„Wir wissen zu wenig, um wichtige Marktsignale zu ignorieren“

Daniel Haase

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Interview

Smart Investor im Gespräch mit Daniel Haase, Vorstand beim Hamburger Vermögensverwalter HAC, über den Investmentansatz des Marathon Stiftungsfonds

Smart Investor: Ihre Aktienauswahl erfolgt regelbasiert nach dem Marathonprinzip. Was können sich Anleger darunter vorstellen?

Haase: Unsere Mandanten sind üblicherweise konservative Langfristanleger – genau deshalb suchen wir nach Aktien, die langfristig solide Erträge mit unterdurchschnittlichen Risiken vereinen. Hier-zu haben wir bei HAC in umfangreichen Untersuchungen diverse fundamentale und technische Kriterien unter die Lupe genommen. Wir haben ihre Treffsicherheit sowohl in Bezug auf zukünftige Erträge und Risiken als auch auf ihre Robustheit über verschiedene Börsenphasen hinweg eingehend untersucht und letztlich die aus unserer Sicht aussagekräf-tigsten Faktoren miteinander kombiniert. Interessanterweise lieferten die meisten Untersuchungen sehr präzise Antworten, wenn wir danach fragten, welche Aktien gemieden werden sollten. Zielte die Frage hingegen auf Kaufkandidaten, ließ die Präzision oft nach. Deshalb beschreiten unsere Marathonkriterien die sogenannte Via negativa: Wir setzen auf 200 bis 300 internationale Qualitäts­aktien und machen dabei um potenziell schlechte Entscheidungen einen großen Bogen.

Smart Investor: Welche Aktien sollten Anleger denn nun meiden?

Haase: Sie sollten z.B. Verliereraktien meiden. Wer mit Kursschnäppchen an der Börse langfristig zu einem kleinen Vermögen kommen will, muss in aller Regel mit einem großen Vermögen starten. Das Gleiche gilt für hochvolatile Aktien und extreme fundamentale Bewertung, zu billig ebenso wie zu teuer. Wenn Sie unange­nehme Überraschungen hassen, dann ver­meiden Sie besser alles Extreme.

Smart Investor: Zur Minderung zwi­schenzeitlicher Drawdowns nutzen Sie Ihr hauseigenes „Pfadfinder-System“. Wie funktioniert das genau und wie sichern Sie ab?

Haase: Seit 2007 analysieren wir mit unserem Pfadfinder-System börsentäglich die kurz- und mittelfristigen Trends von weltweit mehreren Tausend Aktien und aggregieren diese in 65 Sektoren. Diese Marktstrukturdaten vermitteln uns ein recht gutes Bild über die aktuellen Zukunftserwartungen der Investoren. Die Strukturdaten schwächen sich üblicher­weise lange vor größeren Kursrücksetzern ab, beispielsweise bereits drei Monate vor dem 2011er-Crash und sogar ein Jahr vor der Lehman-Pleite. Wenn unser System vor erhöhten Risiken warnt, sichern wir unser Aktienportfolio über Futures und Optionen ab.

Smart Investor: Der Corona-Crash im Frühjahr war für viele Risikomanager ein harter Test. Wie haben Sie die Absicherung und den Wiederausstieg gemeistert?

Haase: Das Tempo sowohl in der Abwärts­bewegung als auch in der Erholung war in der Tat atemberaubend und für viele Risikosysteme schwer zu handhaben. Um mal einen Vergleich zu bringen: Im 1987er- Crash dauerte es vom Jahreshoch bis zum ersten markanten Tief drei Monate. In diesem Jahr lief alles in dreifacher Geschwindigkeit ab. Die Erholung bis zu den alten Hochs dauerte damals 24 Monate, aktuell nur sechs. Angesichts dieser Vor­gaben sind wir recht gut durch die Krise gekommen. Unsere Pfadfinder-Ampel schaltete sieben Handelstage nach dem Hoch im S&P 500 auf Rot. Entsprechend sicherten wir unser Aktienportfolio am 28.2. über DAX-Future zu Kursen von rund 11.800 Punkten weitgehend ab. Am 24.3. wechselte die Pfadfinder-Ampel auf Grün, weshalb wir die Absicherungen bei ca. 9.200 Punkten im DAX wieder auf­lösten. Am selben Abend hatten wir für Leser unseres Pfadfinder-Briefs ein Webi­nar organisiert und sie über unseren Wie­dereinstieg informiert. Aus heutiger Sicht war das nahezu perfekt. Der S&P 500 hatte am 23.3. sein Jahrestief – doch wenn Sie sich den Webinarmitschnitt ansehen, können Sie an meinen Ausführungen schon erkennen, dass mir durchaus etwas mul­mig zumute war.

Smart Investor: Welchen Einfluss haben makroökonomische Aspekte auf Ihre Anlageentscheidungen?

Haase: Der Vorteil unserer Vorgehensweise besteht darin, frühzeitig zu wissen, was zu tun ist; der Nachteil hingegen besteht darin, dass wir hin und wieder über das „Warum“ nur spekulieren können. Des­halb beobachten wir ökonomische und politische Entwicklungen sehr genau, doch letztlich werden unsere Anlageentschei­dungen nur von dem in den Kursen ables­baren Verhalten der Anleger bestimmt. Wenn unsere Marktstrukturdaten zeigen, dass Investoren weltweit vorsichtiger wer­den, dann passen wir uns an. Das Gleiche gilt auch für die Titelauswahl: Wenn sich z.B. die Volatilität einer unserer Aktien im Vergleich zum Markt signifikant er­höht, bewerten wir das als Misstrauensvotum und trennen uns von diesem Titel. Aus diesem Grund haben wir z.B. Wire­card-Aktien im Dezember 2018 bei 133 EUR verkauft. Heute kennen wir den genauen fundamentalen Grund – damals fiel uns nur das in der relativen Volatilität ables­bare, wachsende Misstrauen auf. Letztlich wissen wir viel zu wenig, um die wichtigen Marktsignale einfach zu ignorieren.

Smart Investor: Die Aktienmärkte ha­ben in den letzten Monaten eine rasche konjunkturelle Erholung nach der Corona-Krise antizipiert. Von welcher Entwicklung gehen Sie aus?

Haase: In der Vergangenheit war das Wachstum der US-Geldmenge M1 ein recht guter Indikator für zukünftige Gewinne oder Verluste am US-Aktien­markt. Derzeit wächst M1 mit einem in Friedenszeiten noch nie gesehenen Tempo. Gleichzeitig setzt sich der von Schumpeter beschriebene Prozess der „schöpferischen Zerstörung“ fort, von dem vor allem Aktien großer Technologiekonzerne profitieren. Beides dürfte sowohl an den Finanzmärk­ten als auch in der Realwirtschaft signifi­kante Konsequenzen zeitigen. Ausgehend vom Märztief zählen die Indizes für Tech­nologie- (+59%) sowie jene für Grund- und Rohstoffaktien (+69%) zu den stärksten Sektoren im S&P Global 1200 (+46%). Unsere mittelfristigen Marktstrukturdaten verbessern sich seit dem Märztief kontinuierlich. Solange sich diese Trends fortsetzen, rechne ich mit einer kräftigen konjunkturellen Erholung und steigenden Inflationsraten.

Smart Investor: Herr Haase, vielen Dank für die interessanten Informationen.

Zur Person
Für Smart Investor berichtete Daniel Haase (geb. 1976, Mecklenburg) über ein Jahr­zehnt als freier Redakteur, u.a. aus Zürich über die Internationalen Kapitalanlegertagungen. Die Vereinigung Technischer Analysten Deutschlands zeichnete sowohl die von ihm entwickelten Methoden zur Trendanalyse (2009) als auch jene zur Aktienauswahl (2019) mit VTAD Awards aus. Seit 2015 ist der gelernte Bankkaufmann beim Hamburger Vermögensverwalter HAC als Vorstand für das Assetmanagement zuständig. Nachdem der von ihm verant­wortete Marathon Stiftungsfonds (WKN: A143AM) auch den CoronaCrash erfolg­reich gemeistert hatte, verliehen die Ratingagenturen FWW und Morningstar dem Fonds im Sommer 2020 die bestmögliche Bewertung von fünf Sternen. Haases regel­mäßiger Marktkommentar (Pfadfinder-Brief) kann unter info@hac.de kostenfrei angefordert werden.

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