Smart Investor 8/2019 – Digitale Revolutionäre

Nicht immer ist uns bewusst, wie sehr das Digitale unseren Alltag verändert. Geschäftsmodelle, die diesen Wandel vorantreiben, scheinen auf Wachstum programmiert.

Handschlag 2.0

Das Modewort „Digitalisierung“ wird zugegebenermaßen inflationär gebraucht. Tatsächlich werden jedoch immer mehr Prozesse und Abläufe komplett digitalisiert. Auch vor Verträgen und offiziellen Dokumenten macht dieser Wandel keineswegs halt. Unternehmen müssen sich dabei auf deren Rechtsverbindlichkeit, Echtheit und die korrekte technische Abwicklung verlassen können. Genau an dieser Stelle kommen die Dienste von DocuSign ins Spiel. Die E-Signature-Lösung der Kalifornier erlaubt es, praktisch alle Arten von Dokumenten sicher und vor allem rechtskonform vorzubereiten und zu unterschreiben. Nach der Übernahme des Softwareanbieters SpringCM im vergangenen Herbst wurde das Angebot um neue Services im Bereich des Dokumentenmanagements erweitert. Dadurch sieht DocuSign-Vorstandschef Dan Springer erhebliches Cross-Selling-Potenzial. Der Zukauf habe überdies die eigene Kundenbasis deutlich verbreitert. Die Kehrseite dieser Entwicklung sind gelegentlich längere Entscheidungszeiträume auf Kundenseite. Diese führten zuletzt zu einem leicht schwächeren Wachstum der Auftragseingänge. Die Betonung sollte hier gleichwohl auf „Wachstum“ liegen – schließlich legten die Kundenaufträge im Jahresvergleich noch immer um mehr als ein Viertel zu. Bei einer hoch bewerteten Aktie werden aber auch derart kleine Schönheitsfehler gelegentlich hart bestraft, wie die Kursreaktion (-13%) auf den Quartalsbericht zeigt. Springer kann der Entwicklung dennoch etwas Positives abgewinnen: Die Kunden würden sich nun viel intensiver mit DocuSigns verschiedenen Angeboten beschäftigen und im Durchschnitt teurere Softwarepakete einkaufen. Außerdem habe sich durch die Übernahme der potenzielle Markt für DocuSign auf rund 50 Mrd. USD verdoppelt. Für das aktuelle Geschäftsjahr scheint auf der Basis des robusten Jahresauftakts ein Umsatzwachstum von mehr als 30% wahrscheinlich. Im Kalenderjahr 2020 dürfte dann die Umsatzmilliarde deutlich übertroffen werden. Bedingt durch weiterhin hohe Investitionen bleibt das KGV zunächst dreistellig. Nicht zuletzt deshalb ist die Aktie nur risikofreudigen Anlegern zu empfehlen.

Businesscoach 2.0

Ein Unternehmen, ein Verein oder ein Geschäft ohne eigene Internetpräsenz? Inzwischen scheint dies kaum vorstellbar. Gleichzeitig betreiben auch immer mehr Privatleute ihre eigene Webseite. Für das israelische Unternehmen Wix.com liegt genau darin die Basis seines rasant wachsenden Geschäfts. Wix bietet einen cloudbasierten Onlinebaukasten, mit dem sich nach Drag-and-Drop-Prinzip alle Arten von Webseiten erstellen lassen. Das ist zunächst kostenlos. Für eine Reihe von weiteren Funktionen wie den Bezahldienst Wix Payments oder Angebote aus dem Bereich Onlinemarketing, mit denen sich die eigene Onlinepräsenz ausbauen und monetarisieren lässt, fallen dann aber Kosten an. Mehr als 4,1 Mio. User nutzen bereits die Premiumdienste in Form eines Abomodells, das dem Unternehmen wiederkehrende Erlöse verspricht. Insgesamt erreicht Wix schon fast 150 Mio. Nutzer auf seiner Plattform – ein Plus von fast 20% im Jahresvergleich. Das Wachstum erklärt sich jedoch nicht allein mit höheren Kundenzahlen. So gelingt es auch, den Umsatz je Nutzer weiter zu steigern. Im ersten Quartal nahm der für Wix wichtige ARPU (Average Revenue per User, also der durchschnittliche Umsatz je Nutzer) um 9% zu, was CEO Avishai Abrahami hauptsächlich auf neue kostenpflichtige Angebote und den verbesserten Kundensupport zurückführt. Letzterer soll weiter ausgebaut werden – es hat sich gezeigt, dass Wix-User nach einem Kontakt mit den Online-Expertenteams deutlich schneller zu zahlenden Kunden werden. Als digitale Visitenkarte ist eine professionelle Webseite inzwischen für die meisten Firmen unerlässlich. Das weiß auch Abrahami, der das eigene Angebot in diese Richtung konsequent forciert. Vom Design der Webseite über deren Hosting bis zum Support bietet Wix auf Wunsch alles aus einer Hand an. Die Kehrseite liegt in der ebenfalls stolzen Bewertung der Aktie, für die derzeit der neunfache Jahresumsatz und ein fast dreistelliges KGV verlangt werden. Gemessen am Free Cashflow erreicht Wix ein Multiple von knapp 60. Das macht zumindest kurzfristig eine Korrektur wahrscheinlich.

Lösungshelfer 2.0

Die Zeiten schier endloser Warteschleifen bei Inanspruchnahme des Kundendienstes scheinen allmählich vorbei zu sein. Zu verdanken ist dies auch Firmen wie Zendesk, die mit ihren Customer-Relationship-Diensten die Kommunikation zwischen Unternehmen und Verbraucher vereinfacht, verbessert und zum Teil sogar automatisiert hat. Bekannt ist Zendesk für seine gleichnamige Kundensupportplattform, mit der Unternehmen Anfragen auf unterschiedlichen Wegen – über das Telefon, die Webseite, per App oder E-Mail – nachverfolgen, priorisieren und am Ende hoffentlich lösen können. Immer mehr Online-Stores bieten inzwischen eine Chatfunktion, um mit ihren Kunden bei Fragen oder Problemen schnell in Kontakt treten zu können. Dahinter steckt oftmals die Technologie von Zendesk. Künstliche Intelligenz hilft schon heute bei der Beantwortung einfacher Probleme. Während der KI-basierte „Answer Bot“ viele Standardanfragen übernimmt, haben seine menschlichen Kollegen mehr Zeit für die wirklich schwierigen Fälle. Zendesk weiß, dass sich die Ansprüche der Verbraucher in den vergangenen Jahren stark verändert haben und dass vor allem die jüngere Generation einen schnellen, effizienten Kundensupport erwartet. Außerdem wollen Unternehmen die Frustrationstoleranz ihrer Kunden möglichst nicht mit einem schlechten Service auf die Probe stellen. Genau dort setzt auch die neu entwickelte CRM-Lösung „Sunshine“ an, in die Zendesk große Hoffnungen setzt. Der seit Kurzem über Amazons Clouddienst AWS erhältliche Dienst wird zunächst wie jede andere Investition die Ergebnisseite belasten. Im Gegenzug konnte der Vorstand mit Vorlage der Q1-Bilanz allerdings die Umsatzprognose für das Gesamtjahr auf 802 Mio. bis 810 Mio. USD (Vj.: 598 Mio. USD) anheben. Die temporär höheren Verluste sieht man als Investition in die Zukunft. Sie sind Teil von Zendesks rasanter Wachstumsstrategie, die an der Börse bislang ausgesprochen gut ankommt. Auf Jahressicht liegt die Aktie mit mehr als 50% vorne. Angesichts von fast 10 Mrd. USD Börsenwert empfiehlt es sich, zunächst einen stärkeren Rücksetzer abzuwarten.

Fazit

Unternehmen, die den digitalen Wandel gestalten oder sogar beschleunigen, gehören schon länger zu den Lieblingen der Investoren. Entsprechend üppig fallen ihre Bewertungen aus. Allein auf die hohen KGVs zu schauen könnte dennoch ein Fehler sein, denn nach diesen Maßstäben hätte man auch niemals in Amazon oder Netflix investieren dürfen.

Marcus Wessel