ESG-Ungereimtheiten

Kolumne

Gastbeitrag von Dr. Christoph Bruns, LOYS AG

Marketingnische ESG
Kaum ein Thema bereitet den Marketingabteilungen der Fondsindustrie derzeit mehr Kopfzerbrechen als der Umgang mit dem englischen Akronym ESG. Dabei geht es um Umwelt-, Sozial- und Wohlverhaltensregeln für Unternehmen. Wie bei anderen Finanzmarktentwicklungen auch schwappt das Thema aus den USA nach Europa über. Daher nimmt es nicht wunder, dass US-Anbieter bei ESG-Dienstleistungen führende Positionen einnehmen und die Inhalte definieren, wie das z.B. beim Thema Rating seit Jahrzehnten gegeben ist. Ebenso ist der Versuch der Fondsindustrie legitim, eine neue Marketingnische mit dem ESG-Thema zu eröffnen. Man sollte nicht übersehen, dass im Assetmanagement die Innovation i.d.R. in der Verpackung besteht, während es im Produktmanagement seit Jahrzehnten kaum wesentliche Neuerungen gibt.

Widersprüche in der Praxis
Im Hinblick auf ESG lassen sich jedoch erstaunliche Ungereimtheiten feststellen. Das Thema Umweltschutz scheint nachgerade einen dominanten Platz innerhalb der ESG-Troika einzunehmen.Danach kommen soziale Kriterien, und auf den Wohlverhaltensregeln zum Unternehmensmanagement scheint nur wenig Fokus zu liegen, wiewohl doch Investoren davon am meisten profitieren sollten. Aber selbst beim Umweltschutz scheiden sich aus guten Gründen die Geister: Wie soll etwa mit einer RWE-Aktie verfahren werden, die sich rasant zu einem Energieerzeuger aus alternativen Quellen entwickelt? Und wie steht es etwa mit der französischen EDF, die angesichts ihres hohen Atomanteils recht geringe Mengen an CO2 ausstößt?

Wenig konsistenter sieht es bei den sozialen Komponenten des ESG aus. Wie kann es etwa sein, dass die allermeisten institutionellen Investoren amerikanische Staatsanleihen halten, wenn doch – wie wir lesen – in den USA „systemischer Rassismus“ existiert? Und dann erst das „G“ in ESG. Wie kann es sein, dass Megaunternehmen wie Facebook und Google verschiedene Anteilsklassen haben und damit dem Prinzip „eine Aktie, eine Stimme“ diametral entgegenstehen?

Die Liste der Ungereimtheiten ließe sich problemlos ins Unendliche fortsetzen. Insgesamt entsteht der Eindruck, als würde ESG als reinwaschendes Marketinginstrument eingesetzt. Wären die Fondsmanagementhäuser wirklich an einer konsequenten Ausrichtung hinsichtlich Umwelt-, Sozial- und Wohlverhaltensstandards interessiert, dann müssten Positionen in US-Staatsanleihen unterbleiben und Aktien der beliebten Megaunternehmen aus dem Internetbereich abgestoßen werden. Man darf aber getrost sein, dass dies nicht passieren wird.

ESG im Risikomanagement
Investoren sind aber gut beraten, die ESG-Entwicklungen in ihrem Risikomanagement gut im Auge zu behalten, wie dies die LOYS AG bereits seit 15 Jahren tut. Die versuchte Ächtung von Unternehmen, wie wir es bei Siemens angesichts von Weichenlieferungen für den Schienenverkehr eines australischen Minenbetreibers beobachten konnten, gibt einen Vorgeschmack auf das, was kommen mag. Dabei wird – wie stets im Internetzeitalter – der Gestaltung des Narrativs große Bedeutung zukommen. Die aktuelle ESG-Philie mag sich insofern zu einem Bumerang entwickeln. Tatsächlich gehörte die Identifizierung von Umwelt-, Sozialund Wohlverhaltensrisken immer schon zu den Kernaufgaben ganzheitlichen Fondsmanagements – daran ändert auch der Marketingcharme des ESG-Themas nichts.

 

Dr. Christoph Bruns ist seit 2005 Fondsmanager, Teilhaber und Vorstand der Aktienfondsboutique LOYS. Von Chicago aus verwaltet er den LOYS Global MH und den LOYS Global. Vor seiner Zeit bei der LOYS AG fungierte er zuletzt bis 2001 als Segmentleiter im Fondsmanagement und als Direktor bei Union Investment. Dr. Bruns ist zudem Autor renommierter Standardwerke im Bereich Portfoliomanagement und hat bereits zahlreiche Auszeichnungen als Aktienfondsmanager erhalten.