Edelmetalle: Der Goldpreis fällt …

… und keiner weiß warum

 

Am Freitag, den 15. Juni 2018, lösten Leerverkäufer an der New Yorker Futures-Börse COMEX einen Absturz der Edelmetallnotierungen aus (Smart Investor 8/2018). Sieben Wochen später meldete die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ): „Der Goldpreis hat einen neuen Jahrestiefstand erreicht. Eine Feinunze (31,1 Gramm) kostete zeitweise nur noch 1.204,58 Dollar – so günstig war das Edelmetall zuletzt im März 2017. Am Markt wurde schon spekuliert, wann die Marke von 1.200 Dollar fallen könnte.“ Miriam Kraus, Autorin eines Börsenbrief-Newsletters, sprach aus, was viele denken: „Die meisten Marktbeobachter und Rohstoffanalysten können sich schon seit einiger Zeit die Entwicklung des Goldpreises nicht mehr erklären. Das macht weder fundamental noch aus sonstigen Gründen Sinn.“

Trotz Handelskrieg und Rezessionsgefahren, trotz zunehmender geopolitischer Spannungen und schlechter Zahlen von Facebook haussieren US-Aktien, während der Goldpreis fällt. Italien und Spanien bedrohen die Stabilität des Euro, Gold und Silber können davon nicht profitieren. Der Preisverfall des Edelmetalls wird mit dem Anstieg der Zinsen in den USA begründet, obwohl – wie in den 1970er-Jahren – der Zinsanstieg mit zunehmender Inflation einhergeht. „King Dollar“ regiert die Finanzmärkte und ist gefragt als sicherer Hafen – trotz ausufernder Etatdefizite in Amerika und der Wahrscheinlichkeit, dass die USA beim Machtkampf mit China den Kürzeren ziehen werden (so Joseph E. Stiglitz, Wirtschaftsnobelpreisträger von 2001, im Handelsblatt).

„China manipuliert den Goldpreis“

James Rickards, Autor von Titeln wie „Währungskrieg“ und „Die Geld-Apokalypse“, macht mit einer Aufsehen erregenden These Reklame für sein im Herbst in den USA erscheinendes neues Buch; unterstützt wird er dabei von Craig Hemke, der auch schon im Smart Investor zitiert worden ist.

Es klingt wie eine Sensation: China habe den Yuan schon längst an den Goldpreis gebunden, das habe nur noch niemand bemerkt. Der Chart, den Rickards und Hemke zum Beweis vorlegen, sieht in der Tat eindrucksvoll aus. Seit Juni 2018, als die US-Zentralbank das letzte Mal die Zinsen erhöhte und Präsident Donald Trump Einfuhrzölle auf Waren aus China verkündete, folgt der Goldpreis brav wie ein Hündchen dem Weg von Chinas Währung bergab. Begründung: Die People’s Bank of China (PBOC) drückt über einen schwachen Goldpreis den Yuan, um über eine Währungsabwertung die Verteuerung chinesischer Exporte in die USA auszugleichen.

Am 28. Juli veröffentlichte das Gold Anti-Trust Action Committee (GATA) gar einen offenen Brief an die US-Börsenaufsicht CFTC, in dem „eine ausländische Regierung oder Organisation“ verdächtigt wird, Yuan und Goldpreis herunterzumanipulieren. Zusatzfrage: „Passiert diese Marktmanipulation durch eine ausländische Macht mit Billigung durch die amerikanische Regierung?“ Hemke legte noch eine Schippe drauf: Das Reich der Mitte würde als Hedgefonds getarnt seine Währung zusammen mit dem Goldpreis in den Keller schicken – ein Schurkenstück, das normalerweise der US-Großbank JP Morgan zugeschrieben wird.

Glaubwürdig erscheint diese Argumentation nicht. Dass China als Antwort auf US-Strafzölle seine Währung abwertet, halten die meisten Ökonomen für wenig wahrscheinlich. Die unbeabsichtigten Nebenwirkungen wären zu groß: China leidet schon jetzt unter Kapitalflucht. Ein schwacher Yuan würde diese verstärken und könnte so das gesamte Wirtschafts- und Finanzsystem destabilisieren. Chinas Notenbank ergriff deshalb bereits Maßnahmen, um die Spekulation gegen den Yuan zu erschweren.

Zwischen Yuan und Goldpreis in USD besteht in der Tat seit etwa einem Vierteljahr eine enge Korrelation, Charts lügen nicht. Wer da seine Finger im Spiel hat, ist bislang ungeklärt. Aufgrund historischer Erfahrungen weiß man (das hat auch James Rickards in einem seiner Bücher geschrieben): Um heute eine Währung nachhaltig an den Goldpreis zu koppeln, müsste dieser etwa zehnmal so hoch sein. Insofern erscheint es als wenig wahrscheinlich, dass diese enge Verbindung bis in alle Ewigkeit fortbesteht.

Leerverkäufe auf historischem Höchststand

Zahlreichen Beobachtern ist aufgefallen, dass die spekulativen Anlegern wie Hedgefonds zugeschriebenen Gold-Leerverkäufe am Futures-Markt auf einem Höchststand sind. Bleibt die offene Frage, wer die wahren Schurken am Tatort Comex sind.

GATA-Berater Robert Lambourne lieferte hierzu einen interessanten Hinweis. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), die in Basel ansässige Notenbank der Notenbanken, die für die meisten Zentralbanken auch als Gold-Broker fungiert, verlieh im Juli über Swaps und Derivate 72 Tonnen des Edelmetalls – gegenüber dem Vormonat eine Steigerung um 17%. Das Volumen dieser Geschäfte wuchs 2018 auf insgesamt 485 Tonnen Gold. Robert Lambourne sieht das im Zusammenhang mit der erstaunlichen Korrelation von schwachem Goldpreis und schwachem Yuan. Und er beklagt: „Die BIZ verweigert jede Auskunft, was sie auf dem Goldmarkt tut und für wen, was den Verdacht nährt, dass sie einem oder mehreren ihrer Mitglieder hilft, die Währungsmärkte zu manipulieren.“

Darüber hinaus flossen im Juli 39 Tonnen Gold aus Fondsprodukten ab (Quelle: World Gold Council). Auch dies drückte den Goldpreis. Eine Abwärtskaskade mit einem angenehmen Nebeneffekt für die Banken: Es gelang wieder einmal, über das Auslösen von Stopp-Loss-Marken die mit Gold hinterlegten ETFs zu „melken“.

Nur hartgesottene Contrarians sind derzeit optimistisch hinsichtlich des Goldpreises. Selbst überzeugte Gold Bugs glauben mittlerweile, dass der Kurs wegen der anhaltenden Manipulation weiter fällt. Alle traditionellen Regeln, auf die man sich bislang verlassen konnte, seien außer Kraft gesetzt.

Rainer Kromarek

 

 

Gemeinsam in die Tiefe: Goldpreis (Candlesticks) und Yuan in USD (blaue Linie). Quelle: Craig Hemke