Löcher in der Matrix – Der Preis läuft einfach nicht heiß

„Geringe Inflation: Europäische Zentralbank hält an Nullzins fest“ (2.6.16, spiegel.de)

RTEmagicC_Matrix_mit_LochEs ist ja nicht so, dass Microsoft keine guten Erfindungen gemacht hätte. „Strg C“ und „Strg V“ sind für viele Menschen heutzutage mindestens so wichtig wie die Erfindung des Rads. Für Journalisten zum Beispiel, etwa wenn es um Meldungen über die Zinsentscheidungen der EZB geht. Am Ende steht quer durch alle Medien seit Jahren ein bestimmter Passus.

Der geht so: „Dauerhaft niedrige oder gar sinkende Preise gelten als Risiko für die Konjunktur. Unternehmen und Verbraucher könnten Anschaffungen aufschieben, weil sie erwarten, dass es bald noch billiger wird. Die EZB strebt daher mittelfristig eine Teuerungsrate von knapp unter 2,0 Prozent an – weit genug entfernt von der Nullmarke.“ Ein bisschen erinnert das an den Rat, man möge doch bei Temperaturen unter 7 Grad Winterreifen aufziehen, weil die Sommerpneus ansonsten viel Haftung einbüßen: Einmal in die Welt gesetzt, steht die Zahl – egal, wie die Reifentechnik und die Gummimischungen sich weiterentwickeln.

Veränderung, das ist auch das Stichwort in der globalisierten Ökonomie. Alte Zusammenhänge weichen neuen, vormalige Gewissheiten sind überholt, Auswirkungen disruptiver Innovationen fegen etablierte Unternehmen aus dem Match. Alles ist im Fluss, nichts mehr wie früher. Bis auf das Zwei-Prozent-Ziel. Wahrscheinlich glaubt selbst bei der EZB niemand daran.

Wenn es auf Konsumentenseite Überlegungen zum Warten gibt, dann wegen des technischen Fortschritts: Speicherkapazität, Megapixel, Bildschirm-Diagonalen und Speicherkapazität von Fahrbatterien entwickeln sich rasant nach oben bei der Leistung und nach unten im Preis. Das hat aber nichts mit Inflation oder Deflation zu tun. Niemand verschiebt den Kauf einer Geschirrspülmaschine, weil er hofft, diese nächstes Jahr zwei Prozent billiger zu erhalten.

Ehrlicher wäre es zu kommunizieren, dass Nullzinspolitik und Ausweitung des Anleihe-Ankauf-Programms nicht dazu dienen, die Inflation anzuheizen, sondern schlicht ein Spiel auf Zeit sind – in der Hoffnung, dass sich Banken und Wackel-Staaten in der Zwischenzeit sanieren können. Das freilich widerspricht der von der Politik verbreiteten Zuversicht, das Ende der Finanzkrise sei nah. Wovon keine Rede sei kann – denn dann würde die EZB die Zinsen ja erhöhen.

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