Neuseeland – Stressfreie Zone am anderen Ende der Welt

Stressfreie Zone am anderen Ende der Welt

Saftige grüne Wiesen, im Schatten dösende Schäfchen, Schauplatz für das Film-Epos „Herr der Ringe“, weit und breit keine Menschenseele und nicht selten Zielort für die Hochzeitsreise
eines frisch vermählten Pärchens. Dieses einfache Bild von Neuseeland ist jedoch nicht ganz vollständig.

Der große Schnitt

Denn in Neuseeland, damals so etwas wie das Albanien des Westens, gab es im Jahr 1984 vor allem eines: Kontrollen. Preise, Löhne, Einfuhren und die Währung – alles wurde per Dekret festgezurrt und sicherte die Garantie auf Arbeit sowie das engmaschige soziale Netz ab. Der durchschnittliche Steuersatz lag bei 60%. Außerdem wurde die Landwirtschaft, der mit weitem Abstand wichtigste Wirtschaftszweig Neuseelands, extrem bezuschusst.
Beispielsweise wurden die Bruttolöhne zu 38% aus der Staatskasse bezahlt. Für viele Linksromantiker mag dies eine Traumkonstellation sein, aber die neuseeländische Regierung
unter dem damaligen Premierminister David Lange und seinem Finanzminister Roger Douglas (nach ihm wurden die Reformen benannt: Rogernomics) wollten das Zerbersten des
Systems verhindern. Die Macher in Wellington schafften Subventionen bis Ende 1987 ohne Übergangsfristen einfach ab. Dazu führten sie die bis dato unbekannte Mehrwertsteuer ein,
mit der Begründung, sie sei viel einfacher und kostengünstiger zu erheben als die komplexe Einkommensteuer. Neuseeland wurde zu einer freien Marktwirtschaft umgebaut.

Willkommen im Unternehmer- und Bauernstaat

Den 4,1 Mio. „Kiwis“ wurde sehr viel abverlangt, nur drosselte die Regierung zwischenzeitlich das Reformtempo. Maggie Thatcher scheiterte exakt daran, ihre Wähler zu überfordern. Der Neuseeländer hat aus dieser Zeit viel gelernt und zeigt sich daher notwendigen Reformen gegenüber aufgeschlossen. Das bestätigt auch Philipp Vorndran, Anlagestratege beim Vermögensverwalter Flossbach & von Storch: „Die Bevölkerung ist nach wie vor
reformbereit, vor allem aber ist sie ehrlich zu sich selbst. Familien erzählen frei über das Scheitern bestimmter Lebensabschnitte. In Europa dagegen wird das Scheitern ausgeblendet und stattdessen nur von Erfolgen gesprochen.“ Dennoch gibt es rückwirkend auch kritische Stimmen. Demnach seien die Reformen trotz allem zu rasch vonstatten gegangen, der Verkauf von Staatseigentum habe zudem nicht selten in einem Desaster gemündet.
Trotzdem will zum Beispiel keiner der 13.000 Milchbauern zu den alten Zuständen zurück, denn die Einführung von Wettbewerb hat viele der jetzt noch aktiven Landwirte gestärkt.

Weltmeister beim Milchexport

Heute ist Neuseeland mit 35% Weltmarktführer beim Milchexport, noch vor der gesamten EU25-Zone und Australien. Dabei liegen die Produktionskosten bei knapp der Hälfte im Vergleich zu Deutschland. Der Erfolg im Agrarsektor hängt eng mit den Reformen der 80er-Jahre zusammen. Was für die Milchbauern galt, zählte auch für das ganze Land: Die Menschen mussten lernen, unternehmerisch zu denken. Von diesem Umlernprozess,
der eine Grund- und Kreativenkultur schaffte, zehrt das Land bis zum heutigen Tag. Mittlerweile gehört Neuseeland zu den unternehmerfreundlichsten Volkswirtschaften, im Doing-Business-Ranking der OECD belegt das Land den zweiten Platz. Wer in Neuseeland ein Unternehmen gründen möchte, muss sich jedoch mit dem stark britisch geprägten Rechtssystem auseinandersetzen. Vermögen wird in Neuseeland weitestgehend an einen Trust übertragen. Dieser ist ein Rechtsmantel, der Vermögen besitzt und verwaltet. Der Begünstigte eines Trust ist somit vermögenslos, kommt aber in den Genuss des
Einkommens aus dem Trust-Vermögen. Im Gegensatz zum regulären Erwerbseinkommen, das mit 39% besteuert wird, werden Erträge aus dem Trust nur mit 33% besteuert. Für Ausländer hält Neuseeland ein besonderes Vehikel bereit: Den New Zealand Foreign Trust. Wer also sein Vermögen an diesen Trust überträgt und nicht in Neuseeland lebt, wird für das daraus generierte Einkommen vom Fiskus nicht zur Kasse gebeten.

Erschwingliches Haus mit Pool

Für Auswanderwillige ist nicht nur die Trust-Konstruktion gewöhnungsbedürftig. Auch hohe Lebensmittelpreise prägen den Alltag. Allerdings sind dagegen die Preise am Immobilienmarkt
nach hiesigen Maßstäben günstig. Philip Vorndran ergänzt hierzu:
„Mit der Hälfte des Einsatzes von Deutschland, also bereits für rund 400.000 EUR, bekommen sie in Auckland oder Wellington ein schmuckes Häuschen samt Pool und Blick aufs Meer. Und selbst für Ausländer ist der Immobilienerwerb nicht schwierig.“ Abseits der wenigen Städte ist es vor allem die eindrucksvolle Natur, die Besucher wie Einwanderer überwältigt.
Großflächige Nationalparks schützen Fauna und Flora, in den Salzwasserpools des Mount Maunganui lässt sich formidabel entspannen. Vor der Küste des Städtchens Kaikoura tummeln
sich neben Walen und Delphinen auch Albatrosse und Robben. Zwar ist Neuseeland in etwa so groß wie Deutschland, jedoch liegt die Siedlungsdichte bei nur einem Zehntel. „Das Land ist
für Menschen geeignet, die Naturliebhaber sind und nicht täglich Halligalli brauchen“, bestätigt Philip Vorndran. Gegenüber Ausländern ist die Akzeptanz im Übrigen sehr hoch, einzig Asiaten
sind partiell weniger gern gesehen, weil sie sich sozial isolieren und lediglich Schul- oder Universitätszeiten absolvieren.

Umlagefinanzierung – was ist das?

Da Neuseeland erkannt hat, sich aus der agrarisch-touristischen Schiene weg entwickeln zu müssen, werden im Bildungssystem, das ebenfalls stark britisch geprägt ist, große Anstrengungen unternommen. Für ein Jahr Schule müssen Eltern etwa 2.500 EUR aufbringen,
für die Universität dürfte es das Fünf- bis Achtfache dessen sein. Ebenfalls für den Gesundheitsbereich existiert ein Zuzahlungssystem, das auf einer Kopfpauschale aufbaut. In dieser trägt der Staat das komplette Unfallrisiko, weshalb die Kopfpauschale teilweise sehr
günstig ausfällt. Für Zusatzleistungen, oder auch terminliche Vorverlegungen, muss jedoch extra gezahlt werden. Viele Neuseeländer reagieren heute irritiert, wenn Deutsche ihr Umlageverfahren hochhalten. Neuseeländer haben am eigenen Leib erfahren müssen, welche falschen Anreize solch ein System setzt. Was auch für Neuseeland spricht, ist die fiskalisch günstige Situation. Seit 2002 wurden Haushaltsüberschüsse erzielt, 2008 gab der Staat dann 1,1% mehr aus, als er einnahm. Das Defizit wird auch in diesem und im nächsten Jahr bestehen bleiben, denn die Regierung will in die Infrastruktur und den Produktivitätsfortschritt
investieren. Bei unter 30% Verschuldung in Relation zum BIP sind die Verschuldungs-spielräume anders als hierzulande noch üppig, Neuseeland könnte also zu einem echten Gewinner der gegenwärtigen Krise avancieren.

Fazit

Neuseeland stand 1984 am Abgrund. Die Regierung war allerdings willens, dem Land eine Radikalkur zu verordnen. Die Menschen jedoch scheinen sich mit Markt & Co. gut arrangiert
zu haben und gehen frohen Mutes in die Zukunft. Dieser realistische Optimismus ist für Zuwanderer verlockend, dazu die einfache Steuergesetzgebung sowie ein abgespeckter bürokratischer Apparat. Wenn nur die 26 Stunden Flug nicht wären.

Tobias Karow

aus Smart Investor 5/2010