Löcher in der Matrix – Unbekömmliches Schaumkrönchen

In Frankreich protestieren gerade die Gourmets: Camembert soll statt ausschließlich aus Rohmilch auch aus pasteurisierter Milch hergestellt werden dürfen und trotzdem als Camembert aus der Normandie AOC in die Vermarktung kommen. Als Anschlag auf die Handwerkskunst wird das gegeißelt – und als Kniefall vor der industriellen Fertigung, die am besten mit entkeimter Milch funktioniert.

Gewiss, nur ein Beispiel, aber die Qualität der Lebensmittel wird an vielen Ecken beschnitten. Erdbeerjoghurt ohne Erdbeeren, Analogkäse, Separatorenfleisch, zusammengeklebte Schnitzel und Säfte mit Gelatine, also tierischen Zusätzen, erinnern nur an die jüngsten Aufreger. Kindersäfte mit Unmengen an Zucker, mit Wasser und Eiweiß-Füllstoffen gestrecktes Mett, essbare Rinde von Käse mit Pilzgiften –  der Gesetzgeber, gleichermaßen auf EU- wie auf Bundesebene, hätte wahrlich viel zu tun, um den Bürgern gesundes Essen zu garantieren. Nicht jeder hat schließlich das Geld übrig, Mehrpreis für Bio-Ware zu bezahlen.

Doch statt wirklich hilfreicher Maßnahmen ergeht sich die Obrigkeit in Schaukämpfen und Absurditäten. So wurde jetzt einer kleinen Brauerei im baden-württembergischen Voralpenland per Gerichtsurteil untersagt, ihr Bier als „bekömmlich“ zu bezeichnen. Die verhandelnden Juristen hatten keine Wahl. Denn die Richtlinie der EU schreibt vor, dass bei Getränken mit mehr als 1,2% Alkoholgehalt gesundheitsbezogene  Attribute zu unterlassen sind. Welch ein Missverhältnis: Frischkäse darf als Frischkäsezubereitung bis zur Unkenntlichkeit aufgeschäumt werden, zerschredderte Geflügelreste als Nuggets zusammengeklebt in den Verkauf gehen, Wein mit Holzchips auf Geschmack getrimmt in den Verkauf gelangen – aber ein leckeres Bier, rein gebraut, darf nicht als bekömmlich bezeichnet werden, weil dem Alkoholkonsum kein Vorschub geleistet werden solle.

Hier zeigt sich ein ziemlich großes Loch in der Matrix: Der Gesetzgeber geriert sich als Beschützer der Menschen, indem Bier nicht als bekömmlich beworben werden darf oder Zigarettenschachteln mit Schockbildern beklebt werden. Gleichzeitig sind aber beispielsweise massive Überzuckerung durch Maissirup, künstlicher Käse und geklebtes und aufgespritztes Fleisch legal. Das zeigt den Lobbyerfolg der Nahrungsmittelindustrie. Das Bier-Urteil setzt dem gewissermaßen das unbekömmliche Schaumkrönchen auf.

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