Mehr Vertrauen durch bessere Nachhaltigkeitsreports

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Über viele Jahre hinweg lieferte die Finanzberichterstattung genügend Daten und Fakten, um sich ein Gesamtbild über die Leistung und Aktivitäten eines Unternehmens zu machen. Doch inzwischen hat sich das Informationsbedürfnis verändert. Investoren, Mitarbeiter, Kunden, Zulieferer, staatliche und gesellschaftliche Akteure – Stakeholder genannt – fordern zudem Transparenz über Umwelt- und soziale Aktivitäten eines Unternehmens. Schließlich haben diese nicht finanziellen Aspekte großen Einfluss auf Reputation, Innovationskraft und damit den Wert der Firma. Sie sind auch für die Einschätzung der Finanzdaten von morgen wichtig. Die Nachhaltigkeitsberichterstattung soll diese Lücke schließen. Die an diese Berichte gestellten Ansprüche werden allerdings in Zukunft steigen.

Pflichtenkatalog statt Freiwilligkeit
Große deutsche Konzerne müssen bisher in ihre Lageberichte Nachhaltigkeitsthemen einbeziehen, wenn diese für den Erfolg des Unternehmens von Bedeutung sind. „Ein verpflichtendes Regelwerk zu Form und Inhalt von Nachhaltigkeitsberichten existiert bisher allerdings nicht“, sagt Simone Fischer, Partnerin bei dem Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen KPMG in Frankfurt/Main. Typische Bestandteile solcher Reports sind Aspekte wie Wirtschaftlichkeit (z.B. Ressourceneinsparungen), Mitarbeitermanagement (etwa Gleichberechtigung, Arbeitszeitmodelle), Umweltmanagement (u.a. CO2-Ausstoß, Produktionsmaterialien) und Soziales (etwa Engagement für lokale Einrichtungen). Inzwischen informieren laut KPMG-Studien rund 90% der 100 umsatzstärksten deutschen Unternehmen und etwa 95% der 250 weltweit größten Konzerne ihre Stakeholder über solche Aspekte ihrer Geschäftstätigkeit. „Der Berichterstattung über Nachhaltigkeitsthemen kommt erhebliche Bedeutung zu, da sie die Kommunikation mit der Öffentlichkeit fördert und gleichzeitig die Nachhaltigkeitsleistung verbessert“, ist Christian Hell, KPMG, München, überzeugt.

Bisher hat sich weltweit als Quasi-Standard für freiwillige Nachhaltigkeitsberichterstattung der Leitfaden der Global Reporting Initiative (GRI) durchgesetzt. Vier Fünftel der 250 weltgrößten Unternehmen und 27 der DAX-30-Konzerne haben 2011 laut KPMG nach diesen Richtlinien berichtet. Die Zeiten der freiwilligen Berichterstattung dürften allerdings in der Europäischen Union bald vorbei sein. Bereits heute regelt der vom Deutschen Rechnungslegungs Standards Committee (DRSC) verabschiedete Standard DRS 20, dass für nach dem 31. Dezember 2012 beginnende Geschäftsjahre finanzielle sowie nicht-finanzielle Nachhaltigkeitsinformationen im Konzernlagebericht enthalten sein müssen, sofern sie zur Unternehmenssteuerung eingesetzt werden. Bis spätestens 31. Dezember 2014 strebt die EU-Kommission eine verpflichtende Berichterstattung zu nicht-finanziellen Informationen für große Kapitalgesellschaften mit mindestens 500 Mitarbeitern an.

Auf dem Weg zum „Integrated Reporting“
Derweil zeichnet sich international auch ein Trend zur Zusammenführung von Finanz- und Nachhaltigkeitsberichterstattung ab. Künftig sollen Unternehmen nur noch einen einzigen umfassenden Bericht erstellen, der die klassische Finanzberichterstattung mit Elementen wie Nachhaltigkeit, Risikomanagement und Grundsätzen der Unternehmensführung verknüpft. Bis Ende 2013 soll ein einheitliches Rahmenwerk entwickelt werden. Von den 100 größten deutschen AGs planen nach einer Untersuchung von akzente kommunikation und beratung GmbH, München, und HGB Hamburger Geschäftsberichte GmbH, in den nächsten drei bis fünf Jahren 37% die Einführung eines integrierten Berichts. In der Vergangenheit informierten mit BASF und Solarworld nur zwei börsennotierte Unternehmen in dieser Form. In nächster Zeit wollen aber weitere Gesellschaften einen integrierten Lagebericht vorlegen – so etwa SAP Ende dieses Monats.

Abweichungen bei den Themen
Nicht jedes Unternehmen muss gleich ein 88-seitiges Werk verfassen, wie es Daimler für 2011 getan hat. Die GRI hat den Nachhaltigkeitsbericht geprüft und ihm die höchstmögliche Klassifizierung A+ bescheinigt. Bestnoten gab es zum Beispiel auch für die Reports von Bayer, BASF, RWE, VW und Deutsche Telekom. Geringer kapitalisierte Unternehmen wie der Anbieter von IT-Lösungen für Banken und Handel, Wincor Nixdorf, müssen sich ebenfalls nicht verstecken. Prof. Dr. Rainer Grießhammer, Mitglied der Geschäftsführung des Öko-Instituts in Freiburg und Träger des Deutschen Umweltpreises, bemängelt allerdings, dass Standards wie die der GRI zwar auf die gute und vollständige Berichterstattung setzten, aber keine anspruchsvollen Ziele und Umsetzungsmaßnahmen verlangten. Das führe dann dazu, dass schwer zu erkennen sei, wo die Unterschiede lägen. Grießhammer: „Dies öffnet natürlich auch Tür und Tor für Greenwashing.“

„Je nach Branche, Größe oder Standort eines Unternehmens unterscheiden sich die Nachhaltigkeitsthemen, über die berichtet wird“, weiß Fischer. Ein Großteil der Berichte greife Themen wie Corporate Governance und Klimawandel auf. Die meisten Firmen würden auch über Nachhaltigkeitsaspekte ihrer Lieferketten berichten. Grießhammer warnt hier allerdings vor zu hohen Erwartungen: „So gut wie keine Lieferkette lässt sich hinsichtlich sozialer Auswirkungen flächendeckend kontrollieren“, sagt er. Aber man könne sich auf Hot Spots konzentrieren, die „überwiegend gut bekannt“ seien.

Hohe Defizite: Antikorruption und Mitarbeiter
Professionelle Aussagen über Mitarbeiter und Personalarbeit sollten in Geschäftsberichten selbstverständlich sein. Eine Studie des Instituts für Managementkompetenz der Universität des Saarlandes zu den in den Geschäftsjahren 2009 bis 2011 zur Elite des DAX-30 zählenden Konzernen zeigt jedoch, dass nur wenige Unternehmen Kennzahlen umfassend nutzen, um ihr Humankapital transparent darzustellen. Auffallend sind laut Institutsleiter Prof. Christian Scholz die niedrigen Werte der Versicherungskonzerne Allianz (12%) und Münchener Rück (10%). Das beste Ergebnis erzielte der Industriegasespezialist Linde mit einem Erfüllungsgrad von 47%.

Dass die Nachhaltigkeitsberichterstattung unter den aktuellen Rahmenbedingungen noch Wünsche offen lässt, zeigt auch eine Untersuchung von Transparency International Deutschland (TID). Die Antikorruptionsorganisation hatte sich Nachhaltigkeitsberichte deutscher Großunternehmen angeschaut, die als besonders vorbildlich gelten. Nur eine geprüfte Gesellschaft hätte die Anforderungen der GRI-Leitsätze im Bereich Antikorruption erfüllt, obwohl die GRI für 17 der insgesamt 21 Berichte die Übereinstimmung mit ihren fünf Kernindikatoren für Korruptionsbekämpfung und Politik bestätigt und ihnen die Bestnote zugesprochen hatte. Unter den Durchgefallenen waren mit Daimler, BASF, SAP und Fraport sogar Konzerne, die Mitglieder von TID sind.

Fazit
Der Nachhaltigkeitskommunikation fehlt es häufig noch an Qualität. Freiwillige Standards ohne wirksame Kontrolle und Anreize reichen nicht aus. Daher ist es Zeit, dass die Berichte sachgemäß und unabhängig geprüft und die Berichtsrichtlinien verschärft werden. Heute steht primär die Befriedigung von Informationsanforderungen des Kapitalmarktes im Vordergrund. Dies bedeutet, dass ein stärkeres Augenmerk auf businessrelevante Sachverhalte gelegt werden muss, aber auch essenzielle Nachhaltigkeitsaspekte in den Geschäftsbericht als wichtigstem Berichtsformat integriert werden müssen.

Michael Heimrich

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