SIW 42/2018: Basta & Bätschi

Couple toasting with beer in Bavaria in fall or autumn

„Mia woan mia“?!

Das Erdbeben-Frühwarnsystem hat zumindest für das „politische Beben“ der Bayern-Wahl gut funktioniert. Manche behaupten, zu gut. Letztlich fiel das Ergebnis ziemlich genau so aus, wie es bereits vorab in diversen Umfragen prognostiziert wurde. Ein Punkt für die Demoskopen. Das Auffälligste am Wahlergebnis ist vielleicht das vollkommen entgegengesetzte Wahlverhalten zwischen Land und Stadt, namentlich München. Zwar war im schwarzen Bayern München traditionell rot, nun aber ist es schlagartig und flächendeckend grün geworden. Die Unterschiede sind marginal. Wahlergebnisse sind neben schlichten Fakten aber auch immer ein gutes Stück weit interpretierbar. Allerdings tat sich der Mainstream bereits mit den Fakten schwer. Die Hauptbotschaften, die nach der Wahl ausgesendet wurden, lauteten in etwa so: Die Grünen sind der große Wahlgewinner und die CSU ist der große Wahlverlierer. Richtig ist, Hauptgewinner mit einem Zuwachs von 10,2 Prozentpunkten war die AfD, dann folgten die Grünen mit einem Zuwachs von 8,9 Prozentpunkten. Hauptverlierer war die SPD mit einem Minus von 10,9 Prozentpunkten, dann folgte die CSU mit einem Minus von 10,5 Prozentpunkten. Der Stimmenanteil der SPD verringerte sich um atemberaubende 53%, derjenige der CSU „nur“ um 22%. Die absolute Mehrheit der Stimmen hatte die CSU übrigens bereits bei der Landtagswahl 2008 (43,4%) verloren und konnte im Jahr 2013 (Stimmenanteil 47,7%) lediglich die absolute Mehrheit der Mandate zurückerobern. Warum der Mainstream das Narrativ von der schwachen CSU und den starken Grünen dennoch so hingebungsvoll pflegte, dürfte vor allem zwei Gründe haben: Zum einen will man mit Seehofer den einzigen leidlich unbequemen Minister im neosozialistischen Berliner Kuschelkabinett wegmobben. Zum anderen sollten der ach so verknöcherten CSU wohl um jeden Preis die ach so jungen, urbanen und erfolgreichen Grünen als Koalitionspartner angedient werden. Was oberflächlich nach Blutauffrischung und Modernisierung klingt, dient faktisch lediglich dazu, dass bürgerlich-bayrische Profil der Christsozialen in einer solchen Koalition bis zur Unkenntlichkeit abzuschleifen. Dass aus der Verbindung von Feuer und Wasser am Ende doch nur nasse kalte Asche herauskommen kann, wird dabei billigend in Kauf genommen, betrifft es doch nur die CSU und den Freistaat Bayern selbst, dessen erfolgreiche Sonderwege in der restlichen Republik ohnehin stets mit einer Mischung aus Argwohn und Neid verfolgt wurden.

Für uns hat die Bayern-Wahl vor allem drei greifbare Ergebnisse: Erstens, die Parteien der „Großen“ Koalition, und damit die „Basta“ & „Bätschi“-Regierung aus CDU/CSU und SPD, verlieren mit einem Minus von 21,4 Prozentpunkten derart krachend, dass man die Schockwellen noch im Fundament des Kanzleramts spüren musste. Zweitens, alle linken Parteien (Grüne, SPD, Linke) bringen es bayernweit zusammen nicht einmal auf ein Drittel der abgegeben Stimmen. Da mag der „Münchner Grüneria“ die Bionade noch so aus den Ohren schäumen, die bürgerliche Mehrheit ist in Bayern so stabil wie eh und je. Drittens, so wie es aussieht, werden die Freien Wähler zum Juniorpartner der CSU, also eine weitere Partei mit ausgeprägtem Lokalkolorit. Möglicherweise ist Bayern auch genau deshalb ein Erfolgsmodell, weil es von Parteien regiert wird, die nicht ständig nach Berlin schielen (müssen), sondern sich primär um das eigene Bundesland kümmern.

Brexit-Tango

Aber auch außerhalb Bayerns wird Politik gemacht. Zum heutigen Brexit-Gipfel feuerte die Propaganda bereits aus allen Rohren. Der Tenor ist dabei immer der Gleiche: Hier die um einen Kompromiss bemühte EU, dort das starrsinnige Großbritannien unter der neuen „eisernen Lady“. Eine kleine Übersicht der Schlagzeilen der letzten Stunden:

 

„Brexit-Verhandlungen: EU kommt May entgegen“ (tagesschau.de)

 

„Brexit-Verhandlungen: Briten gehen nicht auf EU-Vorschlag ein“ (faz.net)

 

„Zu Brexit-Zugeständnissen bereit: EU macht London ein Angebot“ (n-tv.de)

 

„Regierungserklärung zum heutigen EU-Gipfel: Merkel macht Brexit-Briten

klare Ansage“ (bild.de)

 

„Umfrage vor Brexit-Verhandlungen: „Bitte Europa, denk´ nicht, dass Theresa May ganz England ist“ (spiegel.de)

 

usw.

 

Aber bitte, liebe Briten, denkt auch nicht, dass Angela Merkel ganz Deutschland ist. Tatsächlich genießen die Briten in Kontinentaleuropa für ihren mutigen Schritt, sich auf ein Tänzchen mit dem Brüsseler Moloch einzulassen, einiges an Wohlwollen. Nicht jeder spricht es offen aus. Das ist so eine Asterix-Geschichte, die in der europäischen Kultur tief verwurzelt ist. Die Sympathien sind fast zwangsläufig auf Seiten des kleinen gallischen Dorfes, nicht aber beim Imperium. Wenn Merkel heute bekannt gibt, dass „90 Prozent des Austrittstextes“ stehen würden, allerdings „die Tücke … hier sehr im Detail“ liege, dann ist alleine der letzte Part der Aussage wichtig. Das Ganze erinnert an die gescheiterten Jamaika-Koalitionsverhandlungen. Da hatte man auch bereits „fast alle Fragen“ gelöst, bis es zum Bruch kam. Es ist eine wohl psychologisch begründete Verhandlungstaktik, dass man sich zunächst auf alle Punkte einigt, die ohnehin mehr oder weniger unstrittig sind. Der Himmel ist blau, das Gras grün und die Grünen tiefrot. Am Ende sind sich die Verhandlungspartner dann so einig, dass auch beim verbleibenden Rest ein Kompromiss gefunden wird. Soweit die Theorie. Tatsächlich geht es von Anfang an nur um die dicken Bretter und das sind genau die, an denen man dann letztlich halt doch immer wieder scheitert. Zwar versucht die EU den Eindruck zu erwecken, in der Sache mit einer Stimme zu sprechen, aber in etlichen osteuropäischen Hauptstädten und auch in Rom dürfte man mit einer gewissen Genugtuung sehen, wie London die EU offen herausfordert.

 

Wende oder Verschnaufpause?

Nicht nur in der Politik, auch an den Märkten kann man angesichts schriller Tagesaktualitäten den Blick für das große Bild schon einmal aus den Augen verlieren. Ein oder zwei starke Tage und die Welt ist eine andere? Möglich, aber keineswegs wahrscheinlich. Denn tatsächlich haben die beiden ersten starken Handelstage dieser Woche noch nicht einmal am Abwärtstrend der vergangenen Wochen angekratzt (vgl. Abb.); der DAX befindet sich noch immer unter dem vorletzten markanten Tief (kurze hellgrüne Waagerechte). Der bislang einzige Versuch, den mittelfristigen Aufwärtstrend (blaue Linie) zurückzuerobern, ist schon lange gescheitert. Die Diamant-Umkehrformation wurde mit einem Ausbruch nach unten ebenfalls bestätigt. Dass der deutsche Leitindex am Montag exakt auf der Nackenlinie der möglichen Schulter-Kopf-Schulter-Umkehrformation (SKS, rote Linien) gedreht hat, bedeutet nicht, dass diese nun auf Dauer halten wird und die SKS damit ad acta zu legen wäre. Vielmehr ist es nicht ungewöhnlich, dass die Spekulation in einem stark überverkauften Markt nach solchen Etappenzielen Ausschau hält und dann im Zweifel erst einmal Gewinne mitnimmt, in diesem Fall also aggressive Short-Positionen (teilweise) eindeckt. Solche vereinzelten starken Tage stellen demnach keinen (!) Widerspruch zu einem Abwärtstrend dar, sondern bestätigen diesen geradezu. Die wesentlichen Merkmale solcher Short-Covering- bzw. Bärenmarkt-Rallys sind: Die höchsten prozentualen Gewinne finden sich am Beginn der Rally und der Bewegung geht in der Folge relativ rasch die Luft wieder aus. Denn dann sind bereits wieder vergleichsweise attraktive Rahmenbedingungen vorhanden, um den Markt erneut zu shorten.

Einkommen ohne Bedingungen

An dieser Stelle dürfen wir unseren Lesern für die zahlreichen interessanten und originellen Rückmeldungen zum Thema Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) danken. Wer uns seine Meinung dazu noch mitteilen will, kann dies auch in den nächsten Wochen noch tun. Die Umfrage bleibt offen. Schicken Sie eine Mail mit dem Stichwort „BGE“ an flierl@smartinvestor.de und diskutieren Sie mit. Wir werden die Beiträge sichten und in einer der nächsten Smart-Investor-Ausgaben darüber berichten.

Musterdepot Aktien & Fonds

Im Bereich „Highlights/Musterdepot“ auf unserer Homepage geht es heute um zwei erfolgte und eine neue Transaktion. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die letzten Wochentransaktionen verschaffen.

World of Trading

Die World of Trading (WoT) hat sich als die Messe für aktive Anleger in Deutschland etabliert. Am 23. November öffnet die WoT im Forum der Messe Frankfurt/Main wieder ihre Pforten und wir können Ihnen ein ganz besonderes Angebot machen: Im Rahmen unserer Medienpartnerschaft zur WoT 2018 erhalten Sie freien Eintritt an beiden Messetagen (Wert: 40 EUR) und können sich zusätzlich noch einen Gutschein für Seminare im Rahmen der Messe sichern – Wert: 15 EUR. Falls Sie sich dieses attraktive Paket nicht entgehen lassen wollen, folgen Sie einfach diesem Link.

Fonds-Kongress in Trier

Ebenfalls eine feste Größe ist inzwischen der Fondskongress, der am 19. Oktober bereits im vierten Jahr in Trier stattfindet. Die vom Kontor Stöwer ausgerichtete Veranstaltung steht diesmal unter dem Motto „Aktienfonds sind die beste Antwort auf Karl Marx!“. Die Veranstaltung richtet sich an professionelle Besucher. Weitere Informationen und Anmeldung unter https://www.ks-am.de/start/fondskongress-trier/.

 

Smart Investor 10/2018:

Titelstory: Immobilienaktien: Licht und Schatten

Das Risiko & sein Preis: Nassim Taleb und die falschen Propheten

Krypto-Affinität: Städte und Länder im Digitalwährungscheck

Value-Aktien: Wellpappe, Software und Marinezubehör

u.v.m.

 

 

 

Fazit

„Mia san mia.“

 

Ralph Malisch, Ralf Flierl

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.