Löcher in der Matrix – Panem et circenses

„Putins große Fußballshow“ (spiegel.de)

Mit der Auslosung der Gruppen für die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland ist die aktuell wahrscheinlich größte Show auf Erden – zumindest für diejenigen, die nicht mit Oranje und den Azurri fiebern – auf die Zielgerade eingebogen. Angesichts des Kick-offs in wenigen Monaten drängen sich natürlich brennende Fragen auf: Werden die Stadien rechtzeitig fertig? Welches Teamlager wird der DFB wählen? Wie wird die Logistik in einem sooooo großen Land funktionieren? Und wie heißen denn nun die wahren Favoriten? Nicht mehr lange, und wir werden ständig mit Wasserstandsmeldungen versorgt, welches Team bei britischen Buchmachern oben steht, wie die Quote für Saudi-Arabien (1:1000 Peitschenhiebe) liegt und welcher reiche Geschäftsmann wieviel darauf setzt, dass der World Cup wieder geklaut wird.

Berichterstattung as usual und mit Live-Ticker eben. Wer umstrittene Gesetze geräuschlos durchbringen will oder eine kleine Sauerei plant, wird sich die gut vier Wochen im Sommer im Kalender bereits dick markiert haben. Denn so, wie aktuell berichtet wird und durch seitenlange 1:0-Berichterstattung und tiefschürfende Packing-Analysen während der WM bleibt nicht mehr viel Platz und noch weniger Aufmerksamkeit für das wahre Leben. Der römische Philosoph Juvenal hat diese Strategie so treffend als „Brot und Spiele, Panem et Circenses“ analysiert – und dem ist bis heute nichts hinzuzufügen.

Zu berichten gäbe es genug: Ein US-Gericht müht sich zum Beispiel gerade, ein Areal des FIFA-Korruptionssumpfes um Bestechung und Bestechlichkeit zu erschließen. Zwei Todesfälle gibt es bereits zu beklagen, und nicht nur Marlon Brando-Fans denken da an eine berühmte Filmszene: „Lass es wie einen Unfall aussehen“. Es gibt mindestens einige erdrückende Indizien-, für viele sogar eine Beweislage um russisches Staatsdoping auch im Fußball – aber die Formkurve Ronaldos ist im Blätterwald da irgendwie wichtiger.

Man muss die FIFA noch nicht einmal in der Nähe der organisierten Kriminalität verorten um sich zu wundern, dass sich trotz aller Skandale, Schiebereien und Menschenrechtsverstößen die WM noch immer die Massen und deren Medien elektrisiert. „Putins große Fußballshow“ ist ein Artikel in einem Leitmedium überschrieben. Das ist leider viel zu optimistisch. Denn nicht die Show für Putin in Russland ist das Problem – sondern die Tatsache, dass durch kritiklose 1:0-Berichterstattung weltweit Regimes und Organisationen – und da darf man das IOC mit hinzurechnen – die meilenweit von Demokratie und Transparenz entfernt sind, stillschweigend legitimiert werden.

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