Der Liberalismus und Frankreich

Kolumne

Gastbeitrag von Armin Zinser, Société de Gestion Prévoir

 

Der französische Volkswirt Jacque Lesourne hat einmal gesagt, Frankreich wäre eine Art „sowjetische Republik, die es trotzdem geschafft hat“. Andere wiederum behaupten, dass es eines der letzten „osteuropäischen“ Länder wäre, das trotz Macron noch dem sozialistischen System verbunden ist. Jean-Luc Mélenchon, das französische Äquivalent zu Politikern der Linken in Deutschland, lässt grüßen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Frankreich das Heimatland vieler großer liberaler Denker und Philosophen ist – man denke nur an Tocqueville, Say, Bastiat oder in den 1960er-Jahren an Jacques Rueff sowie heute Alain Madelin.

Fehlender Liberalismus
Frankreich ist bis heute ein antiliberales und von Ideologen geprägtes Land. Das französische Schulsystem, die staatliche Verwaltung sowie die politische Repräsentanz (Politiker sind größtenteils Beamte) stehen beispielhaft dafür. Wirklich liberale Standpunkte findet man unter den zeitgenössischen französischen Politikern, Volkswirten und Denkern nur in homöopathischen Dosen. Der ehemalige Minister Alain Madelin ist die einzige nennenswerte Ausnahme. Die meisten staatlichen Universitäten sind stark antiliberal geprägt.

Grenzenloses Staatsvertrauen
Für den Historiker Jacques Marseille gehören zu den Charakteristiken des französischen Systems eine Abschottung bzw. ein Protektionismus mit Wurzeln im 19. Jahrhundert, grenzenloses Staatsvertrauen, eine teilweise Ablehnung des freien Marktes und selbst einer sozialen Marktwirtschaft Erhard’scher Prägung. Ein staatliches Schulsystem soll Schüler in erster Linie zu Dienern des Staates erziehen. Der Politiker Claude Reichman sieht in Frankreich Anflüge einer totalitären Demokratie. Gemeint ist damit ein Land, in dem zwar demokratisch gewählt wird, aber keine wirkliche politische und unternehmerische Freiheit besteht. Die Macht des Volkes wurde an Technokraten abgetreten, die nicht nur an den politischen Schaltstellen walten, sondern in die gesamte Volkswirtschaft wirken. Daher handelt es sich nach Reichman um eine nahezu willkürliche Herrschaft, die das Volk unterjocht. Die (unverhältnismäßige) Antwort des Volkes ist die Gelbwesten-Bewegung. Der private Sektor wird größtenteils erstickt und zugunsten des öffentlichen Sektors quasi ausgeblutet.

Verlorene Wettbewerbsfähigkeit
Das heutige industrielle Frankreich hat an Wettbewerbsfähigkeit verloren, da es trotz steuerlicher Subventionen viel zu teuer produziert. Jahrzehntelang wurde mit einer ausufernden Staatsverschuldung von der Substanz gelebt, Investitionen in zukunftsorientiertes Wachstum wurden versäumt. Wichtiger war der zu einem viel zu hohen Preis und ohne wirklichen Erfolg erkaufte soziale Frieden. Presse und das öffentliche Fernsehen sind indirekt in der Hand des Staates und reflektieren dementsprechend den Zentralstaat. Die vorgetragenen Meinungen in diesen Medien spiegeln nicht unbedingt die Meinung der Bevölkerung wider. Trotz aller Widrigkeiten ist Frankreich seit Jahren nach Touristenzahlen weltweit Reiseland Nummer eins, das es trotz (nicht: wegen) seines politischen Systems geschafft hat, sein fantastisches kulturelles Erbe zu bewahren. Leider wird das immense Potenzial des Landes nicht zur Genüge gehoben. Schlussendlich überwiegt aber die kulturelle Vielfalt, die neben einem angenehmen Klima Frankreich so liebens- und lebenswert macht.

 

Über Armin Zinser
Armin Zinser ist für die Aktienanlagen der französischen Versicherung Groupe Prévoir zuständig. Daneben managt er die Publikumsfonds Prévoir Gestion Actions (WKN: A1T7ND) und Prévoir Perspectives (WKN: A1XCQU). Als waschechter Anhänger der Österreichischen Schule der Ökonomik bezeichnet Zinser seinen Anlagestil als pragmatisch und am gesunden Menschenverstand orientiert. Einer dezidierten Strategie möchte er sich daher nicht zuordnen lassen. Der gebürtige Schwabe lebt seit vielen Jahren in Paris. Bevor er zu Prévoir Gestion wechselte, war Zinser für die OECD im Assetmanagement tätig. Seine Fonds wurden mehrfach mit dem „Lipper Fund Award“ ausgezeichnet, der Prévoir Gestion Actions in den letzten Jahren sogar für den Zeitraum von zehn Jahren.

Auf der Finanzen Nacht am 2.2.2018 erzielte Zinser in der Kategorie „Fondsmanager des Jahres“ den zweiten Platz.