Rettung Freiwirtschaft?

Rahim Taghizadegan ist Wirtschaftsphilosoph
und einer der führenden Köpfe
des Instituts für Wertewirtschaft in
Wien. Daneben ist er Universitätsdozent
u.a. an der Hochschule Liechtenstein
und Co-Autor diverser Bücher, u.a.
„Wirtschaft und Ethik“, „Der Anti-
Steingart“, „The Regulation Race“. Der
hier vorliegende Artikel ist ein Ausschnitt
einer tiefer gehenden Analyse,
die kostenfrei auf wertewirtschaft.org
zugänglich ist.

Zusammenbruch der Aktienmärkte, Bankenpleiten, horrende Arbeitslosenzahlen: Der Kapitalismus, so hört man allenthalben, ist wieder einmal in der Krise. Zwar hat der Kapitalismus – oder vielmehr das, was man dafür hält – bis heute alle seine Gegner und Untergangspropheten überlebt; zuletzt, so sagt man, habe auch seine Stunde geschlagen, werde er an seinen systemimmanenten Fehlern zugrunde gehen. Und wenn auch „Kapitalismuskritiker“ angesichts der „kapitalistischen“ Hiobsbotschaften frohlocken – mit dem Debakel des Sozialismus haben sie die einzig nennenswerte Alternative zu dem, was sie Kapitalismus nennen, verloren. Oder vielleicht doch nicht?

Die Freiwirtschaftslehre
Aus den vielen verschütteten Ideologien des 19. Jahrhunderts hat sich eine Denkrichtung eine gewisse Popularität erhalten können: die Freiwirtschaftslehre des Silvio Gesell. Sie scheint den vielmals beschworenen Dritten Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus darzustellen, indem sie die Vorteile beider vereint und ihre Nachteile vermeidet. Merkwürdigerweise strebt die durchaus konstruktivistische Freiwirtschaftslehre als Endziel jedoch die „natürliche Wirtschaftsordnung“
an; Gesell, der liberale Kaufmann und fortschrittliche Kosmopolit, der sozialdarwinistische Menschheitsverbesserer und egalitäre Utopist, wie kaum ein anderer Kind seiner Zeit, ist zutiefst überzeugt vom Nutzen, ja vom Segen des Freihandels – der Globalisierung, um den heutigen Begriff zu verwenden –, rechnet sich gar dem Manchesterliberalismus zu:

„Diese natürliche Wirtschaftsordnung könnte man auch als
,Manchestertum’ bezeichnen, jene Ordnung, die den wahrhaft freien Geistern immer als Ziel vorgeschwebt hat – eine Ordnung, die von selber, ohne fremdes Zutun steht und nur dem freien Spiel der Kräfte überlassen zu werden braucht, um alles das, was durch amtliche Eingriffe, durch Staats-sozialismus und behördliche Kurzsichtigkeit verdorben wurde, wieder ins richtige Lot zu bringen.“

Keynes über Gesell
Bei all der edlen Freiheitsgesinnung hätten die Manchesterliberalen jedoch übersehen, dass für den freien Wettbewerb zunächst eine freie „Kampfbahn“ geschaffen werden müsse. Dies möchte die Freiwirtschaftslehre besorgen und erscheint damit als Vorläufer des Neoliberalismus, der später mit genau der gleichen Kritik am Altliberalismus und ähnlichen Schlussfolgerungen auftreten sollte. Gesell sieht sich selbst als Mann der äußersten Linken, denn seine Natürliche Wirtschaftsordnung sei der Königsweg zu Freiheit und sozialem Fortschritt. Die meisten Kommunisten hingegen verortet er ganz rechts: Ihr Programm entspreche einer reaktionären Sehnsucht nach vorzivilisatorischen Zuständen. Man hat Gesell als einen „Wegbereiter“ des nationalsozialistischen Wirtschaftsdenkens einordnen wollen. Plausibler ist allerdings eine Nähe zum Keynesianismus; Keynes selbst meinte, dass die Welt von Gesell „mehr lernen kann als von Karl Marx“.

Gesells Geldtheorie
Diese „Modernität“ Gesells zeigt sich in seiner Geldtheorie, in der er die metallgedeckten Währungen seiner Zeit verwirft. Geld ist für ihn kein reales Phänomen, sondern gleichsam die ideelle Essenz des Tauschmittels. Die Physis des Geldes sei damit nutzlos. Mehr noch: Da für Warengeld Transaktionskosten anfielen, würde es die Tauschhandlungen unnötig verteuern und stünde somit der größtmöglichen Effizienz des Handels im Wege. Warengeld sei überdies für die Wirtschaftskrisen verantwortlich:

„Je mehr gearbeitet wird, je mehr Waren erzeugt werden, desto größer der Reichtum, und je größer der Reichtum, desto mehr Geld (Tauschmittel der Waren) wird zu Prunkwaren Arbeitsteilung, die Arbeitsteilung führt zum Wohlstand, und dieser vernichtet das Geld. Gesetzmäßig endet also der Wohlstand immer als Vatermörder.“

Das Geld werde also dem Umlauf entzogen und fehle dem Wirtschaftskreislauf – Keynesianismus beinahe in Reinform. Dieses Argument führt jedoch in die Irre. In einer realen Wirtschaft sind Preisänderungen normal, auch Preisänderungen des Geldgutes. Nimmt die Nachfrage nach dem Gut, das als Geld dient, zum Zwecke dessen Gebrauchs (im Gegensatz zum Tauschzweck) zu, so steigt dessen Kaufkraft, d.h. die Preise ausgedrückt in diesem Gut fallen. Preisänderungen sind nichts an sich Beunruhigendes. Wenn die nominelle Preishöhe aller Güter steigt oder fällt, ändert sich für die Akteure nichts – problematisch sind allein Verzerrungen der Preisstruktur.

Das Schwundgeld soll’s richten
Gesells Rezept, die durch das Sinken der umlaufenden Geldmenge verursachten Wirtschaftskrisen zu vermeiden, ist das Frei- oder Schwundgeld („umlaufgesichertes Geld“). Dieses von jeder Warendeckung gelöste Geld solle das Horten des Geldes, die Bremse des Wachstums, unattraktiv machen, indem es nach und nach „verrotte“ und wie alle anderen Waren (mit Ausnahme natürlich der verhängnisvollen Edelmetalle) an Menge und Wert abnehme. Jedermann würde sich also veranlasst sehen, sein Geld möglichst schnell wieder in Umlauf zu bringen, damit die Güternachfrage zu erhöhen und die Wirtschaft anzukurbeln. Ist es, wie Gesell annimmt, schlecht, gar unsozial, mehr Bargeld zu halten? Die Nachfrage nach Bargeld verändert lediglich die Höhe der Preise (höhere durchschnittliche Bargeldhaltung führt zu niedrigeren Preisen und umgekehrt), nicht jedoch die Preisstruktur. Wie bereits erläutert, ist die nominelle Preishöhe für den Wirtschaftslauf irrelevant, relevant sind bloß relative Preisänderungen. Eine erhöhte Bargeldhaltung, also eine größere Nachfrage nach Geld, ist genauso unproblematisch wie eine größere Nachfrage nach Erdbeeren – die Wirtschaftsstruktur passt sich dieser Änderung der Präferenzen an, ohne strukturelle Krisen zu zeigen.

Das Experiment von Wörgl
Da nun Gesell den Prozess der Geldentstehung außer Acht lässt – gerade die haltbarsten Güter entwickelten sich zu allgemein anerkannten Tauschmitteln, zu Geld –, nimmt er fälschlicherweise an, dass sich durch Schwund belastetes Geld langfristig gegen wertbeständiges Geld durchsetzen könne. Der Staat solle das freiwillig gegen Schwundgeld eingetauschte Gold zu Schmuck verarbeiten und als Heirats- und Gebärprämien verschenken. Doch würden die Menschen tatsächlich aus eigenem Antrieb ihr gutes – wertbeständiges – Geld in schlechtes – schwindendes – Geld wechseln? Das Freigeld-Experiment von Wörgl wird von Verfechtern der Freigeldlehre gerne als positives Beispiel dafür herangezogen. Inmitten der schwersten Wirtschaftskrise habe sich die Tiroler Gemeinde durch Ausgabe von Schwundgeld geholfen und einen fulminanten Aufschwung verzeichnet – bis die Staatsmacht dieses Experiment gewaltsam beendete. Die Wirklichkeit sah etwas anders aus. Die Gemeinde finanzierte ihre Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen durch Arbeitswertscheine, die nur gegen einen Abschlag in Schilling einzutauschen waren und monatlich an Wert verloren(1). Dieses Schwundgeld blieb aber nicht lange im Umlauf, sondern wurde hauptsächlich dazu benutzt, ausstehende Steuerschulden bei der Gemeinde auszugleichen. Wer dies nicht konnte, wechselte das Schwundgeld so rasch wie möglich gegen „gutes Geld“ und musste die dabei entstehenden Kosten als zusätzliche Steuer in Kauf nehmen. Dem notwendigen Ende des durch die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen ermöglichten künstlichen Baubooms nach Erschöpfen auch der allerletzten Gemeindemittel kam das staatliche Verbot des Freigeld-Abenteuers zuvor. So konnte das Experiment zum Mythos werden.

Fazit
Einem Schwundgeld-Experiment weit größeren Ausmaßes sehen wir uns heute gegenüber, denn tatsächlich wurde ein großer Teil von Gesells Ideen bereits Realität. Es ist absurd, dem heutigen Papiergeld den Vorwurf zu machen, es verrotte nicht hinreichend. Sogar die automatische Schwundgebühr am Bankkonto ist eingeführt – sie heißt Kapitalertragsteuer. Trotz Ende der Goldwährung und laufender Wertverminderung finden die Wirtschaftskrisen kein Ende. Ganz im Gegenteil, die Konjunkturzyklen werden immer ausgeprägter und verheerender. Wie das Freigeld stellt sich mehr und mehr auch das staatliche Geld als Illusion heraus – doch wer kann, bevor es endgültig scheitert, das Fiat-Geld verbieten?
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(1)Jeden Monat waren Wertmarken für 1% des Nennwerts der Schwundgeldscheine bei der Gemeinde zu kaufen und aufzukleben – die sogenannte Umlaufgebühr. Dies war nichts anderes als eine Geldsteuer zugunsten der Gemeinde und sollte das Aufbewahren von Schwundgeld bestrafen.