2019 dürfte sich Risk-on durchsetzen

Dr. Daniel Hartmann

2018 folgten die europäischen Finanzmärkte eins zu eins dem Konjunkturtrend: So fiel das Allzeithoch beim DAX Ende Januar 2018 (13.596 Punkte) exakt mit dem zyklischen Hochpunkt zusammen. Danach ging es mit dem Wachstum und den Börsenkursen parallel abwärts. Im vierten Quartal war endgültig klar, dass die Eurozone in einem veritablen Abschwung steckte, worauf nahezu panikartige Aktienverkäufe einsetzten. Umgekehrt fand eine Flucht in die sicheren Häfen statt. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen, die zu Anfang 2018 noch auf 0,80% hochgeschnellt war, sackte Richtung Nulllinie zurück.

Konjunktureller Abwärtstrend

Der konjunkturelle Abwärtstrend der Eurozone ist bis heute nicht gestoppt, was inzwischen Rezessionsängste weckt und die Bundrenditen (zehn Jahre) Ende März sogar auf -0,09% gedrückt hat. Die Aktienmärkte ignorierten das Krisenszenario hingegen und legten im ersten Quartal kräftig zu (EURO STOXX 50: +13%). Dazu haben einmal mehr die Notenbanken beigetragen. Aus Angst vor einem konjunkturellen Absturz beendeten Fed und EZB ihren Ausstieg aus der ultraexpansiven Geldpolitik, was die Märkte goutierten. Hier setzt man erneut darauf, dass die monetären Impulse Wirkung entfalten und die Konjunktur anschieben. Sind das überzogene Hoffnungen?

Stabilisierung in China

Die Erwartung an die Heilkraft der Notenbanken ist sicherlich übertrieben. Dennoch dürfte in den nächsten Monaten eine konjunkturelle Erholung eintreten, allerdings aus anderen Gründen. 2018 war die überraschende Wachstumsverlangsamung in China maßgeblich für die globale Abkühlung. Besonders spektakulär zeigte sich dies im chinesischen Autoabsatz, der erstmals seit 28 Jahren rückläufig war. Inzwischen unternimmt die chinesische Regierung aber alles, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Erste Früchte der expansiven Makropolitik sind bereits in den Kreditdaten und einigen Konjunkturbarometern sichtbar. Die sich abzeichnende Stabilisierung in China wird positiv auf den Export der Eurozone ausstrahlen. Darüber hinaus wird die Wirtschaft der Währungsunion aber auch von innen gestützt. Die Fiskalpolitik ist erstmals seit zehn Jahren wieder leicht expansiv ausgerichtet.

Verhaltene Dynamik

In Anbetracht dessen sollte sich die Konjunktur der Eurozone im laufenden Quartal stabilisieren und das Wachstum im zweiten Halbjahr anziehen – gute Nachrichten für Aktien, deren jüngste Hausse fundamental flankiert wird. Die schlechte Nachricht ist, dass bereits viel in den Kursen eingepreist ist und die Dynamik der konjunkturellen Erholung eher verhalten ausfallen wird. Darüber hinaus bleiben Risiken: Unter anderem steht nach wie vor die Drohung von US-Importzöllen auf europäische Autos im Raum. Alles in allem rechnen wir beim DAX mit keinem neuen Allzeithoch am Jahresende, sondern „nur“ mit einer Bewegung in Richtung 13.000 Punkte. Für die Anleihemärkte dürften dagegen die besten Zeiten vorbei sein. Tritt unser Szenario ein, werden die positiven Konjunkturüberraschungen zunehmen. Die EZB muss daher keine weiteren expansiven Maßnahmen ergreifen. Stattdessen dürfte 2020 die erste Leitzinserhöhung am Horizont auftauchen. Die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen sollten in der Folge im Jahresverlauf kräftig steigen und Ende 2019 Richtung 1,0% marschieren.

 

Dr. Daniel Hartmann ist Chefvolkswirt der BANTLEON BANK AG. Nach einer Ausbildung bei der Deutschen Bank AG und an der Berufsakademie Stuttgart zum Diplom-Betriebswirt (BA) studierte Daniel Hartmann an der Universität Hohenheim Wirtschaftswissenschaften mit dem Schwerpunkt Volkswirtschaft. Anschließend arbeitete er zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Hohenheim und promovierte zum Dr. oec. mit „summa cum laude“. Im Jahr 2005 begann Daniel Hartmann als Analyst Economics bei der BANTLEON BANK AG in Zug, im Jahr 2008 wurde er zum Senior Analyst Economic Research ernannt, Ende 2017 zum Chefvolkswirt. Bei der BANTLEON BANK AG verantwortet Daniel Hartmann den Bereich „Wirtschaftliche Entwicklung und Geldpolitik in der Eurozone, in Osteuropa und in der Schweiz“.