Robo-Advisor: Nur billig oder auch gut?

Ernst Heemann, Heemann Vermögensverwaltung GmbH

Warum lesen Sie zuletzt so viel über digitale Vermögensverwalter – sogenannte Robo-Advisors? Vermutlich liegt es daran, dass die Deutschen im Großen und Ganzen Schnäppchenjäger sind. Wer günstige Preise verspricht, erzielt recht schnell Aufmerksamkeit. Robo-Advisors werben vor allem mit günstigen Verwaltungsgebühren. Es stellen sich die grundsätzlichen Fragen: Ist bei Vermögensverwaltungen billiger auch besser? Und was heißt eigentlich „besser“?

Kostenvergleich

Ich unterstelle: Im Bereich der Vermögensanlage bedeutet „besser“ zunächst einmal „erwirtschaftet kontinuierlich höhere Renditen nach Kosten“. Der Vergleich gestaltet sich demnach wie folgt: Die Honorarstruktur der Robo-Advisors beschränkt sich zumeist auf eine Verwaltungsgebühr unter 0,8% p.a. Bei manchen Anbietern kommt noch eine Gewinnbeteiligung hinzu. Tradingkosten sind in der Regel über das Jahreshonorar abgedeckt. Dies ist besonders für regelmäßige Kleinstsparer interessant. Vermögensverwalter stellen im Vergleich dazu meist höhere Honorare in Rechnung. Des Weiteren fallen Tradingkosten bei der depotführenden Bank an. Das Argument der „versteckten Kosten“ halte ich für ein Scheinargument. Jeder seriöse Vermögensverwalter macht seine Honorarstruktur transparent. Ein reiner Kostenvergleich fällt dennoch klar zugunsten der Robo-Advisors aus.

Schuss ins Blaue

Hinsichtlich der erwirtschafteten Rendite gestaltet sich das Bild genau andersherum: Viele klassische Vermögensverwalter können über Jahre hinweg durch anonymisierte Kundendepots oder selbstverwaltete Fonds eine attraktive Performance nachweisen. Eine Investition in ein algorithmusgesteuertes Depot hingegen gleicht einem Schuss ins Blaue. Robo-Advisors verfügen nur über sehr kurze bis gar keine Ergebnishistorien. Die Robo-Advisors, die ihre Performance öffentlich ausweisen, können mit guten Vermögensverwaltern und guten vermögensverwaltenden Fonds nicht mithalten. Bezüglich der Anlagestrategie tun sich weitere Unterschiede zwischen traditioneller und digitaler Vermögensverwaltung auf: Robo-Advisors investieren fast nur in ETFs. Dies mag aus Kostensicht günstig erscheinen, aus Anlegersicht ergeben sich jedoch diverse Nachteile: Wer den ganzen Index kauft, kauft auch die Verlierer und ignoriert die Gewinner aus den Nebenreihen. Außerdem können Investoren bestimmte Branchen, z.B. Waffenhersteller, nicht individuell ausschließen. Klassische unabhängige Vermögensverwalter können Anlagen hingegen selektiver tätigen und so besser auf die Bedürfnisse ihrer Mandanten eingehen.

Fazit

Wer monatlich einen geringen Betrag sparen möchte, kann bei einem Robo-Advisor, der keine Mindestanlage fordert, gut aufgehoben sein. Die Tradingkosten sind in der Verwaltungsgebühr zumeist enthalten. Allen anderen Investoren empfehle ich, sich Zeit für die Auswahl eines guten unabhängigen Vermögensverwalters zu nehmen. Wem es dennoch aus Zeitgründen wichtig ist, mit wenigen Clicks seine Geldanlage zu tätigen, dem empfehle ich, gute vermögensverwaltende Fonds zu kaufen.

 

Über Ernst Heemann

Ernst Heemann, geboren 1948 in Gronau (Westf.). Nach dem humanistischen Gymnasium studierte er Betriebswirtschaftslehre an den Universitäten Münster und Nürnberg. Das Studium schloss er als Diplomkaufmann an der Universität Münster am Lehrstuhl für Wirtschaftsprüfung ab. Nach Tätigkeiten als geschäftsführender Gesellschafter in einem Handelsunternehmen und Aufsichtsrat in einem international tätigen Elektrotechnikunternehmen fokussierte er sich auf das Wertpapiergeschäft. Seit 1996 ist er Geschäftsleiter in der Heemann Vermögensverwaltung GmbH. Diese führt Depotverwaltungsmandate weltweit und managt diverse Investmentfonds. Die persönlichen Interessen liegen im Bereich der Kunst und der Kultur.