Leserbriefe August 2020

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Über Value, Wirecard, Wellen und Voltaire

? Vermögensabgabe
Dieses Thema erfordert tatsächlich gute Nerven! Ihre Artikel, die sich in den letzten Ausgaben damit beschäftigt haben, waren ja offensichtlich wie ein Stich ins Wespennest. Dass viele Leser das Thema umtreibt, kann man nur ahnen. Ich bin einer davon und bitte sie, uns in nächster Zeit mit noch mehr vertiefenden Artikeln über Kapitalerhalt und -rettung vor zu erwartenden staatlichen Eingriffen zu versorgen.

Gernot Pechstein

SI: Ja, jetzt bzw. bald geht es für die „Habenden“ ans Eingemachte. Das Thema Kapitalschutz und -erhalt beschäftigt uns bei Smart Investor übrigens schon seit vielen Jahren, da ein Fiatgeldsystem, wie es weltweit gegeben ist, fast zwangsläufig auf eine Situation hinausläuft, in der sich der Staat an dem Vermögen seiner Bürger vergreift. Sie finden unsere früheren Überlegungen dazu in den Novemberausgaben (seit 2017) bzw. in den Oktoberausgaben (bis 2016), jeweils unter dem Stichwort „Kapitalschutz“. Sie können diese über unser Onlinearchiv GENIOS einsehen. Einen Einführungsartikel zu diesem Archiv finden Sie in Ausgabe 3/2020 auf S. 62. Und natürlich werden wir das Thema auch weiterhin behandeln – spätestens in unserem nächsten Kapitalschutzreport in Ausgabe 11/2020.

? Value im passiven Fonds?
Ihre Behandlung des Themas „Wiederentdeckung von Value“ hat mir sehr gut gefallen. Sie stellen eine Reihe von Fonds vor, jedoch keinerlei passiven Fonds wie den iShares Edge MSCI World Value Factor (WKN: A12ATG). Hat dies einen bestimmten Grund? Mir wäre gerade beim Value-Ansatz passives Management sympathisch, da ich mich ungern auf die Nervenstärke von Fondsmanagern verlasse. Spricht aus Ihrer Sicht etwas Grundsätzliches dagegen, da Sie es nicht thematisieren?

Stanislav Mayr

SI: In der Fonds-Inside-Tabelle auf S. 32 ist der ETF Deka STOXX Europe Strong Value 20 (WKN: ETFL04) aufgeführt. Er hat wie auch der von Ihnen erwähnte Fonds wenig überzeugend performt. Tatsächlich sind passive Value-Ansätze in den letzten Jahren wenig erfolgreich gewesen. Einer der Gründe ist, dass diese Ansätze, die sich an Kennzahlen wie KGV und KBV orientieren, besonders unter der allgemeinen Value-Underperformance gelitten haben. Man stößt darin oft auf Unternehmen aus Sektoren, die mit disruptiven Veränderungen konfrontiert sind und deren Geschäftsmodell wenig zukunftsfähig ist. Sie sind zwar optisch günstig, erholen sich aber auch nicht mehr nennenswert. Modernere, erfolgreichere Value-Ansätze berücksichtigen stärker Faktoren wie die Qualität des Geschäftsmodells und des Firmenmanagements. In diesem Zusammenhang haben aktive Fondsmanager einen klaren Vorteil.

? Sind ADRs sicher?
In Ihrem Musterdepot (und in meinem realen Depot) befin-det sich das ADR von Gazprom. In den nächsten Tagen sollen wohl auf Initiative des US-Senators Ted Cruz neue Sanktionen gegen an Nord Stream 2 beteiligte Firmen verhängt werden. Wie hoch sehen Sie die Gefahr, dass die ADRs von Gazprom und deren Handelbarkeit davon selbst betroffen wären? Die ADRs werden ja von der Bank Mellon in New York verwaltet. Gibt es dafür Präzedenzfälle? Fielen ADRs schon einmal unter Sanktionen? Speziell aus dem postsowjetischen Raum? Würde man mit der Originalaktie, die ja seit letztem Jahr z.B. über manche Broker auch direkt an der Moskauer Börse gehandelt werden kann, sicherer fahren?

Ronald Siegemund

SI: Uns ist kein Fall bekannt, in dem ADRs enteignet bzw. mit Sanktionen belegt wurden. Sicherer sind aber ganz klar die Originalaktien, falls man in Moskau handeln kann. Bei den ADRs wird zudem etwas von der Dividende als Gebühr abgezogen; das kann man damit auch umgehen. Die Gefahr bei Gazprom dürfte aber eher von Russland ausgehen – immerhin hat das Land eine Historie von klaren Enteignungen (siehe Yukos). Aber die These hinter dem Investment ist aktuell ja genau das Gegenteil, also dass Russland unter Putin den Wert von Gazprom identifiziert hat und versucht, diesen langfristig durch Transparenz und hohe Dividenden zu heben.

? Hedgefonds in Wirecard?
Ich suche einen älteren SI-Artikel zu Wirecard: Nämlich hatten Sie vor einigen Jahren einen amerikanischen Fondsmanager interviewt, der sich darauf spezialisiert hatte, Unternehmen mit schwierigen Bilanzen und Perspektiven zu shorten, und darunter war auch Wirecard. Haben Sie einen Tipp zur betreffenden Smart-Investor-Ausgabe für mich?

Joachim Hunne

SI: Wir hatten in Ausgabe 6/2016 den US-Hedgefondsmanager Carson Block zu Wirecard befragt (S. 76/77). Allerdings wollte er damals keinen Kommentar dazu abgeben, was man bei einem Hedgefonds dahingehend interpretieren könnte, dass er gerade eine Shortposition in Wirecard aufbaute. Das war allerdings damals bei einem Kurs von 40 EUR. In den nachfolgenden zwei Jahren verfünffachte sich die Aktie auf fast 200 EUR; heute notiert sie bei unter 3 EUR. Wir überlassen es Ihnen, daraus Schlüsse zu ziehen.


? Voltaire und Einstein
Voltaire soll gesagt haben, dass es leichter sei, über das Geldverdienen an der Börse zu schreiben, als es tatsächlich zu tun. Wer sich die Mühe macht, die Musterdepots einiger Gazetten nachzuverfolgen, wird überrascht sein, wie aktuell dieser Spruch von Voltaire heute noch ist. Da versteigt sich doch tatsächlich ein teures Wochenmagazin dazu, seinen Lesern ein Optionsscheindepot zu kredenzen. Regelmäßig ist hier die Kohle nach einem halben bis Dreivierteljahr verzockt, was die Herausgeber allerdings nicht davon abhält, ein neues Optionsscheindepot aufzulegen. Es versteht sich von selbst, dass am Ende auch hier ein Totalverlust eintritt. Dieses Spielchen wiederholt man nun schon seit einiger Zeit – wohl in der Hoffnung, einmal einen dicken Gewinn zu machen. Ich muss bei der Lektüre dieses Optionsscheindepots an Einstein denken, der gesagt hat, Wahnsinn bestehe darin, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.
Der fromme Wunsch, von seinem Börsenmagazin nützliche Tipps und einen Mehrwert zu erhalten, wird auch vom Smart Investor nicht immer erfüllt. So hatte man sich den Anteilsschein von amaysim Australia ins Musterdepot gelegt und überschwänglich als solides Investment gelobt. Anstatt diesen Wert über Stopp-Loss abzusichern, wie in anderen Fällen auch, hat man hier seelenruhig zugeschaut, wie er über 80% verloren hat und die Aktie dann entnervt verkauft. Schlimm für die Leser, die diese Transaktionen real nachvollzogen haben.    

Franz Besenhard

SI: Die Thematik „Musterdepot“ hat es in sich – dass da vielfach Schindluder getrieben wird, ist eine Tatsache. Über andere Publikationen wollen wir uns aber hier nicht auslassen. Was den Smart Investor betrifft: Ja, wir machen Fehler! Ja, wir greifen hin und wieder daneben, manchmal sogar dramatisch. Die von Ihnen genannte amaysim Australia ist ein solches Beispiel. Wir können Ihnen versichern, dass wir erstens diese Aktie laufend
intensiv intern besprochen und alle Fürs und Widers abgewägt hatten. Gut möglich auch, dass wir an dem Management zu nahe dran gewesen waren und uns dadurch hatten beeinflussen lassen. In der Tat hätte man hier deutlich früher die Reißleine ziehen können. Nicht erwähnt haben Sie allerdings z.B. die ITURAN-Aktie, bei der wir bei 21 EUR die Reißleine gezogen hatten und die heute bei 13 EUR steht. Damit wollen wir sagen: Es geht bei uns nicht immer nach Schema F – es spielen beim Fällen der Verkaufsentscheidung verschiedene Faktoren eine Rolle. Das kann mal schlechter ausgehen, wie bei amaysim, aber auch mal besser, wie bei Ituran. Im Augenblick sind unsere Sorgenkinder Fiat-Chrysler und Bolloré. Auch diese Titel diskutieren wir regelmäßig. Allerdings ist hier jeweils der Depotanteil so gering, dass wir uns bisher zum Halten entschieden haben.

Bedenken Sie, dass wir im Musterdepot einigen Restriktionen unterliegen, die es für uns einigermaßen schwierig machen, allen Wünschen unserer Leser gerecht zu werden. Prinzipiell versuchen wir, hier ein ausgewogenes Depot zu gestalten, das gegenüber den Ausreißern des Markts vergleichsweise ruhig verläuft. Womöglich ist Ihnen das im Corona-Crash aufgefallen?!

Wenn Sie eher perfomanceorientiert sind und Wert darauf legen, dass konsequent mit Stopp-Losses gearbeitet wird, dann sollten Sie sich vielleicht unser wikifolio „Smart Investor – Momentum“ ansehen. Es ist nahezu restriktionsfrei, performt deutlich besser als der DAX und kann auch noch an der Börse über die ISIN DE000LS9CFN3 erworben werden.


? Elliott mit Volltreffer!
Zuletzt in Ausgabe 12/2018 erschien eine treffende Prognose des Elliott-Wellen-Analysten Dietrich Denkhaus. Er hatte den Tiefpunkt der Abwärtsbewegung beim DAX mit 8.000 Punkten für spätestens März 2020 prognostiziert, also fast eine Punktlandung über ein Jahr im Vorhinein! Respekt! Wäre es möglich, von Herrn Denkhaus eine neue Kurszielprognose in einer der nächsten Ausgaben zu bekommen? Das wäre sehr interessant!         

Dr. Alfons Volkwein

SI: Das haben Sie noch gut in Erinnerung. In der Tat sind wir mit Dietrich Denkhaus schon seit einiger Zeit wegen einer aktuellen Prognose im Gespräch. Wir nehmen Ihre Anfrage zum Anlass und planen nun schon für die kommende Ausgabe (9/2020) ein Interview mit ihm.

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