Lebensart & Kapital – International: Deutschland

Wenn man Deutschen zuhört, könnte man manchmal meinen, sie lebten in einem Entwicklungsland. Denn es wird viel geklagt und wenig gelobt, wenn es um die eigenen Lebensumstände geht. Verstärkt wird dieser Eindruck auch durch lange Zeit steigende Auswanderungszahlen sowie beliebte Fernsehserien, die sich mit dem Thema Auswandern beschäftigen. Doch vielleicht sind solche Schlussfolgerungen auch voreilig und das Jammern primär nur der weit verbreiteten Negativmentalität geschuldet. Denn es gibt auch Fakten, die eine andere Sprache sprechen. Laut dem „Glücksatlas Deutschland 2011“ waren die Deutschen beispielsweise noch nie so glücklich wie heute.

Dauerhafte Auswanderung eher selten
Dazu passen auch Statistiken zur Bevölkerungsentwicklung. So ist die Zahl der Auswanderungen 2010 deutlich gesunken. Doch nicht nur das. 78% aller Auswanderer kommen früher oder später wieder nach Deutschland zurück. Bei Auswanderern mit Hochschulabschluss liegt die Quote sogar bei 85%. Und auch Touristen entdecken Deutschland immer mehr als lohnenswertes Reiseziel. 2011 wurde bei den Übernachtungen das zweite Rekordergebnis in Folge erzielt. Die Zahl der Übernachtungen von Reisenden aus dem Ausland stieg dabei überproportional und Deutschland hat sich nach Spanien als zweit beliebtestes Reiseziel der Europäer etabliert. So gesehen kann es um die Lebensqualität in Deutschland nicht so schlecht bestellt sein. Zu diesem Fazit kommt auch der Autor selbst, der seit einigen Jahren in Osteuropa und in Amerika lebt. Ähnlich wie er scheinen viele Auswanderer den Wegzug eher als temporären Schritt zu sehen, der dazu beitragen kann, den eigenen Horizont zu erweitern. Wer Deutschland dagegen nur aus Frust verlässt, der wird vermutlich häufig feststellen, dass es um nervige Schwachstellen im Ausland oft nicht besser bestellt ist. Wenn es um leidige Dinge wie Bürokratie und um Korruption geht, dann schneidet Deutschland jedenfalls nicht schlecht ab im internationalen Vergleich.

Viele Störfaktoren nicht deutschlandspezifisch
Kein Grund zum Auswandern sind auch die häufigen Klagen über Lug und Trug in der Politik. Denn so traurig das auch sein mag, in den meisten anderen Ländern ist es in dieser Hinsicht noch viel schlimmer. Nachvollziehbar ist dagegen die Unzufriedenheit, die sich am undurchsichtigen deutschen Steuersystem entzündet. „Über das Wirrwarr im Steuersystem klagen viele Kunden“, berichtet Simone Ruis vom Steuerbüro Durschang im fränkischen Sulzbach am Main. „Und um Unmut zu verhindern, wäre mehr Klarheit und Gerechtigkeit im Steuerwesen sicherlich wünschenswert.“ Die viel kritisierte hohe Abgabenquote ist sicherlich ebenfalls diskussionswürdig. Doch zumindest fließen hierzulande weniger Gelder in dunkle Kanäle, und auch die mit diesen Einnahmen finanzierte Infrastruktur kann sich sehen lassen. Die hohe Abgabenlast und die für die Mittelschicht in den vergangenen Jahren real kaum gestiegenen Löhne mögen bei vielen Deutschen das Gefühl eines stagnierenden oder sogar sinkenden Wohlstandsniveaus wecken. Doch auch wenn es viele nicht wahrhaben wollen, ist der Lebensstandard in den meisten Fällen noch immer höher als anderswo. Selbst die Preise für Lebensmittel sind gemessen am Einkommen im internationalen Vergleich relativ niedrig.

Führende Stellung in vielerlei Hinsicht
Zudem ist Deutschland landschaftlich gesehen eines der vielseitigsten Länder weltweit. Auch kulturell hat Deutschland einiges zu bieten. Ist es doch beispielsweise das Land mit der höchsten Theater-, Museen- sowie Bibliothekendichte weltweit, und es gibt mehr als 91.000 Sportvereine. Wer in einem unterentwickelten Land lebt und ernsthaft krank wird, der wird auch der guten medizinischen Versorgung in Deutschland plötzlich eine viel höhere Bedeutung beimessen als in den Momenten, in denen das ganze System wegen der läppischen Praxisgebühr in Frage gestellt wird. Zyniker mögen in diesem Zusammenhang einwenden, ein gutes Krankensystem sei auch unabdingbar, weil der immer größer werdende Stress und Druck am Arbeitsplatz krank mache. Und laut dem European Social Survey rangiert Deutschland bei der Arbeitszufriedenheit nur auf Platz 18 unter den 22 untersuchten europäischen Ländern. Auch laut einer Studie der Uni Duisburg-Essen ist die Zahl der Befragten, die ihre Arbeit mögen, in den vergangenen 25 Jahren stetig gesunken. Solche Entwicklungen sind natürlich negativ und geben über unser Gesellschaftssystem zu denken. Doch wer glaubt, in einem anderen Land wächst Geld auf den Bäumen, der irrt sich gewaltig. Als Fremder muss man dort vielmehr eher noch mehr leisten als die Einheimischen, um sich zu behaupten.

Selbst zu viel Sonne kann irgendwann nerven
Aber Einwände wie diese werden Sonnenanbeter nicht davor bewahren, im kalten deutschen Winter einen dauerhaften Aufenthaltsort mit wärmeren Temperaturen herbeizusehnen. Doch es gibt nur wenige Länder, die ein ständig angenehmes Klima zu bieten haben. Während es sich im Sonnenstaat Florida beispielsweise gut überwintern lässt, kann es dort im Sommer oft ungemütlich schwül und heiß werden. Und wer weiße Weihnachten oder Ski fahren mag, der kann manchmal den deutschen Winter unter Palmen sogar etwas vermissen. Das rauere Klima schlägt sich natürlich auch auf das Gemüt der Menschen nieder. So gelten die Deutschen vermutlich zu Recht als weniger gemütlich und weniger herzlich als Südländer. Doch wer sich daran gewöhnt, der wird schnell merken, dass die Deutschen nicht weniger hilfsbereit oder freundlich als andere Nationen sind. Auch darf getrost konstatiert werden, dass die Deutschen längst nicht mehr so steif sind wie früher und auch besser in der Lage sind, Feste ausgelassener zu feiern.

Fazit
Wer nur aus Frust seine sieben Sachen packt und Deutschland verlässt, der wird häufig auch in einem anderen Land nicht unbedingt glücklich werden. Denn schnell wird man feststellen, dass es dort ähnliche oder andere Probleme gibt, die einem das Leben erschweren. Zumal das Gefühl der Geborgenheit, das viele Menschen zum Glück brauchen, am ehesten in der Heimat zu finden sein dürfte. Und die jüngste Krise dürfte den Eindruck, dass man daheim vielleicht doch nicht so schlecht aufgehoben ist, bei den meisten Menschen noch verstärkt haben.