SIW 11/2019: Kein Deal, kein Zoll

EU- und schrankenlos

Nicht schon wieder Brexit, werden Sie sagen. Zu Recht, schließlich hängt den meisten dieses Thema nach fast drei Jahren politischem Geschachere zum Hals heraus. Im Großen und Ganzen erinnern die Verhandlungen an all das, was wir von Brüssel gewohnt sind. Nächtliche Verhandlungen ohne wirkliche Ergebnisse, Deadlines, die stets verschoben werden, sowie ein relativ überschaubarer ökonomischer Sachverstand der politischen Entscheidungsträger. Trifft ein Parlament wie das britische Entscheidungen, die den Brüsseler Eurokraten nicht gefallen, zeigt sich relativ schnell, wie es um deren Demokratieverständnis tatsächlich steht. Wir wollen Sie nun aber gar nicht lange mit dem neuesten Stand des Brexit-Pokers langweilen. Dies können Sie ohnehin viel schneller auf diversen anderen Medien verfolgen. Die heutige Meldung ist jedoch ein Schlaglicht wert. So plant die Regierung ihrer Majestät im Fall eines ungeordneten Brexits ab dem Abend des 29. März einen temporären Abbau praktisch sämtlicher Zölle.

87% aller Importe sollen zollfrei in das Vereinigte Königreich gelangen können. Damit sollen drastische Preisanstiege vermieden und die britische Wirtschaft gestützt werden. Zugleich soll eine „harte Grenze“ zwischen dem EU-Mitgliedsland Irland und Großbritannien verhindert werden. Es zeigt eindeutig, wohin die Reise gehen dürfte. Zwar hat Großbritannien die Zölle auf die umgekehrten Handelsströme – also aus UK in die EU – nicht in der Hand. Hier werden nach einem harten Brexit die Standard-WTO-Sätze gelten (im Durchschnitt ca. 2,8% auf Nicht-Agrar-Güter). Die eigenen Einfuhrzölle kann London jedoch ohne EU-Mitgliedschaft selbst gestalten. Und plant ganz offensichtlich damit, das Land als eine Oase des Freihandels zu positionieren. Gut möglich, dass es mit massiven Steuersenkungen nach dem Brexit einen zweiten Impuls geben wird. Das „Singapur Europas“, direkt vor dessen Haustüre, scheint alles andere als unrealistisch. Temporär dürfte es Sand im Getriebe der britischen Wirtschaft geben, keine Frage. Das langfristige wirtschaftliche Schicksal des vereinigten Königreichs dürfte jedoch weit weniger düster aussehen als von vielen Brüsseler Bürokraten skizziert.

Keine einfache Lösung für ein komplexes Problem

Das Thema Zölle ist ohnehin das politische Thema der Stunde, nicht nur wegen des Brexits, sondern vor allem wegen des schwelenden Handelskonfliktes der Trump-Administration mit China und der ganzen Welt. Im Grunde genommen verhalten sich die USA hier genau anders herum wie die Briten mit ihrem neuen Vorschlag. Statt auf einen Abbau von Zöllen zu setzen, will Trump mit der Erhebung neuer Zölle bestehende Handelsbilanzdefizite reduzieren und die heimische Wirtschaft stärken. Schließlich seien Handelskriege „einfach zu gewinnen“, wie Trump schon mehrmals kundtat. Womit er grundsätzlich Recht hat, wie auch Howard Marks in seinem letzten Memo (hier zu lesen) zugab. Schließlich sind die Chinesen sehr viel mehr auf ihren Export angewiesen als die USA. Ob die Chinesen durch ihren Überschuss jedoch automatisch Gewinner sind und die Amerikaner die Verlierer steht auf einem völlig anderen Blatt. Als Beispiel erwähnt Marks, dass er zuletzt bei einem Friseur war und diesen für seinen Haarschnitt bezahlt habe. Er hätte sich aber nicht unbedingt als Verlierer dieses Geschäftes angesehen. Auch in etwas größeren Dimensionen sind die Dinge nüchtern betrachtet etwas komplexer:

Zwar könne man mit Zöllen – beispielsweise auf Automobile – den Versuch unternehmen, eine Branche und Arbeitsplätze zu stützen. Dies komme dann jedoch um einen gewissen Preis. So könne es zu höheren Preisen für Autos kommen, sinkende Absatzzahlen zur Folge haben, sinkende Erträge der Branche bewirken oder dies einen generellen Rückgang der Wirtschaftsaktivitäten mit sich bringen. Zölle seien eine Taktik, keine magische Erfolgsformel. Neben gewissen Vorteilen würden hohe Kosten und Risiken damit einhergehen. Als die Obama-Regierung 2011 Zölle auf Autoreifen erhob, kostete dies die amerikanischen Konsumenten unterm Strich 1,1 Mrd. USD mehr – um damit gerade einmal 1.200 Jobs zu sichern. Jeder einzelne Arbeitsplatz kostete damit 1 Mio. USD pro Jahr, bei einem Gehalt von Durchschnittlich 40.000 USD. Laut Marks hätten die USA in den vergangenen Jahrzehnten insgesamt rund 3,2 Mio. Jobs an die Chinesen verloren, hunderte Millionen Amerikaner allerdings die Vorzüge günstiger Preise gehabt. Dies ist es letztendlich, worum es geht. In einer globalisierten Welt würde man Arbeit dahin verlieren, wo Menschen bereit sind für weniger zu arbeiten. Beides zu haben – die Jobs und die günstigen Preise – sei ökonomisch unmöglich, auch nicht durch Zölle. Es bleibt zu hoffen, dass nicht nur die Amerikaner und die Chinesen diese ökonomischen Realitäten im Hinterkopf behalten, sondern auch die EU-Verhandlungsführer, wenn es nach einem Brexit um eine mögliche Zollunion mit einem unabhängigen Großbritannien geht.

Der Fed-Put ist zurück

Während in den letzten Wochen die Aussicht auf einen „Deal“ der USA mit China im Handelsstreit für Hoffnung an den Märkten sorgte, war ein ganz anderes Thema entscheidend. So sorgte Fed-Chef Jerome Powell für Stabilität an den Börsen, als er ankündigte, 2019 möglicherweise keine weiteren Zinserhöhungen umsetzen zu wollen (lesen Sie dazu auch unsere Grafik der Woche). Letzte Woche legte nun seine Fed-Kollegin Lael Brainard nach, die offen über mögliche Zinssenkungen im laufenden Jahr nachdachte. Die Konjunkturaussichten sein nicht mehr so gut wie im vergangenen Jahr, gleichzeitig drohe der Konsum als Stütze auszufallen. Hatten die Börsianer zuletzt ihr Urvertrauen auf die Notenbank als Retter verloren, scheint der „Zentralbanken-Put“ damit eindrucksvoll zurückzukehren. Noch 2018 schien es als ob die Notenbanker den Konflikt mit Trump suchen und zur Not sogar gewillt waren, die Konjunktur abzuwürgen. Alles vorbei und vergessen: Die Korrektur im vierten Quartal hat einigen Fed-Offiziellen offensichtlich genug Kopfschmerzen bereitet, dass diese heute gewillt sind, die Geldschleusen wieder zu öffnen. Einen Grund zum Jubeln gibt es für Börsianer dennoch noch nicht. Auch im weiteren Jahresverlauf wird es bei einem langsamen Herantasten daran bleiben, wieviel „Liquiditäts-Medizin“ die Märkte tatsächlich benötigen.

Ungemach nicht ausgeschlossen

Wenn die Briten – wie oben angedeutet – durch eine „aggressive“ Niedrig-Zoll-Politik, die womöglich noch durch eine Niedrig-Steuer-Politik in Zukunft flankiert wird, zumindest mittelfristig wirtschaftliche Stärke entwickeln können wird, dann dürfte die EU dies mit wirtschaftlicher Schwäche büßen müssen. Natürlich steht diese These diametral dem Mainstream-Gesäusel entgegen. Aber genau das macht der „Charme“ unserer These doch aus.

Kurzum, die größeren Gefahren aus Aktionärssicht sehen wir derzeit für die EU. Und das nicht nur wegen dem Brexit, sondern auch aufgrund der Bankenthematik in Südeuropa und der ständigen politischen Keilereien und Turbulenzen innerhalb der EU.

Die EU macht uns mehr und mehr den Eindruck eines Pulverfasses, für dessen Explosion nur noch ganz wenig passieren muss. Und die Engländer hätten sich in diesem Falle gerade noch rechtzeitig von diesem Pulverfass entfernt…

Die Charttechnik im DAX erscheint uns vor diesem Hintergrund recht spannend zu sein. Zunächst einmal wurde ja am 1. März der seit Juni letzten Jahres gültige Abwärtstrend (blaue Linie) nach oben gebrochen, seither notiert der DAX mehr oder weniger über diesem wichtigen Trend.

Nun kommt ihm aber von unten der rot eingezeichnete Aufwärtstrend entgegen und der Schnittpunkt aus beiden Trends liegt bei etwa 11.400 Punkten ungefähr in der Mitte der kommenden Woche. Was bedeutet das?

Für diesen Fall werden wir die Sicherung über das DAX-Derivat wieder eingehen – mehr dazu in der Sektion „Musterdepot“.

 

Musterdepot Aktien & Fonds

Im Bereich „Highlights/Musterdepot“ auf unserer Homepage können Sie heute etwas über die neueste Initiative unseres Musterdepottitels Facebook lesen. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

Die Zukunft des Goldes

Wie in unseren letzten Publikationen herausgearbeitet rechnen wir für die kommenden Jahre mit einem neuen großen Aufwärtstrend bei den Edelmetallen. Am 24. März 2019 (Sonntag) veranstaltet passend dazu unser langjähriger belgischer Kooperationspartner Brecht Arnaert eine exklusive Konferenz mit dem Titel „The Future of Gold“ in Breda (Niederlande). Der frühere Vize-Präsident von Morgan Stanley, Diederik Schmull, wird dort ebenso sprechen wie der unseren Lesern seit Jahren bekannte Gold-Fachmann Dimitri Speck („Geheime Goldpolitik“). Es ist uns übrigens gelungen für unsere Abonnenten die Konferenzgebühren von 499 EUR auf 245 EUR zu drücken – eine Ersparnis von über 50% oder 254 EUR. Mehr Informationen zu diesem Event finden Sie unter nachfolgendem Link:

http://arnaerteconomics.com/thefutureofgold/

Börsentage

Mit dem Reigen der Börsentage und Anlegermessen geht es auch im März munter weiter. Am 23. März der Börsentag in Frankfurt statt. Zu dieser Veranstaltung finden Sie hier nähere Informationen. Am 30. März ist es dann mit dem „Börsentag München“ quasi vor unserer Haustür soweit. Nähere Informationen zu diesem Börsentag finden Sie hier.

Smart Investor 3/2019

Titelstory:

Postsozialismus – Zwischen Asche und Auferstehung

Dividenden:

Linke Tasche, rechte Tasche, oder sinnvolle Strategie?

China:

Die Strategie des Drachens

Antrieb der Zukunft:

Wasserstoff als Alternative zu gängigen Lithium-Akkus?

 

Fazit

Während Europa wegen des Brexits in Schockstarre verfällt, basteln die Briten schon an Lösungen für die Zeit danach. Am Ende könnte auch die EU den Kürzeren ziehen.

 

Christoph Karl

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