Österreichische Schule: Der Staat ist ein One-Trick-Pony

Der Gedanke, die Verstaatlichung einstiger Märkte rückgängig zu machen, ist für Investoren attraktiv. Ein Seminarrückblick.

Ganz am Ende, in der Diskussion, fiel der für Anleger relevante Satz: Geldanlage in produktive Unternehmen, die heute und voraussichtlich künftig den Wohlstand mehren, auch in Aktienfonds, wenn Zeit und Mittel begrenzt sind, seien nach wie vor die sinnvollste Investition. Mit dieser Feststellung bekräftigte Thorsten Polleit, der Präsident des Ludwig von Mises Instituts Deutschland, eine Grundhaltung der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Dabei war es bei den vorhergehenden Vorträgen auf dem Ludwig von Mises Seminar, das im März 2018 zum vierten Mal in Kronberg bei Frankfurt stattfand, gar nicht um Investieren im engeren Sinne gegangen, eher um die Hemmnisse von Staats wegen, die erstaunlich viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens der Wohlstandmehrung entziehen.

Die Aufgabe der jährlichen Ludwig von Mises Seminare ist die Vermittlung von Grundlagenwissen. Das sei weiterhin nötig, bekräftigte Andreas Marquart, der Vorstand des Instituts, seien doch die Einsichten der Österreichischen Schule nach Jahrzehnten der Verdrängung und des Vergessens erst in diesem Jahrzehnt in den wirtschaftswissenschaftlichen Diskurs zurückgekehrt und noch dabei, sich zu verbreiten.

Die Lehre vom guten Erklären

Die Praxeologie, so hat Ludwig von Mises seine Wissenschaft vom menschlichen Handeln genannt, und deren methodologische Grundlagen bekannt zu machen, war eines der Anliegen des Seminars, dem Rolf W. Puster drei aufeinander aufbauende Vorträge widmete. Er ist Professor für Philosophie an der Universität Hamburg, wo sich ein Cluster von Wissenschaftlern an einer „Hamburger Deutung“ der Praxeologie und ihrer Methodologie versucht, die sich von Mises ausgehend die Freiheit nimmt, die Lehre vom guten Erklären weiterzudenken.

Welcher Gewinn aus einer solcherart aufgefrischten Lehre erwachsen kann, machte Philipp Bagus in mehreren Vorträgen deutlich. Er ist Professor für Volkswirtschaft an der Universität Rey Juan Carlos in Madrid, wo es schon länger einen Cluster von „Austrians“ gibt, also von Vertretern der Österreichischen Schule. Viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, so sein großes Thema, seien wirtschaftlichem Handeln entzogen, weil Politiker staatliches Tun für wirksamer als unternehmerisches Handeln hielten und über Zwangsmittel verfügten, diese Haltung auch gegenüber den Bürgern durchzusetzen.

Bildungsrendite schlägt den Aktienmarkt

Ein Feld, auf dem politischer Zwang satte Ernte eingefahren hat, ist die Bildung. Dass deutsche Kinder auf staatliche Schulen gehen, scheint den Bürgern eine Selbstverständlichkeit. Dabei ist Bildung ein Konsumgut wie jedes andere, dessen Nachfrage natürliche Grenzen fände, wenn das Verhältnis von Investition und Rendite unattraktiv würde. In den USA mit ihrem breiten marktwirtschaftlich organisierten Bildungswesen liegt die Bildungsrendite für Abgänger der Sekundarstufe bei 13%. Der Wert misst den durchschnittlichen Mehrverdienst im Laufe des folgenden Arbeitslebens gegenüber einem Schulabgänger ohne diesen Abschluss. Damit schlägt diese Bildungsrendite die Aktienmarktrentabilität der USA deutlich. Sie liegt im langjährigen Mittel bei durchschnittlich 7%.

Das macht es attraktiv, in Bildung statt in Vermögenswerte zu investieren, doch wenn alle gleich hoch qualifiziert wären, stäche gute Bildung nicht mehr aus. Die Bildungsrendite sinkt, es wird unrentabel, Soziologie oder Gender Studies zu studieren. So verhindert ein freier Markt für Bildung, dass es am Ende zu viele Akademiker gibt, deren erlerntes Wissen keiner braucht. Ein staatliches Bildungssystem kennt solche Anreize der klugen Investition in Qualifikation nicht. In etlichen Ländern der Europäischen Union erzeugt verstaatlichte Bildung ein krasses Überangebot an kulturwissenschaftlichen Akademikern – 70% der spanischen Taxifahrer sind solcherart überqualifiziert.

Verstaatlichung von allem und jedem

Mit so einem akademischen Prekariat wächst eine antikapitalistische Zeitbombe heran, die Politiker in Deutschland mit einer Ausweitung staatlicher Beschäftigung zu entschärfen versuchen. Doch die Expansion des Staates in den hochverschuldeten Mittelmeerländern wird sich nicht finanzieren lassen. Dabei ist die Verstaatlichung von allem und jedem – der Umwelt, der Sicherheit, der Wohlfahrt und eben auch der Bildung – ein Vorgang, der erst im 19. Jahrhundert begonnen hat.

Die Enteignung des privaten Schulwesens durch den Staat begann vielerorts in Europa nach der bürgerlichen Revolution von 1848, als große Teile der Bevölkerung längst alphabetisiert waren und begannen, sich ihres Verstandes zu bedienen und eine ungewollte Obrigkeit infrage zu stellen. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten; erst in Preußen, später im ganzen Reich wurde der Lehrer Staatsbeamter – und seine Schüler zogen 1914 für den Kaiser jubelnd in den Krieg und starben dann den Heldentod, jämmerlich, millionenmal.

Nur ein One-Trick-Pony

Ein freier Markt für die Bildung erlaubt es den Bürgern, ihre Nachfrage nach diesem Konsumgut zu bestimmen und die Investitionen in ihre Ausbildung zu kalkulieren. Und er bewahrt sie vor staatlicher Indoktrination und ihrer Verlockung zu patriotischer Fehlentscheidung, die sie das Leben kosten können. Die Gefahren, die vom Staate ausgehen, sind vielfältiger Art. Philipp Bagus und Thorsten Polleit beackerten in ihren Vorträgen weitere Felder, auf denen Politiker mit den Mitteln des Zwangs unternehmerisches Handeln unterbinden und staatliches Tun monopolisieren. Besonders augenfällig sind hier die Umwelt, das Geldwesen, die Sicherheit, die Bedürftigenhilfe, die allesamt mittlerweile überwiegend oder voll verstaatlicht sind.

Das Muster ist stets das gleiche: Anmaßung von Wissen seitens der Politiker und Ausübung von Zwang mittels Verfügung über die Staatsmacht. Rolf W. Puster nannte den Staat deshalb in seinem letzten Vortrag ein One-Trick-Pony – er könne nur Zwang ausüben und nichts anderes. Wie ihm, dem Staat, das gelungen ist, arbeitete als vierter und letzter Referent des Seminars David Dürr in drei sukzessiven Vorträgen heraus: mit den Mitteln des Rechts, das scheinbar über den Dingen stehe, als sei es nicht von dieser Welt.

Natürlich ist es doch von dieser Welt, wie der Professor für Privatrecht und Rechtstheorie an der Universität Zürich darlegte, und so stößt wirtschaftliches Handeln rein rechtlich schon auf Schritt und Tritt an die Barrieren politischer Anmaßung. Der Gedanke, die Verstaatlichung einstiger Märkte rückgängig zu machen und die Souveränität der Bürger wiederherzustellen, ist für die Bürger auch in ihrer Rolle als private Investoren reizvoll, denen neue produktive Unternehmen neue Anlageperspektiven eröffneten.

Dr. Rainer Bieling

 

Hinweis

Die Vorträge des Mises Seminars vom 9. und 10. März 2018 sind auf der Website des Ludwig von Mises Instituts Deutschland als Videoaufzeichnungen verfügbar: www.misesde.org

 

Am Schluss die Diskussion: Thorsten Polleit, Rolf W. Puster, Philipp Bagus und David Dürr (von links nach rechts) beantworten Fragen der Teilnehmer des Ludwig von Mises Seminars 2018.