Growth, Value oder Qualität?

Kolumne

Gastbeitrag von Lars Kolbe, Aqualutum GmbH

Die aktuelle Börsenphase bereitet nicht jedem Anleger Freude. Vor allem Value- Investoren tun sich seit geraumer Zeit schwer, angemessene Renditen zu erzielen. Wer dem Growth-Lager angehört, kann sich dagegen über teils erhebliche Kursgewinne freuen.

Qualität im Fokus
Die Begriffe sind in der Literatur schon hinlänglich beschrieben, sodass auf eine weitere Erläuterung verzichtet werden kann. Stattdessen soll ein Aspekt betrachtet werden, der oft zu wenig Beachtung findet: die Unternehmensqualität. Hier muss man in der Beurteilung deutlich über die reine Kennzahlenanalyse hinausgehen. Die Solidität der Finanzen, der gute Ruf der Firma bei den Kunden, die Marktanteile in der Branche, der Grad der Forschung und Entwicklung, die Ausrichtung von Marketingbudgets, die Ausleuchtung der Firmenkultur, eine dauerhaft hohe Ertragskraft – all diese Punkte sind von großer Wichtigkeit, vor allem bei Langfristinvestments. Kann man an mehreren oder allen dieser Punkte einen positiven Haken machen, wird das Unternehmen mit ansprechenden Raten wachsen und ist wohl dem Growth-Lager zuzuordnen.

Was heißt „billig“?
Haben Value-Aktien nun keine Qualität? Das kann man so pauschal nicht sagen. Wer jedoch auf reine Bewertungskennzahlen fokussiert ist (KGV, KBV etc.) und dort „billige“ Aktien sucht, landet regelmäßig in Branchen, die in einem tief greifenden Wandel begriffen sind, z.B. bei Banken. Zudem ist die Tatsache problematisch, dass „billig“ immer im Verhältnis zu historischen Bewertungen zu verstehen ist. Auf der Growth-Seite liegt das Hauptproblem darin, dass hohe Wachstumsraten in die Zukunft fortgeschrieben werden. Dabei wird die Tatsache verkannt, dass hohes Wachstum in einer Branche Konkurrenz auf den Plan ruft: Die Marktanteile schwinden, das Wachstum schwächt sich ab.

Antizyklik
Die Lösung des scheinbaren Dilemmas heißt antizyklisches Investieren. Auch bei dem besten Wert gibt es immer wieder Chancen, einen Fuß in die Tür zu bekommen. Der Grund dafür ist die häufig viel zu kurzfristige Sichtweise der Analysten, die nur Quartalsergebnisse vergleichen. Ist das Ergebnis in einem Quartal rückläufig, könnte der Grund dafür möglicherweise in Investitionen in Forschung und Entwicklung  der in der Ausweitung des Werbebudgets liegen. Beides sollte sich langfristig positiv auswirken. In der jüngeren Vergangenheit war zu beobachten, dass ein minimales Verfehlen der Schätzungen mit hohen Tagesverlusten bedacht wurde. Ein CEO wird gefeuert, Produkte werden zurückgerufen … die Liste möglicher Skandale ist lang. Meist beherrscht das Thema dann die Presse und Anleger trennen sich von den Werten. Jetzt gilt es, die Übersicht zu behalten und rasch herauszufinden, ob der Anlass wirklich existenzbedrohend ist oder ob sich – antizyklisch – eine Chance zum Einstieg bietet. Häufig nutzen auch Wettbewerber die Gelegenheit, sich einen Konkurrenten einzuverleiben.

Fazit
Die Zeiten, in denen man an der Börse noch gute Unternehmen zu KGVs von acht oder neun bzw. zu einem KBV von unter eins kaufen konnte, sind vorbei. Wir sind in einer veränderten Welt des globalen Wettbewerbs angekommen, in der starre Regeln nicht mehr funktionieren. Das wollen viele Value-Anleger klassischer Prägung noch nicht akzeptieren. Sichere Investments sind heute eher in Top-Qualitätswerten (zu höheren Bewertungen) zu finden als bei niedrigen Bewertungen. Deutsche Bank, thyssenkrupp und Bayer lassen grüßen.

 

Über Lars Kolbe
Lars Kolbe (Jahrgang 1966) ist Gründer und Geschäftsführer der Aqualutum GmbH. Frühere Stationen nach dem Studium in Frankfurt waren u.a. die Bad Homburger FERI Trust, wo er das Fondsresearch verantwortete. Kolbe ist Fondsberater des m4 – masters select (WKN: A12F3R).