Smart Investor 6/2019 – Dividenden, Dilettanten und denkwürdige Blasen

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Der Rubel rollt
Langjährige Börsianer wissen, dass es manchmal ganz schön Sitzfleisch benötigt, wenn man den Erfolg einer Investmentidee abwarten möchte. Mit unserer Empfehlung für die Aktie von Gazprom erfüllte sich ein wichtiger Teil unserer Prognose dagegen bereits kurz nach Erscheinen des Artikels im Heft 4/2019: So kündigte das Management des Unternehmens an, der Hauptversammlung die Verdopplung der Dividende für 2018 auf 16,61 RUB je Aktie (im Vorjahr 8,04 RUB) oder umgerechnet rund 0,46 EUR je ADR vorzuschlagen (siehe Musterdepot auf S. 56). Dies deckt sich voll und ganz mit unserer „Zukunftsvision“ für den russischen Gasgiganten, denn entgegen der landläufigen Meinung erwarten wir in den nächsten Jahren hohe freie Cashflows und eine deutlich erhöhte Ausschüttungsquote. Damit sollten sich bezogen auf den heutigen Kurs langfristig Dividendenrenditen von knapp 10% ergeben. Gleichzeitig könnte die hohe Ausschüttung eine erste Maßnahme dafür sein, Gazprom für den Kapitalmarkt attraktiver zu machen und aus seinem jahrelangen Dornröschenschlaf zu wecken. Wir werden die weitere Entwicklung mit Interesse verfolgen.

Game over?
Geduld mussten in den letzten Jahren auch Shortseller bei der Aktie von Tesla beweisen. Nachdem es Elon Musk zuletzt immer wieder gelungen ist, neue Fantasie für sein Kartenhaus zu entfachen, scheint ihm nun aber langsam die Fortune auszugehen. Die Aktie sieht angeschlagen aus, Musks neue Blendraketen scheinen nicht mehr zu zünden. Zuletzt machte das Unternehmen stattdessen mit einem fatalen tödlichen Crash in Florida (der unter Einsatz des Autopiloten stattfand) und einem eisernen Sparappell von Musk an seine Mitarbeiter von sich reden. Immer mehr Marktteilnehmern dürfte nun klar werden, dass es nicht die fehlende Produktionskapazität ist, die Tesla das Genick brechen könnte, sondern vielmehr die schwindende Nachfrage nach dessen Elektroautos. Musk versucht, den schlechten Zahlen seine Vision des autonomen Fahrens entgegenzusetzen. Verständlich, schließlich dürfte kaum jemand den Wahrheitsgehalt seiner kühnen Thesen überprüfen können. Das finale Kapitel der Tesla-Story dürfte eingeleitet sein …

Vergiftete Hauptversammlung
Mit der Nicht-Entlastung der Vorstände auf der Hauptversammlung von Bayer haben die Aktionäre ein außergewöhnliches Signal gesendet. Angesichts der dramatischen Kursentwicklung und der juristischen Probleme bei der erst 2018 akquirierten Monsanto ist dies auch kaum verwunderlich. Aktuell sieht sich Bayer mit mehr als 11.000 (!) Klagen konfrontiert, die bislang erfolgten Urteile sprechen eine eindeutige Sprache: In allen drei Fällen erklärte die jeweilige Jury Bayer für schuldig, die erstinstanzlichen Entschädigungssummen sehen existenzgefährdend aus. Die Frage aller Fragen dürfte sein, wie der Bayer-Vorstand die Rechtsrisiken von Monsanto so massiv unterschätzen konnte. Denn bei Milliardentransaktionen wie der vorliegenden sollte man eigentlich von einer exzessiven Legal Due Diligence, also der Überprüfung sämtlicher relevanter Rechtsrisiken ausgehen. Laut dem Gegenantrag des Corporate-Governance-Spezialisten Prof. Christian Strenger ist das Hauptproblem Folgendes: Aufgrund eines durch das U.S. Department of Justice auferlegten Verbotes sei es Bayer quasi unmöglich gewesen, sich das dringend erforderliche Bild über die Rechtsrisiken bei Monsanto zu machen. Der Vorstand habe den Deal dennoch so schnell wie möglich unter Dach und Fach bringen wollen – und dabei offensichtlich Pflichtverletzungen begangen. Es könnte also auch für CEO Werner Baumann selbst juristisch eng werden.

Zwar ist unser Heft schon am 25.5. erschienen, der Hype um Beyond Meat hat sich danach jedoch ungebremst fortgesetzt. Nachdem das Unternehmen einen Quartalsumsatz (!) von 40 statt geschätzt 38 Mio. USD erzielen konnte, wurde das Unternehmen an der Börse gestern temporär mit 11 Mrd. USD bewertet.

Veggie Day an der Börse
Unterdessen gibt es in den USA eine ungebrochene Euphorie für Börsengänge. Waren es in der Vergangenheit noch „heiße“ Tech-IPOs wie Lyft und Uber, die noch dazu mit mäßigem Erfolg an der Börse starteten, zeigen einige Neuemissionen mit fragwürdigen Geschäftsmodellen zuletzt ein Kursverhalten wie zuletzt um die Jahrtausendwende. So wird der chinesische Starbucks-Nachahmer Luckin Coffee bei 125 Mio. USD Umsatz und 242 Mio. USD Verlust (!) im Jahr 2018 mit mehr als 4 Mrd. USD bewertet (siehe S. 52). Noch absurder erscheinen die Relationen beim Fleischersatzproduzenten Beyond Meat: Das Unternehmen bringt zwischenzeitlich einen Börsenwert von 5,2 Mrd. USD auf die Waage, erzielte 2018 aber bei einem Verlust von 30 Mio. USD gerade einmal 88 Mio. USD Umsatz. Zwar sollen die aus einer speziellen Erbse und roten Beeten (für den Blutgeschmack im medium gebratenen Fleisch) hergestellten Produkte dem Geschmack von echtem Fleisch verdammt nahe kommen. Letzten Endes handelt es sich dabei jedoch um einen austauschbaren Rohstoff. Namhafte Konkurrenten wie Nestlé sollen bereits mit vergleichbaren Produkten in den Startlöchern stehen. Dass ein bislang kaum etablierter Markenname als Alleinstellungsmerkmal reichen wird, darf bezweifelt werden.