streng repräsentativ versteht sich. Und der Gewinner war? Richtig. Angela Merkel. Für satte 16% war die Kanzlerin der/die wichtigste Deutsche aller Zeiten. Auch auf den nächsten fünf Rängen folgten ausnahmslos Politiker; Steinmeier vor Adenauer. Dann Sportler. Goethe und Einstein landeten mit jeweils 2% abgeschlagen auf den Rängen. Wer sagt, dass das Bildungssystem und die Massenmedien keine Wirkung zeigen?

Unter dem Eindruck von Abstimmungsniederlage und manch hämischen Kommentars gab sich die, auf die wir am stolzesten sind, dann plötzlich dünnhäutig und zeigte sich „besorgt über die Debattenkultur“ im Lande: Sie sehe aber nicht überall auch die Bereitschaft gleich ausgeprägt, sich respektvoll mit der Meinung anderer auseinanderzusetzen, schwurbelte es aus dem Hosenanzug. Ach? Meinte sie Sätze wie „Ist mir egal, ob ich schuld am Zustrom der Flüchtlinge bin, nun sind sie halt da.“ Oder ihren linkischen Versuch das Sarrazin-Buch „Deutschland schafft sich ab“ pauschal als „nicht hilfreich“ abzuqualifizieren, ohne es überhaupt gelesen zu haben? Es wurde bekanntlich zum meistverkauften Sachbuch in der Geschichte der Bundesrepublik. Debattenkultur nach Kanzlerinnenart.

Falls Sie die politisch korrekten Pseudo-Debatten in deutschen Talkshows genauso quälend langweilig, oberlehrerhaft und einfallslos finden wie wir, dann gönnen Sie sich doch einmal die andere Sicht: Roger Köppel, Herausgeber und Chefredakteur des Schweizer Wochenmagazins „DIE WELTWOCHE“ ist nächste Woche mit dem vorerwähnten Dr. Thilo Sarrazin „on Tour“. „DIE WELTWOCHE“ ist für Bundesbürger heute in etwa das, was das Westfernsehen seinerzeit für DDR-Bürger war. Die beiden Herren haben definitiv etwas zu sagen und sie nehmen dabei kein Blatt vor den Mund. Aus diesem Grund finden Sie zur Einstimmung auch Interviews mit beiden im heute erschienenen Smart Investor 10/2018. Wer beim „Gipfeltreffen der freien Rede“ dabei sein will, muss sich allerdings beeilen (Berlin am 3.10., Zürich am 4.10. und Wien am 5.10.). Zur Anmeldung geht es hier.

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