Schnellboote statt Supertanker

Bildnachweis: © Bildagentur PantherMedia / agiampiccolo.

Warum der Wandel auch den DAX erfassen muss.

Rechtsstaatlichkeit, ade?

Bevor wir uns den Aktienmärkten widmen, erlauben Sie uns eine kleine Vorbemerkung zu den weltweiten Großdemonstrationen des vergangenen Wochenendes: Auch in Deutschland gingen mehrere zehntausend Menschen in Städten wie Berlin, Köln oder München gegen Rassismus auf die Straße. So weit, so gut. Denn ohne Frage ist das Demonstrationsrecht in einer repräsentativen Demokratie ein außerordentlich hohes Gut. Ein weiteres hohes Gut ist die Rechtsstaatlichkeit, die den Bürgern Gleichbehandlung und ein willkürfreies Handeln der staatlichen Organe garantieren soll.

So sind beispielsweise die Abstandsgebote und Einschränkungen der Versammlungsfreiheit aufgrund der Corona-Pandemie eigentlich nach wie vor in Kraft, auch wenn über die Verfassungsmäßigkeit einzelner Maßnahmen erst noch abschließend zu entscheiden sein wird. Dennoch war davon am vergangenen Wochenende nicht mehr viel zu spüren. Auffällig war vor allem die unterschiedliche Behandlung der sogenannten Grundrechts- aka Corona-Demonstrationen auf der einen und der Anti-Rassismus-Demonstrationen auf der anderen Seite. Denn während die ersteren seit Wochen nur unter strengsten Auflagen und Beschränkungen stattfinden konnten, wurden Ansteckungsgefahren bei den jüngsten Großdemonstrationen vergleichsweise wohlwollend hingenommen. Dabei wäre es ein fatales Signal für die Rechtsstaatlichkeit, falls Verwaltung und Exekutive nicht peinlich genau auf ihre Neutralität gegenüber allen Bürgern und damit auch gegenüber allen Demonstranten achten würden. Anlass für die restriktive Auslegung der Regeln in München war übrigens die Grundrechtsdemonstration vom 9. Mai am Münchner Marienplatz, die mit seinerzeit ca. 3.000 Teilnehmern hinsichtlich der Wahrung des Mindestabstands völlig aus dem Ruder gelaufen war. Veranstalter und Teilnehmer wurden daraufhin in der örtlichen Presse praktisch unisono als unsolidarische Dummköpfe verunglimpft, die die Erfolge des „Social Distancing“ in unverantwortlicher Weise gefährdet hätten. Vergleichbar harsche Töne gegen die Demonstranten des vergangenen Wochenendes blieben im Medienmainstream interessanter Weise aus. Was auch ausblieb war übrigens die große Corona-Welle als Folge der Demonstration vom 9. Mai. Wäre es nach den Prognosen gegangen, München hätte daraufhin zum Seuchennest werden müssen. In ein paar Wochen werden wir sehen, ob und welche Auswirkungen das vergangene Demonstrationswochenende auf die Entwicklung der Corona-Fallzahlen haben wird und wie die Politik darauf reagiert.

 

 

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„Old Economy“ im Sinkflug

Während jede normale Geschäftstätigkeit nur im Rahmen einer verlässlichen und stabilen Rechtsordnung dauerhaft gedeihen wird, tun sich zwischen den verschiedenen Geschäftsmodellen deutliche Unterschiede auf. Alteingesessene Geschäfte sind schon seit einiger Zeit in der Krise, manche sind sogar bereits komplett verschwunden. An deren Stelle treten vermehrt innovative Tech-Unternehmen aus den unteren Börsenligen. Schon bald wird man diese auch im DAX begrüßen. Erinnern Sie sich beispielsweise noch an die Jahrtausendwende? Als „Wachstumsaktien“, die oft genug nicht einmal eine echte Wachstumsstory anzubieten hatten, die Anleger elektrisierten? In den USA erlebten wir erst das Aufpumpen und dann schließlich das Platzen der Internetblase. Hierzulande sorgte der Neue Markt für Goldgräberstimmung. Was folgte, ist bekannt. Von den allermeisten Unternehmen spricht heute aus nachvollziehbaren Gründen – Insolvenz, Bedeutungslosigkeit oder gar Anlagebetrug – niemand mehr. Damals wurde auch die Einteilung in Old und New Economy erfunden. Während das eine für die Vergangenheit stand, versprach das andere eine glänzende Zukunft. Ganz so einfach war es dann aber doch nicht. Neben den Fehlern, die selbst die Stars der New Economy machten, hat in der Zwischenzeit auch die Old Economy dazu gelernt. Große Konzerne nutzten ihre Finanzkraft, um sich zu modernisieren und passten sich an die geänderten Rahmenbedingungen an. Sie übernahmen kleinere Wettbewerber, bevor diese ihnen gefährlich werden konnten, oder sie kopierten gleich deren Geschäftsmodelle. Und dennoch stehen große Teile der heimischen Wirtschaft heute – ziemlich genau 20 Jahre später – wieder an einer entscheidenden Weggabelung, wie nicht zuletzt die harten Corona-Lockdowns gezeigt haben.

 

Zeiten ändern sich

Der Strukturwandel bzw. ausgewachsene Krisen waren allerdings auch schon vor diesen Maßnahmen in vielen Branchen das beherrschende Thema: Autobauer, Versorger, Einzelhändler – sie alle spürten den Druck neuer Wettbewerber, technologischer Veränderungen und immer neuer politischer Vorgaben. Die Restriktionen der Corona-Wirtschaft haben einige der ohnehin vorhandenen Tendenzen noch einmal deutlich beschleunigt. Das zeigt sich beispielsweise in unserem Einkaufsverhalten, das sich noch weiter in Richtung Online-Shopping verschoben hat. Einen Weg zurück in die „gute alte Zeit“ der großen stationären Kaufhäuser wird es ebenso wenig geben wie eine Rückkehr der Tante-Emma-Läden, die ihrerseits zuvor von den Kaufhäusern verdrängt worden waren. Auch unsere Arbeitsumwelt hat sich wohl dauerhaft geändert: Für viele Unternehmen, die ihre Mitarbeiter – zunächst durchaus widerwillig – ins Home Office schickten, wurden die perspektivischen Vorteile dieser Option sichtbar: weniger benötigte Bürofläche, seltenere Arbeitswege, weniger Staus, weniger Stress, mehr Zeit, höhere Motivation, etc. In den Börsenwerten der jeweiligen Unternehmen spiegeln sich die neuen Zeiten schon länger wider: So ist beispielsweise Amazon inzwischen mehr als dreieinhalbmal so viel wert wie Wal-Mart. Der Fahrdienstvermittler Uber bringt das rund 80-fache des unter Insolvenzschutz geflüchteten Autovermieters Hertz auf die Waage und Tesla ist viermal so hoch kapitalisiert wie der einst stolze Weltkonzern Daimler. Dass die erwähnten „Herausforderer“ allesamt in den USA gegründet wurden, sollte uns zu denken geben. Zugleich liefert dies aber auch die Erklärung, warum der DAX schon lange nicht mehr mit dem Tempo des NASDAQ mithalten kann. Egal ob auf Sicht eines Jahres, im Vergleich der letzten drei oder gar fünf Jahre – je länger der gewählte Zeitpunkt ist, desto weiter geht die Schere zwischen DAX und NASDAQ 100 auseinander, obwohl im DAX als Performanceindex sogar die Dividenden vereinnahmt werden.

 

Abb. 1: DAX (rot) vs. TecDAX (grün) und NASDAQ 100 (blau) jeweils in US-Dollar

„Ich will da rein!“

Und auch im Vergleich zum TecDAX (ebenfalls ein Performanceindex) können die Supertanker des DAX schon lange nicht mehr mithalten. Innovation und Wachstum suchen Anleger also besser anderswo. Warum nicht in die Deutsche Post von (über-)morgen namens Delivery Hero investieren oder in die vielleicht nächste SAP namens TeamViewer? Aus der zweiten Reihe drängen gleich eine ganze Reihe von Unternehmen mittelfristig in den DAX. Nachdem schon vor geraumer Zeit die klassischen Einzelhandelskonzerne wie Metro aus dem deutschen Leitindex gefallen sind – bereits 2001 (!) ging für KarstadtQuelle das Licht im DAX aus – fordern nun Zalando und HelloFresh in bester Gerhard-Schröder-Manier Einlass: „Ich will da rein!“

Nehmen wir das Beispiel Zalando: Das Unternehmen managt exzellent das Wachstum und die digitale Infrastruktur seiner Online-Plattform, die von immer mehr Modemarken als zusätzlicher Vertriebskanal genutzt wird. Zalando stellt nicht nur die Infrastruktur zur Verfügung, die Berliner kümmern sich als Dienstleister auch um die Abwicklung und Logistik der Bestellungen. Die schiere Breite des Sortiments stellt sicher, dass man im Gegensatz zu einer einzelnen Marke auch nicht das Risiko trägt, einen bestimmten Modetrend zu verschlafen. Aktuell ist man zu alledem auch noch Lockdown-Profiteur (s.o.). Die Hoffnung der kleinen Mode-Boutique vor Ort, daran könne sich nach einem vollständigen Ende der Regierungsmaßnahmen etwas Grundlegendes ändern, wird leider ein frommer Wunsch bleiben.

 

Seiner Zeit hinterher

Betrachtet man die Zusammensetzung des DAX, so drängt sich der Eindruck auf, dass der Index seiner Zeit doch ein gewaltiges Stück hinterherhinkt. Noch immer prägen Automobilhersteller, Finanzwerte und Industrieunternehmen das Feld der Großen. Mit Ausnahme von SAP, Wirecard und Infineon ist der Technologie-Sektor eher spärlich vertreten – noch. Dabei zeigt die Entwicklung der „Skandalnudel“ Wirecard, dass allein das Technologie-Etikett keine Outperformance garantiert. Tatsächlich erlebte der in die Kritik geratene Zahlungsdienstleister seine besten Börsentage vor der Aufnahme in den DAX. Seitdem Wirecard Mitglied im „Club der großen 30“ ist, geht es dagegen unter hohen Schwankungen abwärts. Es empfiehlt sich daher, mit einem Investment nicht bis zur DAX-Aufnahme zu warten. Die Aussicht auf eine Indexaufnahme und somit auf ein singuläres Ereignis sollte für einen längerfristig orientierten Anleger ohnehin niemals das alleinige Kaufkriterium sein. Der kürzlich vermeldete DAX-Abstieg der Lufthansa besitzt ebenfalls Symbolkraft. Während hier vordergründig keine großen Managementfehler zu erkennen sind und sich der Sinkflug der Aktie vor allem aufgrund der Pandemie noch einmal deutlich beschleunigte, ist dies doch ein weiteres Puzzleteil im „großen Bild“. Die Wahrscheinlichkeit, dass im Jahr 2030 Firmen wie TeamViewer, Nemetschek, Delivery Hero oder auch Zalando im DAX notieren, ist deutlich höher als dass man dort noch auf Daimler oder Continental trifft.

 

 

Abb. 2: DAX

Zu den Märkten

Trotz des Vorgesagten hat der DAX für sich alleine betrachtet eine beispiellose Aufholjagd hinter sich (Abb. 2). Damit liegt er zwar noch immer weit hinter dem NASDAQ, der insbesondere durch die marktführenden FAANG-Aktien nach oben gezogen wurde, verstecken braucht es sich – zumindest in den letzten Wochen – dennoch nicht: Vom Tief Mitte März („Iden des März“) bis zum Hoch am Wochenanfang ging es um mehr als 4.600 Punkte oder über 56% nach oben. Sie werden in der Historie des DAX keine vergleichbar starke Aufwärtsbewegung in so kurzer Zeit finden. Trotz des alles in allem chaotischen Umfelds vollzog sich diese Bewegung sogar innerhalb eines relativ wohldefinierten Trendkanals (blaue Begrenzungen). Allerdings ist der stark übergekaufte Index nun am harten Widerstandsbereich um 13.000 Punkte (rote Waagerechte) angekommen. Das sollte der willkommene Anlass für eine Verschnaufpause sein, die sich während der vergangenen zwei Tage auch tatsächlich bereits abzeichnet. Ein großer Rückschlag muss daraus allerdings nicht werden. Solange die Notenbanken der Welt weiter fleißig Geld schöpfen, dürften die Märkte im Liquiditätsrausch aka Crack-up-Boom bleiben. Mehr zu diesem Thema lesen Sie übrigens im aktuellen Smart Investor 6/2020.

 

Musterdepot Aktien, Fonds und wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio lesen Sie heute über erfolgte Transaktionen und die Entwicklung unseres wikifolios „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

 

 

 

 

Smart Investor 6/2020

Titelstory: Crack-up-Boom – Katastrophenhausse voraus?

Handelsstreitigkeiten: Globale Machtspiele

Beteiligungsgesellschaften: Der große Überblick

Biopharma: Der Corona-Profiteur

 

 

 

Fazit

Die Zeit der großen Tanker geht zu Ende, und das hat ausnahmsweise einmal nichts mit Dekarbonisierung der Wirtschaft zu tun. Die Zukunft gehört dagegen innovativen Marktführern, die über kurz oder lang zwangsläufig auch in die Reihen der 30 großen DAX-Unternehmen hineinwachsen werden.

Ralph Malisch, Marcus Wessel

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Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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