Löcher in der Matrix – Nicht über jedes Stöckchen springen

Der Geiselnehmer“ (spiegel.de)

RTEmagicC_Matrix_mit_LochEs sind schwere Zeiten heutzutage für Satiriker: Wie sollte man den täglich, nein stündlich, ach was, minütlichen Wahnsinn aus Washington, Pjöngjang oder Ankara noch überhöhen? Die Meldungen jagen einander nur so, es herrscht Dauer-Hypertonie in den medialen Adern rund um den Globus. Wer den Wahnsinn verfolgen wollte müsste alsbald japsend klein beigeben.

Als Bürger also kann man sich abwenden. Aber als Politiker? Oder gar als Bundeskanzlerin? In den Medien hat sich in den vergangenen Wochen und Monaten Druck aufgebaut. Man müsse mit Erdogan Klartext reden, könne sich das Verhalten und die Vorgehensweise nicht bieten lassen, müsse klare Kante zeigen – und wie die Formulierungen aus der Rubrik „jetzt hauen wir aber auch mal kräftig auf den Tisch“ alle so heißen. Von Appeasement-Politik ist die Rede, kurzum, jetzt sei ein klares Basta Richtung Erdogan nötig. Der wird als Geiselnehmer, Irrer vom Bosporus, Erdowahn, Totengräber der Demokratie und vielen weiteren wenig schmeichelhaften Bezeichnungen belegt.

Richtig ist: Merkel ist gut beraten, nicht über jedes Stöckchen zu springen, das ihr Erdogan oder irgendein Vize-Minister aus dessen Entourage hinhält. Genau genommen sollte sie über kein einziges springen. Weil: Es macht keinen Sinn, mit einem Kind in der Trotzphase an der Kasse in der Quengelzone über den Kauf von Bon-Bons zu streiten.

Der Verpflichtung, Schaden abzuwenden und den Nutzen hierzulande zu mehren, lässt sich – nicht nur in diesem Fall – nicht mit Getöse, sondern ruhigem, überlegten Verhalten am effizientesten nachkommen. Reisewarnung, Hermes-Bürgschaften kappen, Milli Görüs, DITIB-Moscheen und andere streng überwachen, Wahlkampf-Auftritte untersagen – alles sachgerecht und zielführend. Aber man muss sich nicht in eine öffentliche Diskussion begeben – schon weil es mit jeder kernigen Stellungnahme schwerer wird, hinterher ohne Gesichtsverlust vielleicht sehr sinnvolle Kompromisse einzugehen.

Wie immer im Leben ist Differenzierung hilfreich. Die Türkei ist nicht Erdogan. Wenn man dem offiziellen Wahlergebnis glauben will, hat praktisch die Hälfte der Bevölkerung gegen ihn gestimmt. Schon deshalb sollte man die Türkei nicht aufgeben, ganz abgesehen von den vitalen Interessen der deutschen Exportwirtschaft. Wenn die Gazetten und Kommentatoren im Rundfunk verbale Aufrüstung fordern dient dies allenfalls der Auflage – aber nicht den Interessen der Bundesrepublik.

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