Entgegen allen Sanktionen

Nicht nur an der Nasdaq, sondern auch an der Moskauer Börse gibt es dynamisch wachsende Technologietitel. Daneben gibt es Traditionskonzerne zu Ausverkaufspreisen. Bei welchen russischen Aktien 2019 zugegriffen werden kann, wollen wir im Folgenden analysieren.

Russlands Digitalisierungschampion
Man möchte es kaum glauben, aber auch in Russland gibt es Unternehmen, die wohl auch in den nächsten Jahren umsatzseitig um bis zu 20% p.a. zulegen dürften. Dazu zählt z.B. Yandex, das russische Pendant zu Google. Das Unternehmen bietet u.a. Onlinesuche, Videoportale, E-Commerce und Taxivermittlung (in Kooperation mit Uber) an. Noch stammt der größte Teil des Umsatzes aus dem Werbegeschäft. Russland zählt zu den wenigen Märkten, in denen Google nicht der Platzhirsch in diesem Segment ist. Yandex bringt es auf einen Marktanteil von ca. 55% im russischen Suchmaschinenmarkt und besetzt mehr als 20% des gesamten russischen Werbemarktes. Eine wachsende Säule ist jedoch der E-Commerce. Zusammen mit der Sberbank versucht das Unternehmen, die Plattform „Beru“ zum russischen Gegenstück von Amazon zu machen. Angesichts einer Onlinepenetration des Einzelhandels in Russland von lediglich 3% und einem Markt, in dem die westlichen Giganten bislang ihre Claims noch nicht abgesteckt haben, dürfte dies keine schlechte Idee sein. Aber auch Yandex’ E-Commerce-Partner ist für Investoren attraktiv.

Substanz und Moderne
Im letzten Jahr gab es kurzzeitig sogar Gerüchte um eine vollständige Übernahme von Yandex durch die Sberbank. Dort versucht der aktuelle CEO, Herman Gref, ein hochmodernes Finanzhaus mit angegliederter Technologieabteilung aufzubauen. Zu Hilfe kommt ihm dabei die Vormachtstellung im Bankgeschäft (45% der russischen Bankeinlagen) und die damit einhergehenden guten Margen und Eigenkapitalrenditen (>20%). Die Wandlung einer bürokratischen Staatsbank zu einem modernen Finanzdienstleister ist Gref schon einmal gelungen. Was ihm in seiner „Vision 2020“ vorschwebt, geht jedoch weit über das Erreichte hinaus. Die Sberbank soll analog zu Amazon mithilfe von künstlicher Intelligenz und Software voll auf den Kunden zentriert sein und diesem neben Bankservices auch ein Sammelsurium an Technologiedienstleistungen anbieten. Dazu zählt u.a. die Vermittlung von E-Commerce, Autos, Gesundheitsdienstleistungen und Bildungsangeboten sowie Cloud Services. Mit 90 Mio. Privatkunden in Russland besitzt die Sberbank eine ideale Basis für die Erweiterung seines Geschäfts um einige attraktive Säulen. Für Investoren wird all dies interessant, da es nicht in der Bewertung eingepreist ist. Die Sberbank notiert zu einem KGV von 4,9 für 2019 – weitaus günstiger als westliche Banken und um Welten günstiger als dortige Technologiekonzerne. Als Damoklesschwert hängen nach wie vor die westlichen Sanktionen über dem Unternehmen.

Am anderen Ende des Gashahns
Als „der“ russische Konzern schlechthin gilt der halbstaatliche Gasmulti Gazprom. Das Unternehmen polarisiert: Für die einen ist es der Inbegriff von Putins gelenkter Staatswirtschaft, für die anderen eine unentdeckte Value-Perle. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Gazprom ist – war aber auch fast immer – extrem günstig bewertet. Die alles entscheidende Frage ist daher, welcher Trigger eine Neubewertung auslösen könnte. Denn dass Substanz hinter Gazprom steckt, ist bereits auf den ersten Blick eindeutig: Der Konzern sitzt auf den mit Abstand größten Erdgasreserven der Welt (133 Mrd. Barrel Öläquivalent verglichen mit 96 Mrd. Barrel Öläquivalent aller großen westlichen Ölkonzerne zusammen). An der Börse wird Gazprom jedoch gerade einmal mit 48 Mrd. EUR bewertet – weniger als 1/3 des Buchwertes. Dies entspricht einem KGV von 2,8 für 2019. Inklusive Nettoschulden von 29 Mrd. EUR notiert das Unternehmen zum Zweifachen des erwarteten EBITDA für 2018.

Und dies trotz eines beeindruckenden Wachstumskurses in den letzten Jahren und Geschäftsaussichten, die sich sehen lassen können. So spielen dem Unternehmen die steigende Nachfrage aus China und Europa sowie der Trend zur Gasverflüssigung (LNG) in die Hände. Entgegen der Darstellung in den Medien geht das Flüssiggas aus der US-Produktion lediglich zu einem geringen Teil nach Europa, das nach wie vor massiv am russischen Gashahn hängt. Zugleich ist die europäische Gasförderung rückläufig. Durch die Verflüssigung und neue Pipelines kann sich Gazprom neue Absatzmärkte in Asien erschließen, sollte Europa bei seiner Blockade bleiben (siehe dazu unseren Artikel zu Nord Stream 2 in Smart Investor 1/2019). Eine Dividendenrendite von 5,4% tröstet Anleger zusätzlich über die zuletzt eher schwache Kursentwicklung hinweg.

(Lesen Sie im Smart Investor 2/2019 darüber hinaus über einen weiteren russischen Gasproduzenten sowie das russische Pendant zu Paypal. Sie können die Ausgabe hier erwerben oder gleich ein Probeabo abschließen. Mit Gazprom werden wir uns in einer der nächsten Ausgaben noch sehr viel intensiver beschäftigen.)