Löcher in der Matrix – Was Tom Sawyer schon damals wusste…

So, mal zurückgeblättert in die Vor-Computer-Epoche. Also eine Zeit, in der noch richtige Bücher gelesen wurden. Auch von Jugendlichen. Zu den Klassikern zählt „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ von Mark Twain, und wer erinnert sich nicht an die legendäre Episode des Zaunstreichens. Tom Sawyer musste 30 Meter weiß pinseln, wozu er natürlich keine Lust hatte. Doch fröhlich pfeifend tat er so, als ob seine Tätigkeit die schönste der Welt sei, weckte Interesse und verführte all jene, die des Wegs kamen, selber den Pinsel zu schwingen. Am Ende war der Zaun gestrichen, ohne dass Sawyer hatte Hand anlegen müssen. Mehr noch: Er nahm auch noch einen Schatz aus Murmeln und anderen Kostbarkeiten ein!

Der Tom Sawyer von heute heißt Mark Zuckerberg. Während sich Amateure damit mühen, über teure Preisausschreiben Adressdaten zu erhalten, mit Bonuskarten Einkaufsverhalten auswerten oder Leuten mit nervtötenden Anrufen versuchen auf dem Ja-Pfad auszufragen, hat Zuckerberg eine Plattform geschaffen, auf der viele Nutzer selbst die intimsten Daten dem Unternehmen geradezu aufdrängen. Der Pinsel wird ihm gewissermaßen aus der Hand gerissen – und im Schatz befinden sich viel wertvollere Dinge als Murmeln. Die Börse hatte die Genialität des Geschäftsmodells schnell erkannt und bereits mit zig Milliarden bewertet, als die Erlöse noch mickrig waren.

Und jetzt regt sich alle Welt darüber auf, dass die milliardenfach aufgedrängten Daten tatsächlich auch genutzt werden???

Das Problem ist nicht neu. Technischer Fortschritt kann immer missbraucht werden. Aber nach wie vor ist es unmöglich, „die Pflicht, ein Dummkopf zu bleiben, als ethisches Prinzip aufzustellen“, um mit Dürrenmatt zu sprechen. Zuckerberg hat keine Atombombe erfunden, die Sprengkraft von Facebook für das anständige Miteinander – und Anständigkeit ist hier im Sinne Axel Hackes gemeint, ist natürlich enorm. Der Rechtsstaat wird reagieren und entsprechende Leitplanken setzen, und er kann das natürlich nur stets im Nachhinein.

Des aktuellen Empörungshypes eingedenk ist es notwendig, vor nun drohender Überregulierung zu warnen. Neue Möglichkeiten schaffen neue Angebote und somit neues Wachstum. Darauf können wir nicht verzichten. Kritik am Konzern ist notwendig und berechtigt, die Schrillheit und die „..schon immer gewusst“-Attitüde indes wohlfeil. Facebook in die Pflicht nehmen? Natürlich. Aber auch Ruhe bewahren. Übrigens: Die Nutzer dürfen sich gerne auch mal selber fragen, ob sie Social Media- Angebote zukünftig nicht ein wenig defensiver nutzen möchten.

Die Facebook-Aktie ist von den Höchstständen aktuell bereits mehr als 15% zurückgekommen, die laufende Diskussion dürfte noch einige Prozentpunkte kosten. Wahrscheinlich ist es die beste Idee, Zuckerberg nicht beim Pinseln zu unterstützen, sondern sich seinen Anteil am wachsenden Schatz zu sichern. Denn das Geschäftsmodell ist genial.

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