Zu guter Letzt

Folgen wir den Erzählungen aus Politik, Staatsfernsehen und sonstigen Quellen der Volkserziehung, dann gibt es für praktisch alle Übel unserer Welt einen Schuldigen: Egal ob Wirtschaftskrise, Staatsbankrott, verfehlter Fünf-Jahres-Plan oder schales Bier, dahinter steckt der Spekulant! Übrigens ist „Spekulant“ eine der wenigen Bezeichnungen, die selbst politisch korrekt nicht geschlechtsneutral verwendet wird. SpekulantIn?! Nicht doch, Spekulanten sind böse, also männlich. Nun könnte man auf die Idee kommen, dass hier – einer langen Tradition folgend – lediglich „Haltet den Dieb!“ gerufen wird, um von tiefer liegenden Ursachen abzulenken.

Das aber ist zu kurz gesprungen. Jüngst legte ein Autor im Auftrag einer Bundestagsfraktion, die in weltanschaulichen Fragen regelmäßig sattelfester erscheint als in ökonomischen, eine Studie über das unselige Wirken der Spekulanten an den Ölmärkten vor: Wir wissen jetzt auf Milliarden genau, wie sehr ahnungslose Kraftfahrer durch das Treiben der Zocker zusätzlich geschröpft werden – also zusätzlich zu Mineralölsteuer, Mehrwertsteuer, Ökosteuer etc. Quasi „en passant“ löste der Autor dabei ein Problem, an dem sich Generationen von Ökonomen bislang die Zähne ausgebissen haben: Er kennt, und das ist eine kleine Sensation, den wahren Preis für Rohöl und verrät ihn auch noch: derzeit ca. 55 USD/Barrel. Lediglich aufgrund von Spekulationswellen notiert es aktuell rund 30 USD höher. Klassisches Marktversagen also, das dringend geahndet werden muss.

Es sind ohnehin nur die naiven Zeitgenossen, die noch einen Unterschied zwischen Spekulation und echter Kriminalität erkennen können. Haben Sie sich noch nie darüber gewundert, dass Spekulanten bei jeder beklagten Entwicklung auf der Gewinnerseite zu stehen scheinen?! Die Opfer sind vielfältig: Brave Sparer, ehedem solide Geldinstitute, ganze Landstriche voller fleißiger Untertanen und ehrlicher Regenten, nur eben niemals Spekulanten. Bei deren Verwandten im Geiste, den „Krisengewinnlern“ mag das noch angehen, erhalten sie ihr Etikett doch erst im Nachhinein – in der Regel zu Zwecken der Besteuerung. Aber der Spekulant gewinnt offenbar immer, selbst an Terminmärkten, wo jedem Gewinn ein gleich hoher Verlust gegenübersteht. Wie ist das möglich? Nun, die Berichte der ewig triumphierenden Spekulanten sind doch genau der Beweis für deren kriminelle Machenschaften. Einer, der immer gewinnt, muss falsch spielen. Gerüchteweise bedienen sich diese hinterhältigen Gauner geradezu verwerflicher Methoden: Sie denken … selbst!

Während sich also die EUdSSR hingebungsvoll nicht nur für griechische Menschen einsetzt, konterkarieren die beschönigend als Marktteilnehmer bezeichneten Spekulanten diese Bemühungen: Erwartungen, Bewertungen und sogar das anachronistische Gesetz von Angebot und Nachfrage müssen als Ausrede für gelebten Ungehorsam herhalten. Märkte sind –
sagen wir es frei heraus – ein Störfaktor, und demokratisch legitimiert sind sie schon gar nicht. Da gutes Zureden der Erziehungsberechtigten bei diesen freien Radikalen auf so unfruchtbaren Boden fällt, werden uns wohl bald die ersten Kugeln aus den „geladenen Pistolen“ von Juncker & Co. um die Ohren pfeifen: Subvention, Regulierung, Kontrolle, Intervention, Sanktion und natürlich Besteuerung. Auf dem Arbeitsmarkt etwa soll dem Vernehmen nach durch derlei beherzte Über-, pardon, Eingriffe die Arbeitslosigkeit bereits nahezu vollständig verschwunden sein.