SIW 32/2019: Kampf der Kulturen

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SIW 32/2019: Kampf der Kulturen

Wie steht es tatsächlich um die Verhandlungspositionen im Handelskrieg?

Twitter-Crash

Dieser Schock saß: Hatte sich im Handelsstreit zwischen den USA und China zuletzt Entspannungsrhetorik breit gemacht, goss US-Präsident Trump am letzten Donnerstag um kurz nach 19 Uhr europäischer Zeit mit einer Serie von Tweets erneut Öl ins Feuer. Er kündigte Zölle von 10% auf weitere Waren im Wert von 300 Mrd. USD ab dem 1. September an und schickte damit die Börsen auf Talfahrt. Auch am darauffolgenden Freitag konnten sich die Kurse kaum beruhigen, zu Beginn dieser Woche gab es dann sogar einen kleinen „schwarzen Montag“. Der Grund dafür war diesmal die Antwort der chinesischen Seite: Statt wie bisher massiv am Devisenmarkt einzugreifen, ließ die People’s Bank of China (PBoC) den Kurs des Renminbi deutlich fallen. Erstmals seit Jahren mussten mehr als 7 chinesische Yuan für einen US-Dollar bezahlt werden. Mit der geschwächten Währung hofft die chinesische Führung offensichtlich den angekündigten Zöllen entgegenwirken zu können. Für die Börsianer war klar: Hier stellt sich jemand auf einen länger anhaltenden Handelskrieg ein. Die bislang eher unbeachtete Notierung des Yuan rückte damit diese Woche in den Fokus des Anlegerinteresses und beherrschte die Berichterstattung der US-Börsensender. Als der Kurs der China-Währung gestern keine weiteren Anzeichen einer Abwertung machte, sendete dies konsequenterweise Beruhigungssignale aus. Statt auf solche Kurzfristindikatoren zu blicken, sollten sich Anleger allerdings fragen, was tatsächlich hinter dieser neuerlichen Eskalation des Konfliktes steckt und ob von dieser Front in den nächsten Monaten eher positive oder negative Signale ausgehen dürften.

Zahnloser Tiger

Was war passiert? Der US-Handelsbeauftragte Lighthizer und US-Finanzminister Mnuchin waren letzte Woche zu neuerlichen Verhandlungen in China. Die Vorabbedingungen der Gegenseite hatten es nach Informationen des US-Hedgefondsmanagers Kyle Bass jedoch in sich: Die USA sollten nach Vorstellungen der Chinesen zunächst einmal sämtliche Zölle fallen lassen, Huawai wieder Zugang zum US-Markt verschaffen und die inhaftierte Huawai-Finanzchefin entlassen. Erst dann wäre man überhaupt zu weiteren Gesprächen bereit. Mit dieser Nachricht im Gepäck wären die beiden US-Verhandlungsführer am Donnerstag zu Donald Trump gekommen, der daraufhin tat, was er in solchen Situationen immer tut: Die Gegenseite unter Druck setzen. In den Tagen darauf legte er noch einmal nach und beschuldigte die Chinesen der Währungsmanipulation. Ganz offensichtlich wird jedoch auf beiden Seiten mit Halbwahrheiten gearbeitet. Donald Trump sollte sich zunächst einmal darüber informieren, was Währungsmanipulation tatsächlich ist. Denn das, was am Montag mit dem Yuan geschah, ist offensichtlich das komplette Gegenteil. Statt wie zuvor stützend an den Märkten einzugreifen, ließ die chinesische Zentralbank den Kurs an der langen Leine. Und der wertete deutlich ab (siehe Chart unten). Kyle Bass zufolge könnte der Yuan im Übrigen 30 bis 40% abwerten, würde die PBoC die Märkte vollständig freigeben. Was die chinesische Volkswirtschaft unter unvorstellbaren Druck setzten würde. Denn trotz der gewaltigen Devisenreserven benötigt die zweitgrößte Wirtschaftsnation der Welt enorme Summen US-Dollar, um seine Importe zu bezahlen. China benötigt Energie, Rohstoffe und Nahrungsmittel, das meiste davon in US-Dollar fakturiert. Weswegen die Drohgebärden aus Peking eher wirken, wie von einem zahnloser Tiger ausgesprochen.

Der längere Hebel

Zwar setzt der angekündigte Ankaufstopp von US-Agrarprodukten auch Trump unter Druck, da gerade die Farmer aus dem Midwest viele seiner Wähler darstellen dürften. Mittelfristig sitzen die USA jedoch am weitaus größeren Hebel. Chinas Präsident Xi muss händeringend versuchen, seine Volkwirtschaft am Laufen zu halten – und zwar nicht irgendwie, sondern mit einem Plus von 6% und mehr pro Jahr. Trump auf der anderen Seite riskiert lediglich ein um rund 0,5% reduziertes Wirtschaftswachstum – und kann das ganze Drama binnen Sekunden mit ein paar weiteren Tweets stoppen. Sollte der Druck auf die US-Volkswirtschaft zu groß werden, wird er – alleine schon um seine Wiederwahl sicherzustellen – diesen Joker ziehen. Xi und seine Adjutanten scheinen dagegen Trumps alten Bestseller „The Art of the Deal“ kaum gelesen zu haben. Eine Lektüre, die sich gelohnt hätte. Denn bereits in seiner Zeit als Immobilienentwickler wendete „The Donald“ die gleiche Taktik an: Den Gegner in einer misslichen Lage aggressiv unter Druck zu setzen und später unter minimalen Zugeständnissen eine Einigung erzielen. Methoden, die auf dem feinen diplomatischen Parkett bisher kaum üblich waren, erst recht nicht in einer Konsensgesellschaft wie der chinesischen. Einer der Gründe der Eskalation scheint daher auch ein kultureller Konflikt zu sein. Trump auf der einen Seite, der offensichtlich keinerlei Gespür für die Empfindlichkeiten seiner Gegenseite hat, sowie die Chinesen, bei denen das „Gesicht wahren“ häufig wichtiger ist als das faktische Ergebnis. Was lässt sich nun aus spieltheoretischer Sicht aus dieser Gemengelage machen? Trump spielt ein riskantes Spiel, hat allerdings (noch) alle Trümpfe in der Hand. Die chinesische Seite tritt nach außen offensiver auf, als sie es sich faktisch leisten kann. Beide Seiten stehen unter enormem Druck, den Schaden für ihre eigenen Volkswirtschaften so gering wie möglich zu halten. Trump bleibt dafür maximal noch ein gutes Jahr Zeit (Stichwort: US-Wahlkampf!), Xi muss quasi laufend gute Wachstumszahlen liefern. Nimmt man die kulturellen Unterschiede mit ins Kalkül, dürfte die chinesische Seite nicht so schnell klein beigeben, einem vorteilhaften Deal jedoch auch nicht im Weg stehen. Auf eines müssen sich Börsianer auf dem Weg zu einer Einigung aber auf jeden Fall einstellen: Weitere Twitter-Schocks aus blauem Himmel heraus – in die eine oder andere Richtung. Wie auch immer es weitergeht, es dürfte volatil bleiben!

Zu den Märkten

Im Zuge der Verschärfung des Handelsstreits kam es, wie bereits erwähnt, zu einer bemerkenswerten Kursbewegung beim Chinesischen Yuan (CNY) zum US-Dollar (USD). Dabei ist es nicht unbedingt der Anstieg um etwa 3%, der so erwähnenswert wäre. Der Yuan hatte in den letzten Jahres des Öfteren solche Sprünge an einem Tag gemacht. Nein, es ist vielmehr der massive bei rund 6,98 CNY pro USD auszumachende charttechnische Widerstand (rote waagerechte Linie), der zuletzt überwunden wurde. Wenn wir den Yuan-Kursverlauf als Psychogramm der chinesischen Währung und damit auch Volkswirtschaft auffassen, dann ist deren „Fieberkurve“ nun unterwegs auf ein neues Hitzeniveau. Und es sieht nicht danach aus, dass es hier demnächst zu einer Abkühlung kommen würde. Das neuerliche Aufkochen des Handelsstreits führte auch zu einem deutlichen Einknicken der chinesischen Aktienkurse, die gemessen am A-Share-Index seit dem Zwischenhoch Ende Juli in der Spitze fast 9% nachgaben. Übrigens entspricht das ziemlich exakt dem Verlust, den auch der S&P500 in der Spitze der letzten Tage erzielte.

US-Dollar legt zuletzt markant zur China-Währung Yuan zu und überwindet den so wichtigen Widerstand bei 6,96 CNY für 1 USD.

 

Ebenso viel verlor in diesem Zeitraum auch der DAX, wenngleich dieser schon davor ziemliche relative Schwäche zeigt. Das Chartbild zeigt hier den dramatischen Abverkauf bis knapp unter das Tief von Ende Juni. Seither korrigieren die Börsen zwar wieder leicht nach oben. Aus unserer Sicht ist aber mit den jüngsten Äußerungen von Donald Trump markttechnisch einiges Porzellan zerschlagen worden, weshalb wir weiterhin recht vorsichtig agieren. Vor diesem Hintergrund ist auch das Aufstocken unserer DAX-Short-Position (via einem Knock-out-Zertifikat) im Musterdepot zu verstehen.

 

DAX mit schwachem Chartbild. Kurzfristig könnte die blaue Unterstützung halten.

 

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Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste – dies gilt auch für unser Musterdepot. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

 

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Smart Investor 8/2019

Titelstory: Handelssysteme – Robust und emotionslos

Infrastruktur: Die Wirtschaft auf  den „Weg“ bringen

Hayek-Tage 2019: Über Wirtschaft, Ethik und Fragen der Politik

Big Tech-Unternehmen: Werden die „Big Four“ an die Kette gelegt?

 

Fazit

Trump und seine Zölle dürften uns noch einige Zeit begleiten und die Märkte volatil bleiben. Erst wenn der wirtschaftliche Druck zu groß wird, dürfte eine der beiden Seiten einlenken.

 

Christoph Karl, Ralf Flierl

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