Smart Investor 7/2019 – Editorial

Christoph Karl, stellvertretender Chefredakteur

Was ist normal in diesen Zeiten? Der Goldpreis nimmt zum ersten Mal seit Jahren Kurs auf alte Höchststände, der Bitcoin explodiert, Börsenkandidaten können irrsinnige Preise aufrufen, Draghi kündigt noch tiefere Minuszinsen an und Fed-Chef Powell liebäugelt mit der Zinswende. Statt auf wahre Werte scheinen die Marktteilnehmer ihren Fokus voll und ganz aufs schnelle Geld zu richten und suchen wieder das Risiko. Handelskrieg? War gestern. Brexit? Abgehakt. Konjunkturabschwung? Scheint niemanden mehr zu interessieren. Doch ist das wirklich das ganze Bild?

Viele Anleger sind nach der Achterbahnfahrt der letzten zwölf Monate noch immer an der Seitenlinie. Zwar existieren in verschiedenen Bereichen Exzesse, von einer Blase à la 1999/2000 scheinen wir dennoch weit entfernt zu sein. So erklärte der Value-Altmeister Leon Cooperman zuletzt im US-Fernsehen: „Bullenmärkte enden mit exzessiven, nicht mit fairen Bewertungen.“ Es könnte sich also auch um eine klassische Mauer der Angst handeln, an der wir uns nach und nach emporhangeln. Warren Buffett sagte einst, dass wir einen hohen Preis für Sicherheit bezahlen. Das Warten auf weitere vermeintliche Klarheit könnte also ein teures Unterfangen werden. Was tatsächlich eingepreist ist? Wir wissen es nicht.

Statt sich mit den irrationalen Schwankungen der Märkte zu befassen, schwören viele Value-Fans darauf, gute Unternehmen zu kaufen und danach stoisch der Dinge zu harren. Keine schlechte Idee in diesen seltsamen Zeiten. Schließlich konnten klassische Value-Titel in der Vergangenheit häufig gerade dann ihre Trümpfe ausspielen, wenn es an den Märkten krachte (siehe S. 26). Doch was sind die wirklich guten Unternehmen? Hierzu gehen die Meinungen unter den Value-Anlegern bisweilen weit auseinander. Doch die „reine Value-Lehre“ gibt es nicht; vermutlich hat es sie auch nie gegeben.

Für die einen hat sich die Welt so massiv verändert, dass alte Bewertungsrelationen nicht mehr gelten. Die moderne, digitale Wirtschaft könne nicht mit den Methoden des 20. Jahrhunderts analysiert werden – sicherlich ein gutes Argument. Allerdings gibt es auch heute Anleger, die vor allem die Angst umtreibt, für ein Asset zu viel zu bezahlen. Irgendwo dazwischen dürfte die Wahrheit liegen: Value bleibt Value, einen Dollar für 50 Cent zu kaufen bleibt das Ziel. Wie, mit welchen Unternehmen und zu welchen absoluten Bewertungsniveaus dies erfolgt, ist dagegen eine offene Frage.

Wir haben daher mit David Iben gesprochen, der sich an Aktien herantraut, die alle anderen links liegen lassen (S. 16). Der Investor und Buchautor Yefei Lu hat uns erklärt, welche Denkmodelle den Erfolgsinvestments von Warren Buffett zugrunde lagen (S. 60). Daneben berichten wir von der Münchner Value Intelligence Conference (S. 10) sowie der ACATIS Value Konferenz (S. 8), stellen einige attraktiv bewertete Qualitätsaktien vor (S. 14 und S. 52) und beschäftigen uns mit der grundsätzlichen Frage, was Value in diesen Zeiten ausmacht (S. 6). Kurz gesagt: Wir wollen Ihnen das Netz an die Hand geben, mit dem sich die dicken Fische fangen lassen.

Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre.

Christoph Karl