„Aktien selbst im Kollaps vermutlich besser als Staatsanleihen“

Smart Investor: Rechnen Sie nach den jüngsten Gelddruckexzessen der Europäischen Zentralbank damit, dass auch die US-Notenbank bald wieder aufs Liquiditäts-Gaspedal drückt?
Faber:
Im Moment wahrscheinlich noch nicht. Aber wir sind in einem Wahljahr, und falls es zu einem weiteren Rückschlag an der Börse kommen würde – sagen wir, der S&P 500 Index fiele von derzeit rund 1.300 auf etwa 1.100 –, dann wäre ein erneutes Gelddrucken, ein Quantitative Easing Nr. 3, garantiert. Das wäre zwar kein großer Einbruch, aber in der jetzigen Lage würde eine 20%-Korrektur bereits als zu groß betrachtet werden. Schließlich wäre der Grund für einen solchen Kursrückgang wohl kaum eine blühende wirtschaftliche Entwicklung.

Smart Investor: Was werden die Folgen dieser Geld- und Finanzpolitik sein?
Faber:
Bei Nullzinsen und negativen Realzinsen werden die Marktteilnehmer gezwungen, in der einen oder anderen Form zu spekulieren. Das führt zu großen Volatilitäten, sowohl an den Börsen als auch in den Volkswirtschaften. Die ständigen politischen Eingriffe in den Markt machen es fast unmöglich, einigermaßen sinnvolle Prognosen zu erstellen. Wir wissen weder wann und in welchem Umfang Regierungen und Notenbanken intervenieren, noch was die genauen Folgen dieser Interventionen sein werden. Nur eines ist klar: Es wird sicher erneut zu bedeutenden Kapitalfehlallokationen führen.

Smart Investor: Gibt es für Europa, die USA oder Japan überhaupt noch einen konventionellen Weg aus dem Drama?
Faber:
Nein, wenn Volkswirtschaften so derart hoch verschuldet sind, dann lautet die einzige Medizin der Notenbank schlicht „mehr Geld drucken“.

Smart Investor: Sind damit deflationäre Gefahren wie 2008 aus Ihrer Sicht passé?
Faber:
Keineswegs. In gewissen Bereichen der Wirtschaften werden wir inflationäre Symptome sehen und gleichzeitig in anderen deflationäre, und das wird sich abwechseln. 2008 ist alles eingebrochen, weil die deflationär wirkende Kreditschrumpfung im Privatsektor stärker war als das inflationäre Kreditwachstum im öffentlichen Sektor. 2009 ist dann das Gegenteil passiert und die Märkte schossen wieder nach oben.

Smart Investor: Wie lange kann das ungebremste Schuldenwachstum weitergehen?
Faber:
Amerikas Regierung brauchte 200 Jahre, bis ihre Schulden 1980 die Marke von einer Billion US-Dollar durchbrachen. Um die Jahrtausendwende beliefen sie sich bereits auf fünf Billionen Dollar. Mittlerweile sind wir bei über 15 Billionen angekommen. Ich nehme an, dass sich die US-Staatsschulden in den nächsten zehn Jahren bestimmt nochmals verdoppeln oder gar verdreifachen werden.

Smart Investor: Eine Rückkehr zur Solidität ist also ausgeschlossen?
Faber:
Das Problem ist das folgende: Die US-Steuereinnahmen fallen seit 2000 von über 20% der Wirtschaftsleistung auf aktuell unter 15%. Gleichzeitig sind die Ausgaben sehr stark von 18% auf über 25% gestiegen. Drei Viertel der Ausgaben sind feste Verpflichtungen im Sozialwesen. Diese drastisch zu kürzen, dürfte in einer Demokratie recht schwierig werden. Ich nehme eher an, dass die Ausgaben weiterhin steigen werden. Vor allem, falls es noch außerplanmäßige militärische Ausgaben geben sollte.

Smart Investor: Was sollten Anleger in diesem Umfeld tun?
Faber:
Ich bin sicher sehr negativ für die Zukunft eingestellt. Dennoch vermute ich, dass man mit Aktien selbst im Fall eines inflationären oder deflationären Kollapses vermutlich besser dran sein dürfte als mit Anleihen. Die deutschen Familien, die sich im vergangenen Jahrhundert vorsichtig verhalten haben und immer Bargeld und Staatsanleihen hielten, haben ihr Geld dreimal verloren. Aber Aktionäre hatten immer noch ihre Aktien. Das muss man ganz deutlich sehen.

Smart Investor: Herr Faber, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.