Das Hindenburg-Omen

Gastbeitrag von Markus Lindermayr, Analyst beim Researchhaus GBC AG

Markus Lindermayr ist Chefredakteur und Senior Analyst beim Augsburger Researchhaus GBC AG. In der periodisch erscheinenden „Lindermayr’s Depesche“ lässt er einen eingeweihten Kreis an seinen Methoden und Gedanken teilhaben. Mehr Informationen unter www.lindermayr-depesche.de

Lange Zeit hat man nichts von ihm gehört, dem Hindenburg-Omen, einem Frühindikator, der Kursschwächen vorher anzeigen soll. Zuletzt schlug es Anfang Juni 2008 an. Nun ergab sich am vorigen Donnerstag erstmals wieder ein Signal. Der Indikator, der nach dem Zeppelin Hindenburg benannt wurde, das am 6. Mai 1939 bei Lake Hurst verunglückte, ist zum ersten Mal 1979 von G. Fosback im Buch „Stock Market Logic“ publiziert worden.

Das Hindenburg-Omen soll eine erhöhte Wahrscheinlichkeit eines größeren Kursrückganges vorzeitig anzeigen. Dazu werden fünf Indikatoren basierend auf den Notierungen an der New Yorker Börse (New York Stock Exchange, kurz: NYSE) täglich berechnet. Nur wenn alle diese fünf Indikatoren gleichzeitig zutreffen, entsteht ein Hindenburg-Omen (HO). Nun betrachten wir die einzelnen untergeordneten Bedingungen.

1. Mindestens 2,2% der Aktientitel an der NYSE müssen sich neu (!) auf 52-Wochen-Hoch befinden. In einem Bullenmarkt ist es zunächst nichts Ungewöhnliches, wenn neue Hochs in diesem Umfang ausgebildet werden.

2. Mindestens 2,2% der Aktientitel an der NYSE müssen sich neu am 52-Wochen-Tief befinden. Diese Bedingung passt eigentlich gar nicht mit der Ersten zusammen. Wenn aber beide Bedingungen zutreffen, dann entwickelt sich der Aktienmarkt ziemlich gespalten. Auf diese gespaltene und ungesunde Entwicklung zielt das Hindenburg-Omen ab.

3. Die Anzahl der Titel auf 52-Wochen-Hoch darf höchstens zweimal so groß sein wie die Anzahl der 52-Wochen-Tiefs. Diese Bedingung soll sicherstellen, dass es sich wirklich um die gesuchte Spreizung des Marktes handelt, und Fehlsignale eliminieren.

4. Der Gleitende 10-Wochen-Durchschnitt des NYSE-Index muss höher sein als vor zehn Wochen. Ein Anstieg dieses Durchschnitts zeigt einen bestehenden Aufwärtstrend an. Das Omen soll ja eine ungesunde gespaltene Aufwärtsbewegung erkennen, deshalb braucht es einen Aufwärtstrend.

5. Der McClellan-Oszillator ist negativ. Der McClellan-Oszillator ist in der technischen Analyse als MACD (Moving Average Convergence/Divergence) bekannt. Er wird aus der Differenz zweier exponentieller Durchschnitte errechnet. Dabei wird der 39-Tage-Durchschnitt vom 19-Tage-Durchschnitt abgezogen. Damit der Oszillator negativ wird, muss also der 19-Tage-Durchschnitt der New Yorker Börse über dem von 39 Tagen liegen. Dieses Signal soll eine technisch überkaufte Situation anzeigen.

Zusammenfassung
Ein Hindenburg-Omen – also wenn alle fünf Faktoren zutreffen – zeigt eine ungesunde, gespaltene Aufwärtsbewegung des Aktienmarktes (NYSE) im überkauften Zustand an. Allerdings hat ein einzelnes Hindenburg-Omen in der Vergangenheit öfter auch falsche Signale gegeben. Technische Analysten haben gezeigt, dass das Auftreten eines zweiten Hindenburg-Omens innerhalb von 36 Tagen die Bedeutung erhöht.

Von 1986 bis heute hat es nur 27 solcher bestätigter Hindenburg-Omen gegeben. Sie führten laut dem Researchdienst Market Oracle in der Folge zu Kursverlusten von 0,2% bis 50%. Dabei ist der 50%-Verlust nach dem jüngsten bestätigten HO-Signal vom 6. Juni 2008 entstanden. Bei den Signalen, die kaum zu Kursrückschlägen führten, hatte übrigens die Notenbank mit expansiver Geldpolitik ihre Finger im Spiel.

Wir erkennen also, dass ein Hindenburg-Omen eine gespaltene ungesunde Marktlage widerspiegelt, die zu Kursabschlägen führen kann. Das Risiko steigt erheblich, wenn das Signal innerhalb von 36 Tagen bestätigt und die Geldpolitik zwischenzeitlich nicht lockerer wird. Solange das nun aufgetretene Omen unbestätigt bleibt, sollten man sich jedoch keine grauen Haare wachsen lassen.