Cerium, Gallium & Co.

2011 war für die Gruppe der Seltenen Erden und strategischen Metalle ein turbulentes Jahr.

Die Investmentgemeinde hatte sie endgültig entdeckt und die Preise kletterten in ungeahnte Höhen, nur um dann wieder dramatisch zu fallen. Der interessierte Anleger muss sich also die Frage stellen: Ist die Blase bei dieser Gruppe der besonderen Metalle nun geplatzt, oder haben wir es nur mit einer Korrektur zu tun, die den Preisauftrieb unterbrochen hat, ohne ihn endgültig zu beenden?

Der China-Faktor
Die Antwort ist natürlich schwierig, nicht nur weil sie die Zukunft betrifft, sondern vielmehr weil der Sektor heterogener nicht sein könnte. Hightech-Metall ist nicht gleich Hightech-Metall und Seltene Erde ist nicht gleich Seltene Erde. Aber der Reihe nach: Wer immer über das Thema Seltene Erden berichtet, der nennt im selben Atemzug auch China. Nicht ohne Grund versteht sich, produziert doch das Reich der Mitte nahezu 95% jener gesuchten Metalle, und auch bei vielen Strategischen Metallen wie beispielsweise Gallium oder Indium ist es der führende Produktionsstandort. Nachdem sie jahrelang diese Rohstoffe äußerst günstig für den Weltmarkt produziert haben, so begannen die Chinesen in den vergangenen Jahren ihre Strategie zu ändern und erhoben zum einem Exportzölle, zum anderen führten sie Ausfuhrobergrenzen ein. Zuletzt wurden diese nicht nur kontinuierlich gesenkt, sondern auch als politisches Mittel eingesetzt, wie beispielsweise Japan schmerzhaft erfahren musste. Der Fairness halber sei allerdings auch dazu gesagt, dass die Exportobergrenzen oft gar nicht voll ausgeschöpft wurden.

Mehr Unternehmen
Die neue chinesische Politik hatte natürlich vielerlei Konsequenzen. Zu allererst trieb sie die Preise. Dies aber führte dazu, dass es zunehmend auch für Unternehmen außerhalb Chinas interessant wurde, die Seltenen Erden zu fördern. War die Produktion bisher vor allem aus umweltschutztechnischen Gründen zu aufwändig und kostenintensiv, so wurde sie nun attraktiv. China ist zwar der absolut führende Produzent, bei den Reserven ist die Volkrepublik jedoch weit weniger dominant: Sie verfügt lediglich über rund 40% der weltweiten Reserven, bei den deutlich stärker nachgefragten „schweren“ Seltenen Erden liegt der Anteil sogar noch einmal darunter (vgl. Smart Investor 9/2011). Dementsprechend schossen in den vergangenen Jahren Explorer-Unternehmen wie Pilze aus dem Boden. Eine Vielzahl hiervon ist natürlich äußerst windig, aber wie immer gibt es auch Ausnahmen. Auch die Produktion in bereits stillgelegten Minen, wie beispielsweise der kalifornischen Mountain Pass Mine, wurde wieder aufgenommen. Jedoch sind die Minen, die bereits wieder die Produktion aufgenommen haben bzw. in Bälde fördern werden, hauptsächlich Lieferanten der „leichten“ seltenen Erden.

Greifen die Marktmechanismen?
Natürlich wurden durch die neuen chinesischen Regelungen auch die Politiker und die verbrauchenden Unternehmen aufgeschreckt. Dies führte dazu, dass verstärkt die drei Methoden in den Blick rücken, welche immer bei steigenden Preisen als klassischer Marktmechanismus greifen, nämlich Substitution, Recycling und Verbrauchsreduzierung mittels technischer Verbesserung. Tatsächlich scheinen diese schneller umgesetzt zu werden, als dies so mancher Experte erwartetet hatte. So hat beispielsweise der Coburger Automobilzulieferer Brose einen Elektromotor entwickelt, der vollständig ohne die Seltenen Erden auskommt. Auch die großen Automobilhersteller wie BMW oder Mercedes entwickeln Technologien, die den Verbrauch der Metalle drastisch senken. Die neueste Generation Windräder aus dem Hause General Electrics benötigt ebenfalls fast keine Seltenen Erden mehr.

In Frankreich wurden Möglichkeiten entwickelt, Seltene Erden aus wiederaufladbaren Batterien zu gewinnen, und auch alte Magneten werden inzwischen recycelt. Japan, welches traditionell über ein hohes Know-how die Wiederaufbereitung von Rohstoffen betreffend verfügt, fördert die Weiterentwicklung der Recyclingtechnologien mit 1,2 Mrd. USD über die nächsten zwei Jahre. Neben der sich abkühlenden Konjunktur dürften in den überraschenden Substitutions- und Recyclingerfolgen die Hauptgründe für den kräftigen Einbruch zu finden sein. Dennoch darf davon ausgegangen werden, dass die Preise tendenziell wieder nach Norden tendieren werden. Die Nachfrage nach den Hightech-Metallen wird weiter zunehmen und die Fähigkeiten zur Substitution bzw. das Recycling dürften auf lange Sicht den Nachfrageüberhang nicht ausgleichen. Entsprechend zeigt sich der Seltene-Erden-Experte der Tradium GmbH, Thomas Grob, überzeugt, dass der Boom weitergeht: „Wir haben den Boden gesehen, und aus China kommen bereits erste Signale, dass ab dem chinesischen Neujahr [22. Januar 2012; Anm. der Red.] die Preise, insbesondere die der mittleren und schweren Seltenen Erden, wieder anziehen dürften. Auch werden die Chinesen noch lange Zeit die Märkte dominieren können.“

Nicht alle sind gleich
Damit stellt sich dann natürlich die Frage nach den geeignetsten Wegen eines Investments in diesem Sektor. Vor jedem Kauf muss der Investor jedoch seine Hausaufgaben machen. Er muss sich gründlich kundig machen, welche Metalle sich für ein Investment überhaupt lohnen könnten – denn zwischen den einzelnen Rohstoffen bestehen riesige Unterschiede. Cerium beispielsweise stieg innerhalb der vergangenen fünf Jahre um rund 8.500%. Seit Sommer 2011 hat sich der Preis jedoch halbiert. Cerium ist allerdings nicht selten, sondern ungefähr so häufig wie Kupfer. Die weltweite Nachfrage allerdings liegt bei nur rund 50.000 Tonnen, der Kupfermarkt ist rund 400mal so groß. Dennoch kostet ein Kilogramm Cerium derzeit fast das Zehnfache eines Kilos Kupfer. Damit ist der Abbau enorm attraktiv und das Angebot wird sich in den kommenden Jahren deutlich ausweiten. Insofern sind weitere dramatische Preisanstiege nicht unbedingt zu erwarteten. Ein Gegenbeispiel ist Gallium. Das silbrige Metall findet vor allem bei LEDs, Halbleitern und in der Photovoltaik-Technik Anwendung. Die weltweite Produktion für das Jahr 2010 liegt bei rund 200 Tonnen, wobei über die Hälfte aus dem Recycling stammt. Allein die LED-Anwendungen dürften bis zum Jahr 2030 die Nachfrage auf über 250 Tonnen ansteigen lassen, so dass hier langfristiges Kurspotenzial vorhanden sein dürfte.

Um sich einen Überblick über die Metalle zu verschaffen, bietet sich natürlich zunächst einmal das Internet an. Es gibt allerdings inzwischen auch zwei recht gute Nachschlagewerke zu dem Thema. Das Buch von Michael Nauckhoff „Strategische Metalle und seltene Erden“ hatten wir bereits einmal vorgestellt (vgl. Smart Investor 4/2011). Kürzlich erschienen und somit etwas aktueller ist das Buch von Gunther Maassen und Michael Vaupel „Strategische Metalle für Investoren“. Auch hier findet sich eine Aufstellung der wichtigsten Hightech-Metalle, ihre chemischen Eigenschaften, ihre Anwendungsgebiete sowie ein Leitfaden, worauf man als Investor achten sollte. Für den Einstieg sicherlich empfehlenswert. Die umfangreichen Quellenangaben in beiden Büchern ermöglichen dem Leser tiefergehende Nachforschungen.

Originalverpackung oder nicht?
Hat man schließlich „sein“ Metall gefunden, stellen sich natürlich gleich die Fragen „Wie kaufen?“ und „Wie lagern?“ Da auf alle Metalle der volle Satz der Mehrwertsteuer anfällt, spricht einiges für die Lagerung in einem Zollfreilager. Anders als beispielsweise bei Gold scheint uns eine Lagerung mit direktem Zugriff nicht zwingend geboten zu sein. Dass einige der Metalle nicht ganz einfach zu lagern sind (Gallium beispielsweise hat einen Schmelzpunkt von 29,8 Grad Celsius), der Wiederverkauf deutlich einfacher ist und ein gewisser Versicherungsschutzes besteht, sind Argumente, die für eine Fremdeinlagerung sprechen. Trotzdem wird es immer misstrauische Naturen geben, die ihre Einkäufe lieber an einem Ort mit persönlichem Zugriff lagern wollen. In diesem Fall sollte sehr genau darauf geachtet werden, von wem zu welchen Konditionen gekauft wurde. So raten beispielsweise Maassen und Vaupel von einer Lagerung in der Originalverpackung ab. Grund hierfür sind Anbieter, die die Ware in abenteuerlichem Zustand und noch abenteuerlicherer Verpackung liefern. Dem Ratschlag widerspricht Tradium-Geschäftsführer Matthias Rüth jedoch: „Die Originalverpackung wird am ehesten von den Endverbrauchern akzeptiert, insbesondere wenn das Produkt von einem namenhaften Hersteller stammt.“ Das ist natürlich ein wichtiger Punkt, denn irgendwann möchte der Anleger ja auch wieder verkaufen, und dann stellt sich die Frage: An wen? Kann er nur an seinen Händler verkaufen, hat er weitaus weniger Möglichkeiten, einen fairen Preis zu erhalten, als wenn er auch an die industriellen Endverbraucher verkaufen kann. Insofern ist neben der Originalverpackung (falls bei einem namenhaften und bekannten Händler gekauft) genauso eine ISO-Zertifizierung von Vorteil wie auch eine exakte Analyse der chemischen Zusammensetzung des jeweiligen Produkts.

Mangelnde Preistransparenz
Die Preisfindung wird dennoch ein Problem bleiben. Fast keines der Metalle wird offiziell an der Börse gehandelt. Es existiert kein Spotmarkt und somit keine Transparenz für die Investoren. Zwar gibt es inzwischen Internetseiten wie www.metal-pages.com, die Preise auflisten. Wie die Preisfindung aber letztlich zustande kommt, ist unklar. Möglicherweise wird sich dies mit zunehmender Aufmerksamkeit des Marktes ändern, wann es aber soweit sein wird, lässt sich jetzt noch nicht abschätzen.

Fazit
Die seltenen Erden werden die Investmentgemeinde ebenso wie die anderen Hightech- oder Strategischen Metalle vermutlich noch lange Zeit beschäftigen. Allerdings ist das Thema nichtsdestotrotz eher ein Nischenthema für vermögende Investoren, die im Bereich Edelmetalle, Qualitätsaktien und eventuell Immobilen schon breit aufgestellt sind und nun noch den Rest des Vermögens in weitere Sachwerte diversifizieren wollen. Für den Kleinanleger dürften diese Metallgruppe aufgrund der mangelnden Preistransparenz, des nicht unbedingt liquiden Marktes sowie der teilweise relativ hohen Transaktionskosten eher weniger geeignet sein.