Man muss auch einstecken können!

Armin Zinser

Zugegeben: Die letzten Wochen und Monate waren an den Börsen keine wirklich angenehmen und die angeblich kurzen Beine von politischen Börsen haben sich dann doch als ziemlich lang erwiesen. Die Fragen der letzten Tage lauteten: Stellen die Türkei oder auch der Iran ein systemisches Risiko dar und, falls ja, könnte dieses auf andere Emerging Markets überspringen?

Fokus auf die Fundamentaldaten

Über die letzten Jahre haben wir immer wieder vergleichbare Situationen erlebt, sei es nun mit Irland, Island, Dubai, Griechenland oder auch Argentinien. Die gute Nachricht ist, dass nach anfänglichen Schockwellen zumindest vermeintliche Lösungen gefunden wurden und sich die Situation wieder beruhigt hat. Danach haben sich auch die europäischen Aktienmärkte wieder auf das besonnen, was wirklich wichtig ist, nämlich die Fundamentaldaten und der Ausblick auf die zukünftigen Gewinne. Rückblickend (was immer leichter ist) lässt sich sagen, dass es sich meist um viel Wind um nichts handelte, vielleicht mit der Ausnahme Griechenlands, die uns noch weiter beschäftigen wird. Es sei denn, man nimmt die Abschreibungen vor, die notwendig sind.

Wenn das Blut fließt

Ein bekanntes Sprichwort von Rothschild besagt: „Kaufen, wenn das Blut fließt.“ Heißt das jetzt, dass man einsteigen bzw. an den europäischen Börsen zukaufen sollte? Die Antwort ist zwiespältig und lautet Ja, wenn die Käufe nicht auf kurzfristige Spekulation ausgerichtet sind und man die Aktienanlage als langfristige Anlage betrachtet. Kurzfristig gesehen könnten uns die europäischen Schaukelbörsen noch einige Zeit erhalten bleiben. Wie kommt man also günstig an Wertpapiere ran? Eben zu unsicheren Zeiten. Zugegeben, viele Qualitätsaktien sind auch hierzulande keine Schnäppchen mehr. Dennoch gibt es weiterhin interessante Titel, die zumindest ein faires Bewertungsniveau aufweisen. Es ist allerdings schwieriger geworden, Werte mit einer „Sicherheitsmarge“ zu finden, aber die braucht es nicht notwendigerweise. Es gibt weiterhin vielversprechende Unternehmen mit starken Wachstumsaussichten, nur muss man sie intensiver suchen und sich mit ihnen beschäftigen. Externe Einflüsse können immer wieder zu Eskalationen und Einbrüchen führen, aber „no risk, no fun“ bzw. „no risk, no return“.

Mit Augenmaß

Es lohnt sich weiterhin, gezielt und strategisch in „real assets“ engagiert zu bleiben und dabei eine gewisse Leidensfähigkeit zu entwickeln. Diejenigen, die in der Baisse nicht dabei sind, sind garantiert auch nicht mit von der Partie, wenn die nächste Hausse ansteht, und die sollte nicht allzu lange auf sich warten lassen. Die US- und die UK-Börsen machen es nämlich vor, trotz oder gerade wegen Trump (Steuersenkungen und Deregulierung!?) kletterten z.B. die Technologieaktien in den USA auf eine neue Höchstmarke und belehrten damit alle notorischen Weltuntergangspropheten eines Besseren. Schlecht sind allerdings die Zeiten für Anleger, die ihr Heil im Bondmarkt suchen. Aufgrund von steigenden Rohölpreisen ist die Preissteigerungsrate über 2% angestiegen. Die Realrendite ist daher herzhaft im negativen Bereich und mit jedem gesparten Euro wird Kaufkraft zerstört. Dies soll kein Risiko sein? Nein, es ist eine indirekte Enteignung, eigentlich ein Unding. Aus einem Sparbuch wird insofern ein Sparfluch … Nur: Wann merkt es der Letzte?

 

Armin Zinser ist für die Aktienanlagen der französischen Versicherung Groupe Prévoir zuständig. Daneben managt er die Publikumsfonds Prévoir Gestion Actions (WKN: A1T7ND) und Prévoir Perspectives (WKN: A1XCQU). Als waschechter Anhänger der Österreichischen Schule der Ökonomik bezeichnet Zinser seinen Anlagestil als pragmatisch und am gesunden Menschenverstand orientiert. Einer dezidierten Strategie möchte er sich daher nicht zuordnen lassen. Der gebürtige Schwabe lebt seit vielen Jahren in Paris. Bevor er zu Prévoir Gestion wechselte, war Zinser für die OECD im Asset Management tätig. Seine Fonds wurden mehrfach mit dem „Lipper Fund Award“ ausgezeichnet, der Prévoir Gestion Actions in den letzten Jahren sogar für den Zeitraum von zehn Jahren.
Auf der Finanzennacht“ am 2. Februar 2018 erzielte Zinser in der Kategorie „Fondsmanager des Jahres“ den zweiten Platz.