Löcher in der Matrix – Cheeeeesecake, Mister President

Loch_39.jpg„Handy-Konzern legt Obama mit Werbe-Selfie herein“ (www.spiegel.de)

Unter dieser reißerischen Überschrift verkaufte die Online-Ausgabe des Nachrichtenmagazins die Begebenheit, dass ein Baseball-Spieler während des Besuchs seiner Mannschaft im Weißen Haus eines dieser bescheuerten Selbstportraits machte, und zwar mit dem amerikanischen Präsidenten. Im Text war das dann nicht mehr so klar, die Sache sei „wohl“ so gewesen mit dem Hereinlegen. Jedenfalls hätte eine amerikanische Zeitung das so vermeldet. Sekundärjournalismus also, gepaart mit grenzenloser Naivität. Denn wer glaubt schon, das Weiße Haus hätte keine Handhabe, Schleichwerbung mit dem Commander in Chief zu unterbinden? Das muss ja nicht gleich Waterboarding für die Familie Samsung sein, denn um ein Gerät jenes Herstellers dreht sich die Geschichte.

Wie wäre es denn, wenn Obama die Red Sox, so heißt der Club aus Boston, der zu Besuch war, für seine Zwecke hereingelegt hat? Denn wenn es Marketing-Experten auf diesem Planeten gibt, dann ja wohl in Washington. Doch das Loch in der Matrix ist ein anderes: Die Geschichte wurde erst zum Selbstläufer, weil der Baseball-Spieler das Foto über soziale Netzwerke verbreitet hat. Das zeigt eine ganz neue Selbstreferenzialität der Medien, eine dramatische Verschiebung der Inhalte und unterstreicht die Bereitschaft, sich gleichsam selber auf das Bereitwilligste ins Knie zu schießen: Wenn es denn ein Marketing-Coup von Samsung gewesen ist, dann ja vor allem, weil über einen Nicht-Inhalt als Marketing-Coup berichtet wird.

Diese Story-Generierung ist bedenklich: Sachverhalte werden nicht vermeldet, weil die relevant sind, sondern weil ein Bild 40.000 Mal geliked wird. Man hätte den Web-Space informativer nutzen können. (spr)

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