In der Hand der Kleinanleger

ARTIKEL TEILEN

Share on facebook
Facebook
Share on twitter
Twitter
Share on linkedin
LinkedIn
Share on email
Email

Sorgen Reformen für Rückenwind bei chinesischen Aktien?

Zehn Jahre Haft

Im Juni dieses Jahres wurde HUANG Gangyu vorzeitig aus der Haft in Peking entlassen – auf Bewährung. Zehn Jahre saß der Mann, der zu Chinas ersten Milliardären gehört(e), im Gefängnis. Im März 2010 war er zu insgesamt 14 Jahren wegen Bestechung, Bilanzfälschung, Insiderhandel und Kursmanipulation verurteilt wurden. Huang hatte den Elektronikeinzelhändler GOME Electrical Appliances aufgebaut und groß gemacht. Als die Nachricht von Huangs Entlassung bekannt wurde, stiegen die Aktien des Unternehmens um rund 20%, der ebenfalls börsennotierte Finanzarm des Konzerns sogar um über 50%. In den sozialen Netzwerken Chinas machte sofort ein Witz die Runde: Nicht nur Huangs Frau habe zehn Jahre auf die Rückkehr ihres Ehemanns gewartet, sondern auch der Shanghai Composite Index (SCI).

Flash-Bubble und mehr

Tatsächlich nämlich wies der Index Ende Juni 2020 mehr oder weniger genau den Wert aus (3.004 Punkte), den er auch bei Huangs Verhaftung im März 2010 hatte (3.074 Punkte). Es ist ein bemerkenswerter Umstand: Während sich das chinesische Bruttoinlandsprodukt in den vergangenen zehn Jahren von rund 6 Bio. USD auf fast 16 Bio. USD im Jahr 2020 mehr als verdoppelt hat, ist der chinesische Aktienmarkt kaum von der Stelle gekommen. Auch wenn es dazwischen spektakuläre Entwicklungen gab, wie beispielsweise die „Flash-Bubble“ in der ersten Jahreshälfte 2015 als sich die Kurse in Shanghai binnen weniger Monate mehr als verdoppelten und dann innerhalb kürzester Zeit wieder kollabierten.

 

ANZEIGE


 


 

 

Aktienmarkt als Spielcasino

Die Gründe hierfür sind vielfältig – am Wichtigsten ist vermutlich, dass in China der Aktienmarkt nicht als Möglichkeit gesehen wird, langfristig Vermögen aufzubauen bzw. zu erhalten. „Echte“ Investments werden nahezu ausschließlich in Immobilien getätigt oder direkt in ein eigenes zweites oder drittes Unternehmen. Am Aktienmarkt wird in erster Linie gezockt – man versteht es als Glücksspiel. In der Folge gibt es – anders als im Westen – so gut wie keine institutionellen Investoren. Weit mehr als 90% der Anleger in China sind Kleinanleger, die keinem System oder bestimmten Regeln folgen, sondern auf Empfehlung von Verwandten, Freunden oder Nachbarn kaufen. Entsprechend erratisch sind Kursbewegungen, die dann durch die Emotionen der Anlegermasse erst recht verstärkt werden.

Geschlossene Gesellschaft

Zudem machen es chinesische Unternehmen ihren Anlegern oft auch schwer. Die bilanzierten Zahlen sind oftmals eher Wunschdenken und Marketing als wirklich handfester Ausweis der unternehmerischen Entwicklung. Aktionärsschutzvereinigungen, die Bilanzen auf Herz und Nieren prüfen, gibt es kaum. An die Anleger wird zumeist als letztes, wenn überhaupt gedacht – entsprechend ist Transparenz im Sinne der Investoren eher unbekannt.

Auch gibt es kaum ausländische Investoren. Während die Anteile des DAX zu ca. 55% im Ausland liegen und es für deutsche Anleger völlig problemlos möglich ist, in New York, Tokyo oder London Unternehmensanteile zu kaufen, können chinesische Privatanleger nicht ins Ausland und chinesische Aktien können von Ausländern ebenfalls nur unter extrem erschwerten Bedingungen erworben werden – wenn überhaupt. Allerdings ändert sich dieser Punkt gerade.

Reformen als Kurstreiber?

Es gab seit 2019 viele Reformen des chinesischen Finanzmarkts. Die Qualified Foreign Institutional Investor Programme (QFII) wurden deutlich vereinfacht und viele Limitierungen aufgehoben, von besonderer Bedeutung sind dabei die Aufhebung der Obergrenzen für Einzelbeteiligungen und das Ende der Beschränkung der gesamten Investmentsummen. Des Weiteren wurden sogenannte Stock Connect Programme ins Leben gerufen, die es beispielsweise Investoren in Hong Kong, London und bald wohl auch Paris ermöglichen, direkt an den Börsen in Shanghai und Shenzhen zu investieren. Darüber hinaus wird es für chinesische Unternehmen zunehmend leichter an die Börse zu gehen. Das gilt insbesondere für Technologieaktien, für die im vergangenen Jahr eigens ein neues Marktsegment – der Shanghai Star Market – kreiert wurde. Darüber hinaus hat einer der führenden Indexanbieter, MSCI, beschlossen, den Anteil der chinesischen A-Aktien bei seinen Indizes wie dem MSCI Emerging Markets Index oder den All Country World Index sukzessive deutlich aufzustocken. Das bedeutet, jeder ETF und jeder Fonds, der sich an diesen Indizes orientiert oder sie gar 1:1 abbildet, muss entsprechende Investments in China tätigen. Es wird also sehr viel mehr ausländisches Kapital in den kommenden Jahren an die Börsen von Shanghai und Shenzhen fließen.

 „Rote Technologie“ erobert den SCI

Auch wird der Shanghai Composite Index (SCI) erstmals seit seiner Gründung im Jahr 1991 neu zusammengesetzt – mit einem deutlich größeren Gewicht auf Tech-Aktien. Zeitgleich wird es für Börsenneulinge schwieriger werden Teil des SCI zu werden, denn der IPO muss nun wenigstens ein Jahr zurückliegen. Zudem werden auch „ausländische“ Unternehmen Zugang zum SCI erhalten – insbesondere die „Red Chips“, also die Aktien jener Unternehmen, die aus Hongkong heraus geführt werden, aber eine chinesische Konzernmutter haben. Auf lange Sicht sollten gerade diese Reformen sowie das zufließende Auslandskapital dem SCI einen deutlichen Wachstumsimpuls.

 

 

 

Zu den Märkten

Tatsächlich kam nahezu zeitgleich mit Huangs Entlassung Bewegung in die chinesischen Aktienmärkte (vgl. Abb., grüne Markierung bei Durchbruch der steilen roten Abwärtstrendlinie). Im Sommer gab es einige spektakuläre Börsengänge in Shanghai wie beispielsweise das Zweitlisting von Semiconductor Manufacturing International Corporation (SMIC), bei dem der Chiphersteller mehr als 6,5 Mrd. USD erlöste. Am ersten Handelstag notierten die Aktien bei 95 CNY – und damit rund 350% über dem Ausgabepreis von 27.46 CNY.

Auch der SCI insgesamt hat kräftig zugelegt. Seit Juli ist der Index um rund 15% gestiegen. Noch bleibt freilich abzuwarten, ob dies mehr als eine Momentaufnahme ist. Werden die Kleinanleger dieses Mal länger bei der Stange bleiben oder werden in einigen Monaten die ersten Gewinnmitnahmen einsetzen, die dann zum Signal für alle Anleger werden, zu den Ausgängen zu rennen? China öffnet seine Finanzmärkte zunehmend einem internationalen Publikum. Aber dieses Publikum wird nur dann dauerhaft in China bleiben, wenn die Rendite stimmt. Zeitgleich ist China zunehmend auf dieses zusätzliche Kapital angewiesen, denn das chinesische Bankensystem alleine wird den Kapitalhunger der Volkswirtschaft nicht dauerhaft befriedigen können, zumal bereits jetzt die Verschuldungsquoten vieler chinesischer Unternehmen, insbesondere der Staatsbetriebe ungesunde Höhen erreicht haben.

Im Augenblick jedenfalls kratzt der SCI an seiner leicht fallenden Abwärtslinie aus dem Jahr 2015/2016, die sich zudem auf das Verlaufshoch aus dem Jahr 2018 stützt (vgl. Abb., flache rote Linie). Aus charttechnischer Sicht, die sich auch in China zunehmender Beliebtheit erfreut, wäre bei einem Durchbruch der Weg frei in Richtung 4.000 Punkte.

 

Musterdepot Aktien, Fonds und wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über eine Transaktion im Aktien-Musterdepot und die Entwicklung bei unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.

 

 

Smart Investor 8/2020

Growth Value – Über FAANG, CANSLIM und den Crack-up-Boom

Eurowahn: Club-Med-Alimentierung dank Druckerpresse

Infrastruktur: Lebensadern der Wirtschaft

Zukunftsszenarien: Hightech- & Megatrends auf den Zahn gefühlt

 

 

 

Fazit

Die größte Wachstumsstory der Welt ging – bisher zumindest – am chinesischen Aktienmarkt vorbei bzw. fand ihren Niederschlag nur in jenen Unternehmen, die an den US-Börsen oder der Hongkonger Börse gelistet sind. Mit der zunehmenden Öffnung seiner Finanzmärkte könnte China hier die Trendwende einleiten und so den enormen wirtschaftlichen Erfolg auch in Börsenkapital ummünzen. Allerdings ist dies nach wie vor ein weiter Weg und erfordert nicht nur die Fortsetzung des bisherigen Reformkurses. Vielmehr bedarf es auch eines grundlegenden Wandels der Mentalität sowohl bei den Anlegern als auch bei den Unternehmen, wenn die chinesischen Aktienmärkte dauerhaft erfolgreich und attraktiv werden sollen. Es bleibt spannend, ob und wie es zu diesem kommen wird.

Fabian Grummes

 

Hinweis auf mögliche Interessenkonflikte:
Ein mit “*“ gekennzeichnetes Wertpapier wird zum Zeitpunkt des Erscheinens dieser Publikation oder der Smart Investor Printausgabe von mindestens einem Mitarbeiter der Redaktion gehalten.


Abonnements:
Ein kostenloses zweimonatiges Kennenlern-Abo des Magazins Smart Investor kann unter
Smart Investor Abonnements angefordert werden.Das Magazin:
Das aktuelle Inhaltsverzeichnis des Smart Investor Magazins können Abonnenten unter Smart Investor Ausgabe 8/2020 einsehen.E-Mail-Versand: Sollten Sie den E-Mail-Versand abbestellen wollen, so benutzen Sie bitte den Abmelde-Link unter dem Newsletter bzw. schicken uns eine E-Mail mit dem Betreff “Abbestellen des SIW” an weekly@smartinvestor.de.Unsere Datenschutzerklärung finden sie hier. Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner.

Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

KEINE AUSGABE VERPASSEN!

 

Smart Investor verpasst?! Das kann mit dem Smart Investor Jahresabo nicht mehr passieren. Jeden Monat kommt der Smart Investor pünktlich zu Ihnen nach Hause: unabhängig, antizyklisch, meinungsstark – kurz: smart!

Gönnen Sie sich eine zweite, eine smarte Meinung, die aus dem Mainstream heraussticht: Zwölfmal im Jahr. Zu herausragenden Themen planen wir zudem auch künftig Sonderbeilagen bzw. Sonderhefte, die Sie im Rahmen Ihres Abonnements kostenlos erhalten.

Sie erhalten zum Gesamtpreis von derzeit 64,- Euro innerhalb Deutschlands bzw. 84,- Euro im Rest der Welt (Zustellung per Luftpost) die monatliche Ausgabe des Smart Investors (12 Ausgaben für 61,- Euro bzw. 81,- Euro inkl. Versandkosten) sowie den Online-Zugang zu allen je erschienen Ausgaben als PDF und als E-Paper (für 3,- Euro), auch über unsere App für Tablet oder Smartphone. Das Abonnement verlängert sich um jeweils ein Jahr, wenn es nicht bis sechs Wochen vor Ablauf gekündigt wird.

 

[gravityform id=”10″ name=”Abonnements – Pro”]

 

UNSERE EMPFEHLUNGEN