„Wir haben die größten Divergenzen zwischen Gewinnern und Verlierern erlebt“

ARTIKEL TEILEN

Share on facebook
Facebook
Share on twitter
Twitter
Share on linkedin
LinkedIn
Share on email
Email

Interview

Smart Investor im Gespräch mit Mike Judith von der DNB über chancenreiche Anlagen im neuen Jahr und die Widerstandsfähigkeit nordischer Aktien

Smart Investor: Herr Judith, zum Jahresende 2019 hatte noch niemand die Corona-Krise auf dem Radar. Wie lange wird uns diese Thematik an den Finanzmärkten noch verfolgen und was können Anleger am jetzigen Jahresende von 2021 erwarten?
Judith: Als Anleger blicken wir auf ein Jahr zurück, das uns den stärksten Einbruch des globalen Aktienmarkts in der modernen Geschichte und zugleich eine der schnellsten Erholungen gebracht hat. Wir haben die größten Divergenzen zwischen Gewinnern und Verlierern erlebt, die es jemals gab. Dies ist darauf ­zurückzuführen, dass ein Teil der Wirtschaft praktisch zum Erliegen gekommen ist, während andere Bereiche floriert haben. Ich denke, dass das derzeitige wirtschaftliche Umfeld sowie das Bereitstellen von Impfstoffen für die Erwartungen für 2021 entscheidend sind. Analysten prognostizieren, dass das globale BIP in diesem Jahr um ca. 4% schrumpfen wird. Für 2021 reichen die Schätzungen von +4% bis +6%. Mit der Wiedereröffnung der Wirtschaft wird die Arbeitslosigkeit weiter sinken, während sich das Verbrauchervertrauen erholen ­sollte. Der Gewinn pro Aktie im MSCI-World-Index ist in diesem Jahr um ca. 20% zurückgegangen. Wir glauben, dass ein erneuter Anstieg von 30% bis 50% in einem Wiedereröffnungsszenario realistisch ist – für viele Unternehmen, die in diesem Jahr stark betroffen waren, sogar deutlich mehr.

Smart Investor: Aus Brüssel wird u.a. mit dem „Green Deal“ der Schwerpunkt Nachhaltigkeit politisch vorangetrieben. Wie hat sich das Thema in den vergan­genen Jahrzehnten verändert?
Judith: Nachhaltigkeit ist zu einem Dauer­thema in der Finanzbranche geworden. Zwar befinden sich weltweit Milliarden Euro in nachhaltig gekennzeichneten Fonds und der Green Deal wirkt hier noch mal als Treiber für eine Verschiebung hin zu nachhaltigen Anlagen. Ihre Wirkung ist teilweise jedoch noch sehr gering, da die Standards in der Branche extrem unter­schiedlich sind, was genau unter Nach­haltigkeit zu verstehen ist. Hier werden sicher­lich die Verordnung der Taxonomie und ein transparenteres Reporting helfen. DNB ist in diesem Bereich schon einen Schritt weiter, da wir uns seit gut 30 Jahren intensiv mit dem Thema beschäftigen und Prinzipien für sozialverantwortliches Investieren für alle Fonds anwenden. Wir haben allein vergangenes Jahr rund 209 Dialoge mit Unternehmen zu ESG-­Themen geführt, 216 Stimmabgaben auf Hauptversammlungen umgesetzt sowie mehrere Hundert Anfragen und Aufforde­rungen versendet. Zudem verfolgen wir aktuell neun ESG-Schwerpunktthemen: Klimawandel, Wassermanagement, Menschenrechte, Gleichstellung/Vielfalt, ­Rodung und Landnutzung, Ozeane, ­Biodiversität (Artenvielfalt), Lieferketten in Schwellenländern, Produktsicherheit und Qualität.

Smart Investor: Als Boutique fokussiert sich DNB auf ­­bestimmte Anlageklassen und Themen. Welche sind aus ­Ihrer Sicht für Anleger im kommenden Jahr aussichtsreich und warum?
Judith: Wir haben eine klare Fokussierung auf ausgewählte Anlage­klassen und -themen mit spezialisierten Investmentstrategien, die wir 2021 mit neuen Fonds weiter ausbauen wollen. Es gibt zwei Themen: Zum einen rücken vermehrt nordische ­Assetklassen wie Nordic Equities und Nordic Fixed Income in den Fokus der Anleger. Zum anderen lancieren wir einen neuen Fonds mit „Disruptive Opportunities“. Hier stehen die Geschäftsmodelle 2030 im Zentrum, welche einige der heute etablierten ablösen werden. Das Besondere hier ist, dass es ein übergreifendes Research unter Einbeziehung von sechs bestehenden erfolgreichen DNB-Fonds gibt, die thematisch zu den Investment­kategorien passen: DNB Fund Technology, Renewable Energy, Finance, Healthcare, Global/Nordic und Emerging Markets. Der einjährige Track Record liegt mit gut 36% über der Benchmark, dem MSCI World Index Net.

Smart Investor: DNB ist im skandinavischen Raum verwurzelt. Wie ist die wirtschaftliche Verfassung der Region im Vergleich zu anderen europäischen Ländern und was macht sie für Investoren interessant?
Judith: Die Nordics zählen seit vielen Jahren zu den Ländern mit den weltweit stabilsten volkswirtschaftlichen und sozialen Rahmen­bedingungen. Einige der wesentlichen Stärken der nordischen Region, wie die starken öffentlichen Finanzen, gut entwickelte Sozialversicherungs- und Gesundheitssysteme sowie ein hohes Maß an Vertrauen in der Bevölkerung, haben dazu beigetragen, die Auswirkungen der Pandemie abzuschwächen. Die BIP-Schätzungen für die nordischen Länder sind für 2020 und 2021 tenden­ziell etwas weniger pessimistisch als für viele andere Regionen, mit Ausnahme Chinas und Teilen Asiens.

Smart Investor: Der MSCI Nordic hat sich in der Corona-Krise stabiler als vergleichbare regionale Indizes erwiesen. Wo liegen die Gründe?
Judith: Ja, das ist richtig. Das nordische Aktienmarktbarometer MSCI Nordic konnte seine internationalen Pendants outper­formen – dies ist allerdings nicht neu und gilt auch auf längere Sicht. Die Resilienz der nordischen Märkte basiert nicht zuletzt auf der besonderen Zusammenstellung des Investmentuni­versums und der ausgeprägten Branchendiversifizierung. Ebenfalls der langfristigen Outperformance zuträglich sind die starke Ausrichtung der Firmen an ESG-Kriterien und ihr Beitrag zur Reduzierung von CO2-Emissionen. Investoren haben verstanden, dass die ESG-Faktoren als zusätzlicher Risikoparameter betrach­tet werden können und das Chance-Risiko-Verhältnis ­einer Anlage verbessern.

Smart Investor: Vielen Dank für Ihre Ausführungen.

Zur Person
Mike Judith arbeitet im Assetmanagement der DNB, der größten Bank Norwegens, und leitet den internationalen Vertrieb. ­Bevor er 2010 zu DNB Asset Management kam, betreute er institutionelle Investoren bei der amerikanischen Privatbank Brown Brothers Harriman. Seit 2007 doziert er für die Frankfurt School of Finance & ­Management.

UNSERE EMPFEHLUNGEN