„Uns sind die Fallstricke des Value-Investments bewusst“

Ufuk Boydak

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Interview

Smart Investor im Gespräch mit Ufuk Boydak, LOYS AG, über schwierige Zeiten für wertorientierte Investoren, Herdenverhalten und die gemeinsame DNA seiner Fonds

Smart Investor: Herr Boydak – Investoren, die auf Werthaltigkeit achten, haben momentan einen schweren Stand. Growth-Werte, auch mit extremen Bewertungen, sind beliebt. Sind das Kaufen von Aktien mit Abschlag zu ihrem inneren Wert und eine langfristig ausgerichtete Perspektive passé?
Boydak: Es gibt Marktbeobachter, die sagen, dass seit der großen Finanzkrise 2008/09 wertorientiertes Investieren nicht mehr funktioniert. Wir glauben das nicht. Anleger investieren momentan in Large Caps mit starkem Wachstum und deutlichem Momentum. Für uns ist klar, dass wieder ein Marktumfeld kommt, das beispielsweise günstig gepreisten Nebenwerten deutlichen Rückenwind verleiht. Irgendwann ist einfach der Bogen überspannt und Anleger werden sich fragen, ob es nicht auch andere Opportunitäten gibt als Techwerte aus den USA. Nehmen Sie den Sektor Cyber-Security: Da überschlagen sich Firmen mit einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von 20 oder mehr. Auf der anderen Seite des Aktienspektrums gibt es Unternehmen mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von sieben, die niemand haben will. Wir sind überzeugt, dass sich diese Schere wieder schließt.

Smart Investor: Was bedeutet das Herdenverhalten für Sie als Investor?
Boydak: Wenn man sich auf die Grundprinzipien des Investierens zurückbesinnt, ist es doch so, dass durch tiefgründiges Research Sachverhalte entdeckt werden, die die Masse der Investoren nicht sieht. Wenn jeder alles sieht, sind die Renditen in der Regel abgefrühstückt. Aktuell ist es so, dass einige überbeliebte Aktien neben sehr guten Geschäftsmodellen den perfekten Rückenwind durch die Notenbanken haben, die Geld produzieren, als gäbe es kein Morgen. Die Marktkapitalisierung dieser Unternehmen wird höher, sie steigen in der Gewichtung der Indizes. Dadurch fließen auch ETF-Gelder verstärkt in diese Werte. Viele der großen Techaktien stehen zu Recht da, wo sie stehen – aber es gibt auch Titel, bei denen sich die Bewertung mit einem Fragezeichen versehen lässt. Nehmen Sie das E-Commerce-Software-Unternehmen Shopify: Bei einem Umsatz von 2,5 Mrd. USD ist es mit über 120 Mrd. USD bewertet. Es ist schwer, von signifikanter Unterbewertung zu sprechen, da der Markt eine rosige Zukunft heute schon einpreist. Die Formel „Wir kaufen alle den Nasdaq, verdienen 20% p.a. und werden reich“ kann nicht dauerhaft funktionieren.

Smart Investor: Zykliker brauchen eine positive wirtschaftliche Entwicklung. Experten sind sich uneins, wie die konjunkturelle Entwicklung nach der Corona-Krise verläuft. Was erwarten Sie?
Boydak: Ich gehe von einem graduellen konjunkturellen Anstieg aus, bei dem es immer wieder Rücksetzer geben wird. Nicht alles, was jetzt am Boden liegt, ist kaufenswert. Die Reiseindustrie, Restaurants oder die Luftfahrt werden für eine Erholung länger brauchen, als die meisten erwarten. Uns sind die Fallstricke des Value-Ansatzes durchaus bewusst. Es gibt aber interessante antizyklische Opportunitäten, beispielsweise im Healthcaresektor. In der Corona-Pandemie wurden nicht unbedingt notwendige medizinische Behandlungen verschoben. Hersteller von Zahnimplantaten wie Straumann, von Kontaktlinsen wie Alcon oder von Prothesen wie Smith & Nephew haben gelitten. Sind die Umsatzrückgänge für diese Firmen temporär oder strukturell bedingt? Für uns ist klar, dass die Eingriffe nicht ewig verschoben werden, sodass man von einer deutlichen Erholung ausgehen kann.

Smart Investor: Welche Einflüsse haben makroökonomische Faktoren auf die Aktienauswahl?
Boydak: Wir kommen grundsätzlich von der Mikroebene, inkludieren aber auch die Makroebene. Wenn ein Unternehmen attraktiv ist und einen bestimmten Markt adressiert, schauen wir uns natürlich auch die Situation an. Interessant sind Entwicklungen, in denen der Markt wegbricht und es dem Unternehmen gelingt, die Kosten deutlich zu senken. Wenn der Markt dann zurückkommt, gibt es ein sehr starkes Aufwärtspotenzial bei diesen Unternehmen.

Smart Investor: Sie managen mit dem Loys Aktien Global (WKN: A1J9LN) und dem Loys Aktien Europa (WKN: HAF X68) zwei Aktienfonds mit unterschiedlicher regionaler Ausrichtung und mit dem Loys Global L/S (WKN: A1JRB8) einen Long-/Short-Aktienfonds. Wie würden Sie die gemeinsame DNA beschreiben?
Boydak: Zur gemeinsamen DNA der Aktienfonds gehört sicher die Beachtung der Bewertung; zudem wollen wir das Wachstum in den kommenden Jahren einschätzen können. Ein solches Unternehmen ist beispielsweise der Immobilienentwickler Nexity aus Frankreich mit einem 13er-KGV und einer Dividendenrendite von 7% für das kommende Jahr. Das Geschäftsmodell ist durch neue Technologien nicht disruptiv bedroht. In Frankreich gibt es die Besonderheit, dass Immobilieneinheiten zuerst verkauft und dann gebaut werden, sodass die Entwickler nicht ins Risiko gehen müssen. Man muss allerdings mit einer zyklischen Entwicklung rechnen; es gibt Phasen mit starkem und einem eher niedrigen Wachstum. Beim Loys Global L/S machen wir kein Timing und keine Einzelwetten. Ich investiere wie in den Long-only-Aktienfonds in Unternehmen, die unserer Investmentphilosophie entsprechen. Dieses Portfolio sichern wir über den Markt ab. Die ersten Jahre nach der Auflegung im November 2011 bis zum Herbst 2018 hat das gut funktioniert. Die aktuell durchwachsene Performance ist der Tatsache geschuldet, dass das Portfolio aufgrund der Krise werthaltigen Investierens momentan kein Alpha gegenüber dem breiten Markt erzielt. Aber solche Phasen vergehen, da Aktienmarktentwicklungen nie linear extrapoliert werden können.

Smart Investor: Herr Boydak, vielen Dank für die interessanten Ausführungen.

Zur Person
Ufuk Boydak, 34, ist Teilhaber und Vorstandsvorsitzender der LOYS AG. Er wurde für seine Fondsmanagementleistungen in den Fonds LOYS Aktien Europa und LOYS Global L/S schon mehrfach mit einem AAA-Rating ausgezeichnet. Boydak rangiert im Fünfjahresvergleich im vordersten Drittel innerhalb der Vergleichsgruppe von 246 europäischen Aktienfondsmanagern. Zudem managt er den Fonds LOYS Aktien Global. Die inhabergeführte LOYS AG ist eine Spezialistin für wertorientiertes aktives Aktienfondsmanagement mit einem Anlagevolumen von rund 1 Mrd. EUR. Die LOYS AG weist eine langjährige überzeugende Leistungsbilanz auf dem Gebiet internationaler Aktienfonds aus und ist mit hohen Eigeninvestments in den LOYS-Fonds investiert.

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