„Die Aktualität der Österreichischen Schule – Wirtschaft, Ethik, Politik!“

Smart Investor 8/2019 – Heftauskopplung

Schlaglichter vom Symposium der Hayek-Tage 2019 in Wien

Unter der Leitung von Dr. Peter Fischer, Leiter der Wirtschaftsredaktion der Neuen Zürcher Zeitung, diskutierte zum Abschluss der Hayek-Tage 2019 ein hochkarätiges Podium über die Aktualität der Österreichischen Schule: Prof. Dr. Gunther Schnabl, Prof. Dr. Joachim Starbatty, Prof. Dr. Thorsten Polleit und Prof. Dr. Martin Rhonheimer. An dieser Stelle haben wir für Sie einige der Highlights zusammengefasst. Die vollständige Podiumsdiskussion finden Sie auf dem YouTube-Kanal der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft (https://youtu.be/sImAvju3J4s).

Österreichische Konjunkturtheorie

Starbatty: Entscheidend ist, dass die Investitionstätigkeit abgebrochen werden muss, wenn das Sparvolumen nicht ausreicht. Das ist die Grundidee der Kapital- und Konjunkturtheorie der Österreichischen Schule. Wenn der Zins zu niedrig ist, kann es sein, dass die Menschen nicht mehr sparen, sondern konsumieren. Dann bricht die Investitionstätigkeit ab. Für Keynes ist das absurd. Der Zinssatz muss so gesteuert werden, dass er es auf lange Sicht ermöglicht, dass Produktionen, die angeleiert werden, auch zu Ende geführt werden können.

Schnabel: Wenn die Zentralbank den Zins unter den natürlichen Zins setzt, kommt es zu einem nicht nachhaltigen Überinvestitionsboom bzw. spekulativen Aufschwung. Dann erhöht die Zentralbank die Zinsen und macht dadurch dem Aufschwung ein Ende. Während dann der natürliche Zins durch den Abbruch von Investitionsprojekten fällt, hält die Zentralbank den Zins zu hoch und verschärft dadurch den Abschwung. Die Geldpolitiker begehen die Fehler asymmetrisch: Sie halten im Boom zwar die Zinsen zu niedrig, aber in der Krise senken sie die Zinsen immer sehr viel schneller und dezidierter ab. Wenn die Zentralbank jetzt den Zins gegen null senkt, wird ein klares Signal an die Wirtschaftssubjekte gegeben, Investitionsprojekte mit sehr geringer Rendite auf den Weg zu bringen. Wir haben einen Scheinaufschwung erlebt.

Polleit: Die österreichische Konjunkturtheorie ist ja im Kern eine Krisentheorie. Es geht darum zu erklären, warum diese Boom/Bust-Zyklen auftreten. Der Kern des Problems ist das ungedeckte Fiatgeldsystem, in dem die Zentralbanken das Geldproduktionsmonopol halten und Geld in enger Kooperation mit den Geschäftsbanken per Kredit in Umlauf bringen. Die ökonomische Wirkung dieses Systems ist mit Geldfälscherei gleichzusetzen. Strukturen werden mit diesem Geld erhalten, die sich im freien Marktprozess nicht halten könnten. Diesen Strukturen fehlt die Leistungs- und Innovationskraft, die eine wachsende Volkswirtschaft braucht. Es kommt zur Zombifizierung. Hinzu kommt das Bankensystem im Euroraum, ein wahres Monstrum. Auch dort findet keine Marktbereinigung statt. Die Medizin, die da verabreicht wird, ist genau die gleiche Medizin, die die Krise hervorgebracht hat. Das Geldschöpfen aus dem Nichts ist ursächlich für diese Verwerfungen.

Zinsen und Geldpolitik

Starbatty: Dass Keynes’ Theorie durch die Weltwirtschaftskrise entstanden sei, ist ein allgemeines Urteil, aber es ist falsch. Die Vorstellungen von Keynes können Sie nachlesen in dem Essay „La fin du laissez-faire“. Was die europäische Geldpolitik angeht: Draghi macht keine Geldpolitik, er betreibt Staatsfinanzierung, das ist ganz offensichtlich. Wenn man damit aufhört, dann gibt es natürlich einen großen Knall. Die Notenbank kann da gar nicht mehr rauskommen. Wenn sie anfängt, den Zins wieder anzuheben, dann platzt die Eurozone.

Schnabel: Aus österreichischer Sicht ist ein Negativzins nicht erklärbar. Der Zins spiegelt die Zeitpräferenz wider, und die ist immer positiv. Wir würden gegenwärtigen Konsum immer dem zukünftigen Konsum vorziehen. Deshalb muss der Zins positiv sein. Durch den Negativzins werden die Erwartungen verändert: Konsum wird vorgezogen, es wird weniger investiert und die Produktivitätsgewinne gehen zurück. Die aber sind die Grundlage dafür, dass die Löhne für wachsende Bevölkerungsschichten steigen können. Die Unternehmer investieren jetzt weniger im realen Sektor, in Innovation oder Effizienzgewinnen, sondern gehen auf die Kapitalmärkte und spekulieren. Wenn die asymmetrische Geldpolitik die Bewertungsgewinne vor den drohenden Verlusten beim Platzen der Blase rettet, ist das eine Aufweichung des Haftungsprinzips und eine Einladung zur Spekulation, die die Effizienz unseres Wirtschaftssystems untergräbt.

Rhonheimer: Die Österreichische Schule ist ein Augenöffner. Dagegen verschleiert und verdeckt die heutige Mainstreamökonomie die eigentlichen Zusammenhänge. Wer darin geformt ist, der kann gar nicht sehen, was wirklich passiert. Die Leute verstehen nicht, woher unser Wohlstand kommt. Die Menschen meinen, der Kapitalismus und der Markt seien so ein System, das eigentlich Ungleichheit produziert und die Reichen bevorzugt. Aber es gibt zwei Arten von Ungleichheiten: eine, die gut ist, weil sie die Innovationen vorantreibt, und es gibt die Ungleichheit, die unberechtigterweise aus Verzerrungen des Marktes entsteht. Die Leute können das nicht unterscheiden, und das wird natürlich von verschiedensten antikapitalistischen und antimarktwirtschaftlichen Kräften ausgenutzt. Es ist ein Bildungsproblem, eine antikapitalistische Indoktrinierung.

Geldsystem

Polleit: Hayek wollte in den 1970er-Jahren einen Markt für Geld eröffnen, um das staatliche Geldmonopol aufzuheben. Er nannte das Währungswettbewerb. Durch Angebot und Nachfrage etabliert sich dann ein frei gewähltes Marktgeld. Das ist eine Idee, die in Ansätzen bereits umgesetzt wird – Stichwort: Bitcoin. Ein Hoffnungsschimmer sind auch die US-Bundesstaaten Utah, Wyoming und Arizona, die die Umsatz- und Kapitalertragsteuer auf Gold und Silber abgeschafft haben, um diese wettbewerblich gegenüber dem US-Dollar gleichzustellen. Es bedarf relativ weniger Maßnahmen, um einen freien Markt für Geld zu schaffen, wo die Menschen dann tatsächlich aus dieser Bedrängnis der Fiatwährungen entkommen können. Es ist unsere Aufgabe als Ökonomen, den Menschen aufzuzeigen, dass das staatlich monopolisierte Fiatgeld ökonomisch und ethisch defekt ist und durch besseres Geld ersetzt werden kann.

Schnabl: Das Kernproblem ist, dass die liberalen Wohlfahrtsstaaten Versprechungen machen, die sie alleine mit den Steuereinnahmen nicht mehr finanzieren können. Deswegen läuft die Finanzierung teilweise über die Notenpresse. Wenn ich private Währungen zulassen würde und diese zu ernst zu nehmenden Konkurrenten für das Geldschöpfungsmonopol der Staaten werden würden, dann fällt eine wichtige Finanzierungsquelle für die hohen Ausgaben und Verpflichtungen des Staates weg. Deshalb gehe ich davon aus, dass die Staaten diese Konkurrenten verbieten werden. Erst wenn die Politik verstanden hat, dass es so nicht mehr weitergehen kann, wird es zum Ausstieg kommen.

Rhonheimer: Die EZB sucht nicht nach der Lösung für ein ökonomisches, sondern für ein politisches Problem, nämlich die Erhaltung des Euro. Das hat höchste Priorität, ist aber ökonomisch völlig irrational. Jeder weiß, dass der Euro aus ökonomischen Gründen gescheitert ist. Ein Währungswettbewerb muss das staatliche Zahlungsmittel nicht ersetzen. Er hätte jedoch eine disziplinierende Funktion in Bezug auf das Staatsgeld. Es braucht eine Möglichkeit, dass man dem Staat sozusagen auf die Finger haut, ihn demokratisch zwingt, sein Geld stabil zu halten.

Zentralisierung vs. Dezentralisierung

Schnabl: Im Wesentlichen beruht der Wohlstand in Deutschland auf den Erhard’schen Reformen: Marktwirtschaft, eine starke Währung, Wettbewerb und offene Märkte mit echten Preissignalen. Das „Wirtschaftswunder“ hat ganz Europa nach oben gezogen und den europäischen Integrationsprozess ermöglicht. Heute dagegen verlassen sich die deutschen Unternehmen auf Währungsabwertung und niedrige Zinsen, und der Süden hofft auf Transferleistungen.

Polleit: Ein Staat lässt sich nicht kleinhalten, er wächst immer weiter an. Die stärkere Zentralisierung bestätigt mich in dieser Einschätzung. Einen freiwilligen Verbund mit Freihandelszone und ein Selbstbestimmungsrecht der Regionen mit Austrittsmöglichkeit sehe ich als positiv und friedensstiftend. Das Model Schweiz wäre so ein Ansatz. Alles andere ist nicht zum Wohle der Bürger.

Rhonheimer: Die Abschaffung des Staates ist genauso unrealistisch wie einen Minimalstaat minimal halten zu wollen. Die Menschen sind nicht vollkommen. Politiker werden immer versuchen, auch ihre eigenen Interessen zu verfolgen. Das Gleiche gilt für die Beamtenschaft. Es gibt nicht die ideale Welt. Ich glaube, der Föderalismus ist die Antwort, nicht die Kleinstaaterei. Das ist ja das Attraktive an der Schweiz. Wir müssen immer realistisch in einer realen Welt verbleiben. Es gibt eine Gravitationskraft in die falsche Richtung, und wir als „Österreicher“ halten das Instrument in der Hand, das zu analysieren und [davor] zu warnen. Die Politik wird immer politische Interessen vertreten, und die sind eben zum Teil ökonomisch irrational.

Starbatty: Der Sinn der Währungsunion war es, die Bundesbank zu entmachten. Was man nicht bedacht hatte: dass man die externe Abwertung durch die interne Abwertung ersetzt hat. Das ist eine unglaubliche Last für diese Länder. Die wären alle besser gefahren, wenn es die Währungsunion nicht gegeben hätte.

Das „kalte“ Herz der Österreicher

Rhonheimer: Es wäre viel sozialer, wenn die Welt nach den Prinzipien der Österreichischen Schule funktionieren würde. Der Konsumismus ist eine Folge des Keynesianismus, der uns weismachen möchte, dass wir durch Konsum reicher werden. Tatsächlich werden wir reicher, wenn wir sparen und für uns selbst und unsere Familie vorsorgen. Dagegen ist das heutige System darauf ausgerichtet, dass man die Leute dazu treibt, möglichst viel zu konsumieren und alles zu vergessen, was ihre Zukunft betrifft, also pure Gegenwartspräferenz. Wenn die Wirtschaft so funktionieren würde, wie es die Österreichische Schule eigentlich sieht, also durch einen freien Markt und Individuen, die selbst für ihre Zukunft verantwortlich sind, dann hätten wir eine völlig andere Welt. Eine Welt, wo sich die Menschen auch mehr für ihre Mitmenschen verantwortlich fühlen, wäre wünschenswert. Wenn ich heute einen Bettler auf der Straße sehe, dann weiß ich, der braucht mich nicht, um zu überleben. In einer Gesellschaft, wo der Staat das nicht alles organisieren würde, da wäre ich in meinem Gewissen immer gefordert, Bedürftigen auch tatsächlich zu helfen. Die Österreichische Schule ist eben nicht etwas Kaltes, sondern setzt viel eher auf menschliche Kräfte wie Solidarität und Nächstenliebe.

Starbatty: Freiheit ist auch mit Scheitern verbunden. Wer frei ist, muss haften. Das entscheidende Prinzip ist die Haftung. Wenn ich hafte, kann ich verlieren. Und deswegen müssen Leute auf die Freiheit vorbereitet werden. Insofern braucht man auch eine Kultur zur Freiheitserziehung.

Zusammenfassung: Ralph Malisch