Löcher in der Matrix – Grenzenlose Grenzwert-Gläubigkeit

„Die Grenzwerte lassen sich sehr wohl erfüllen“ (zeit.de, 30.09.15)

RTEmagicC_Matrix_mit_LochIn der Diskussion um die betrügerische Software von Volkswagen zur Minimierung des Schadstoffausstoßes während eines Testzyklus werden viele Fragen gestellt: Könnten andere Hersteller auch betroffen sein? Hätten die Aufsichtsbehörden nicht früher etwas merken müssen? Kann Volkswagen die Fahrzeuge nachrüsten, ohne den Verbrauch zu erhöhen oder die Leistung spürbar zu senken? Erweckt wird der Eindruck: Wenn die Fahrzeuge die Grenzwerte erreichen, sei alles gut und den Menschen in den smogbelasteten Städten geholfen.

Nicht in Frage gestellt werden hingegen die ausgesprochen laschen Grenzwerte. Vielmehr verfestigt sich der Eindruck im öffentlichen Diskurs, dass ja alles gut sei, wenn nur eben die Grenzwerte eingehalten würden. Dass diese Grenzwerte hierzulande nach massiver Lobbyarbeit der PS-Branche in Tateinheit mit politischer Unterstützung deutscher Regierungsstellen bei weitem nicht an die strengeren Regelungen in den USA heranreichen, ist bereits vielsagend. Dass aber selbst die kalifornischen Grenzwerte noch weit über dem liegen, was unabhängige Mediziner für vertretbar halten, zeigt, wie wirtschaftshörig die aktuelle Diskussion geführt wird.

Die absolute Krönung fabrizierte nun aber die altehrwürdige „Zeit“ mit einem Interview, dessen naive Kritiklosigkeit als abschreckendes Beispiel in jedwede Volontärsausbildung gehört. Interviewt wurde der Technikchef des ADAC (!), also jenes Vereins, dessen Glaubwürdigkeit irgendwo am untersten Ende einer nach unten offenen Skala zu verorten ist. „Grenzwerte lassen sich sehr wohl erfüllen“ postuliert der Techniker, und E-Autos seien keine Alternative, weil der deutsche Strommix ja soooo viel Kohlendioxyd in der Herstellung verursache. Beim Dieselgate geht es zwar um Stickoxyde, aber so genau hat man es beim ADAC ja noch nie genommen. Wichtiger ist der Schulterschluss mit den deutschen Herstellern.

Die grenzenlose Grenzwert-Gläubigkeit stellt ein grundlegendes Problem über den VW-Fall hinaus dar: Ob es um Becquerel im Wild, Antibiotika-Rückstände in der Putenbrust, die Keimzahl im Fertig-Tiramisu oder die Dezibel der naheliegenden Bahnstrecke geht: Immer ist offiziell alles gut, wenn denn die Grenzwerte eingehalten sind. Ob die Grenzwerte gut genug sind – das interessiert eher weniger. Und schon gar nicht den ADAC.

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