Norwegen – Öl, Trolle, Nordlichter

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Das Land am nördlichen Rand Europas präsentiert sich dem Betrachter als unerwartet spannend und facettenreich. Das klassische rote Holzhaus auf sattgrüner Wiese und einem malerischen Fjord im Hintergrund ist hierbei nur der klischeehafte Anfang. Sportbegeisterte – insbesondere Wintersportler – werden sofort an den legendären und immer noch aktiven Biathleten Ole Einar Björndalen denken oder auch an die olympischen Winterspiele von Lillehammer 1994, dem Vernehmen nach die stimmungsvollsten Spiele aller Zeiten. Dass aber der skandinavische Staat eines der reichsten Länder der Erde ist, mit einer der effektivsten Verwaltungen weltweit und einem modernen Gesellschaftssystem, dürfte den wenigsten Menschen bewusst sein.

Höchster Lebensstandard
Nicht ganz fünf Millionen Menschen leben in Norwegen und dürfen laut einer Studie der UN den höchsten Lebensstandard der Welt genießen. Und wenn man einer Studie der Weltbank glauben schenken darf, dann ist Norwegen das Land, in dem es am einfachsten ist, ein Unternehmen zu gründen. Beste Voraussetzungen also für wirtschaftliche Prosperität und Wohlstand. Allerdings war Norwegen lange Zeit nicht sonderlich wohlhabend, und auch als eigenständiger Staat besteht es erst seit 105 Jahren. Damals lösten sich die Norweger per Volksentscheid aus der Union mit Schweden und setzten Haakon VII. auf den neu geschaffenen Königsthron. Heute regiert sein Enkel Harald V. das Land. Trotz seiner Staatsform als konstitutionelle Monarchie haben Volksentscheide eine gewisse Tradition im Land. So wurde beispielsweise der Beitritt zur Europäischen Union gleich zweimal abgelehnt. Allerdings ist Norwegen Teil des Europäischen Wirtschaftsraums und unterzeichnete aufgrund seiner Mitgliedschaft in der nordischen Passunion das Schengener Abkommen.

Das Öl macht es möglich
Seinen ungeheuren Reichtum verdankt Norwegen dem Öl, das Mitte der 60er Jahre vor seinen Küsten entdeckt wurde. Anders als viele rohstoffreiche Länder dieser Welt geht das Königreich mit seinen Öl-Milliarden sehr verantwortungsbewusst um. Anstatt das Geld für riesige, mehr oder weniger sinnvolle Prestigeobjekte zu verpulvern, wurde ein Staatsfonds aufgebaut. Der „Statens pensjonsfond“ ist inzwischen mit rund 380 Mrd. USD einer der größten seiner Art weltweit. Die Unternehmen, in die der Fonds investiert, werden gemäß ethisch-nachhaltigen Kriterien ausgewählt. Investments im eigenen Land sind verboten. Auch darf er nicht mehr als 5% der jeweils ausgesuchten Unternehmen erwerben. Diese kluge Umgangsweise mit ihren Ressourcen hat natürlich auch Auswirkungen auf die Landeswährung. Die Norwegische Krone dürfte von dem kommenden Crack-up-Boom profitieren und sich im Vergleich zu den meisten anderen Währungen als stabiler erweisen.

Billiger Strom – teures Leben
Auch in mancherlei anderer Hinsicht sind die Norweger dem Nachhaltigkeitsgedanken verpflichtet: 98% des Stroms werden durch Wasserkraftwerke produziert. Das hat zum einen den Vorteil, dass Norwegens Energieversorgung völlig unabhängig von fossilen Brennstoffen ist. Zum anderen ist Strom unglaublich billig verglichen mit mitteleuropäischen Preisen. Entsprechend wird die billige Elektrizität auch genutzt. Das Licht lässt der Norweger eigentlich immer brennen, und in der Regel wird auch mit Strom geheizt. Im Gegensatz zu Strom sind die meisten anderen Lebenshaltungskosten in Norwegen jedoch deutlich teurer. Insbesondere für Tabakprodukte und Alkohol muss tief in die Tasche gegriffen werden. Auch die Immobilienpreise haben in den letzten Jahren deutlich angezogen, und es deutet wenig auf eine baldige Abkühlung hin. Denn grundsätzlich kaufen die Norweger lieber als dass sie mieten. Dass der Staat Käufer oft mit günstigen Krediten unterstützt, treibt die Preise natürlich weiter.

Natur pur
Dafür hat Norwegen aber landschaftlich einiges zu bieten: beispielsweise mit 80.000 km eine der längsten Küstenlinien Europas – wenn alle Inseln und Fjorde mit einbezogen werden. Diese sind eines der Wahrzeichen Norwegens und reichen weit in das Landesinnere hinein. Mit dem tiefblauen Meer und den steil aufragenden Felsküsten formen sie wunderschöne und beeindruckende Landschaften. Den Gegensatz dazu bildet der skandinavische Gebirgszug, kurz Skanden. Fast über das gesamte norwegische Festland erstreckt sich diese Gebirgskette mit Gipfeln von bis zu 2.500 Metern Höhe. Insgesamt hat Norwegen eine Fläche von über 380.000 km² (Deutschland: 357.000 km²).

Familienfreundliche Politik

Mehr als genug Platz also für die Norweger, deren Staat als einer der wenigen Europas noch ein Bevölkerungswachstum aufweist. Nicht zuletzt der familienfreundlichen Gesellschaftsordnung verdanken die Norweger eine der höchsten Geburtenraten Europas. Es ist selbstverständlich, dass beide Elterteile arbeiten (wegen der hohen Lebenshaltungskosten müssen sie dies allerdings auch oft), die Versorgung der Kinder ist dennoch immer gewährleistet. Für wirklich jedes Kind steht ein Kindergartenplatz zur Verfügung. Eine Elternzeit, die 46 Wochen bei vollem Lohnausgleich garantiert, erleichtert natürlich ebenfalls den Start in das Elternsein ungemein. Die durchschnittlichen Wochenarbeitszeiten mit 35 bis 38 Arbeitsstunden sind eher moderat. Hinzu kommt, dass in Norwegen Geschlechtergleichheit nicht nur dem Gesetz nach herrscht, sondern auch in der gesellschaftlichen Wirklichkeit angekommen ist. Sehr viele Frauen haben Führungspositionen inne, und immer mehr Väter – 2009 fast 20% – nehmen Vaterschaftsurlaub über das gesetzliche Minimum von zehn Wochen hinaus.

Einwanderung fördert Wachstum
Neben dem Geburtenzuwachs trägt auch die Einwanderung zum Bevölkerungswachstum bei. Einwanderer sind willkommen und werden recht schnell integriert. Kein Wunder, denn in Norwegen herrscht annähernd Vollbeschäftigung – die Arbeitslosenquote liegt unter 3%. So verspürt das Königreich natürlich einen gewissen Fachkräftemangel, insbesondere Fach- und Zahnärzte, aber auch Ingenieure und Techniker sind gefragt. In Zukunft dürfte der Fachkräftemangel sogar eher noch zunehmen. Auch kommen die Fremden gerne ins Land, denn die Löhne sind bei einem Durchschnittsbruttoverdienst von 3.400 EUR mit die höchsten in Europa. Dafür muss man dann aber wieder fast die Hälfte für Steuern und die Sozialsysteme abgeben.

Starker Staat
Die Sozialsysteme sind daher allerdings auch vorbildlich. Die Schulausbildung ist kostenlos und auch, das Universitätssystem ist bis auf eine kleine Verwaltungsgebühr kostenfrei. Insgesamt findet sich auch in Norwegen das skandinavische Konzept des starken Staats (was Anhänger der Österreichischen Schule eher irritieren mag). Dem wirkt ein wenig das starke persönliche und freiwillige Engagement der Norweger in sozialen Einrichtungen entgegen. Mindestens zwei Stunden ihrer persönlichen Freizeit „opfern“ die meisten Norweger pro Woche für die schwachen Mitglieder der Gesellschaft. Bei soviel Engagement verwundert natürlich die harte Haltun

g, die die Norweger gegenüber anderen schwachen Lebewesen an den Tag legen – den Walen. Ein Ende der ökonomisch völlig sinnfreien Jagd ist bisher nicht absehbar.

Fazit
Norwegen ist ein großartiges Land mit enormen wirtschaftlichen Perspektiven, die auch nach dem Ende des Öls Bestand haben werden, schließlich hat die Politik bereits seit der Entdeckung der Vorkommen für diesen Fall durch die Bildung des „Statens pensjonsfond“ vorgesorgt. Die Bevölkerung und die Staatsorganisation machen es einem leicht, sich in dieses Land zu verlieben. Die üppige Natur tut ein Übriges dazu.

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