Löcher in der Matrix – Bildung, Bafög & Bordieu

Weniger Schüler und Studenten erhalten Bafög (zeit.de)

Ungeachtet der real existierenden Zersplitterung der Gesellschaft und deren unterschiedlicher Interessen gibt es immerhin einen übergelagerten Konsens: Bildung sei die Lösung für eine ganze Reihe von Problemen. Neben den individuellen, inkorporierten Gewinnen durch Bildung erstreckt sich dieser Konsens vor allem auf den Standort Deutschland. Nur mit bestens ausgebildeten Wissenschaftlern, cleveren Informatikern, findigen Ingenieuren und fähigen Betriebswirtschaftlern lasse sich der Wohlstand hierzulande sichern.

Groß ist daher die Aufregung, wenn PISA-Studien Mängel im Schulsystem aufzeigen und einschlägige Rankings deutsche Universitäten, in der Heimat der Elite zugerechnet, im globalen Vergleich unter ferner liefen aufführen. Und natürlich wird zu solchen Gelegenheiten gerne bekräftigt: Jeder, der die intellektuellen Voraussetzungen dafür mitbringt oder wenigstens hinreichend Fleiß, soll auch studieren können.

Dem steht die Realität gegenüber, und die weist aus: Immer weniger Schüler und Studenten erhalten Bafög-Förderung. Nicht einmal mehr jeder vierte Studierende bezieht Bafög – trotz steigender Lebenshaltungskosten. Mehr noch: Die Bundesregierung hat die dringend empfohlene Erhöhung der Leistung verschoben, der entsprechende Bericht zur Lage der Studenten wurde jetzt erst mit zweijähriger Verspätung vorgelegt.

Dies steht im krassen Widerspruch zur Wahrnehmung, dass Bildung allgemein und universitäre oder fachhochschulische Ausbildung im Besonderen Priorität besitzt. Angesichts des langfristigen Trends ist das kaum eine Auswirkung der Hängepartie um die Regierungsbildung. Und man muss auch nicht die große Bordieu-Klatsche herauskramen, dass hier nun von der Klasse mit dem höchsten ökonomischen Kapital klammheimlich versucht wird, andere auf Distanz zu halten. Diese Diskussion liegt fast 50 Jahre zurück.

Ein bemerkenswertes Loch in der Matrix ist diese Diskrepanz zwischen öffentlichem Bekenntnis und nicht-öffentlichem Unterlassen dennoch. Oder ist es mittlerweile so, dass Unternehmen eher Techniker und Facharbeiter händeringend suchen, weil es tatsächlich davon weniger als benötigt gibt?

⇐ Vorheriges Loch         Nächstes Loch ⇒