Lieferketten unter massivem Stress

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Politik & Gesellschaft

Stahl, Baustoffe, Chips und Kunststoffe sind äußerst knapp, die Preise steigen rasant. Beobachter rechnen mit keiner schnellen Erholung.

So etwas habe man in vier Generationen Firmengeschichte noch nie erlebt, ­berichtet Lisa Reinert (Name geändert). Sie ist mit dem Inhaber eines mittelständischen Metallbaubetriebs verheiratet. „Baustoffe wie Holz, Stahl oder das Dämmmaterial Styro­dur sind extrem knapp geworden. Wir ­hören, dass erste Betriebe wegen Material­knappheit in Kurzarbeit gehen“, erzählt Reinert. Die Preise würden rasant steigen, bei Stahl um 50% bis 70% seit Januar. Bleche seien besonders knapp, berichtet die Finanzchefin des Unternehmens, das vor allem Häuserbauteile fertigt – etwa Treppen oder Vordächer.

So schlimm wie seit 30 Jahren nicht
Zahlen des Münchner ifo-Instituts ­belegen, wie dramatisch die Lieferengpässe sind: In einer Umfrage von Ende April ­berichteten 45% der Unternehmen, dass ­Vorprodukte fehlen. Das sei deutlich mehr als die 18,1% vom Januar und der „mit Abstand“ ­höchste Wert seit 30 Jahren, teilte das Forschungsinstitut mit. Besonders betroffen waren die Hersteller von Gummi- und Kunststoff­waren mit 71,2%, die Autohersteller und Zulieferer mit 64,7% sowie die ­Produzenten von elektrischen Ausrüstungen mit 63,3%. Kaum tangiert waren hingegen die Herstel­ler von Nahrungs- und Futtermitteln mit 12,8%, die Pharmafirmen mit 9,1% und die Getränkehersteller mit 1,6%. „In der Deutlichkeit hat mich dieses Ergebnis schon überrascht“, sagte denn auch Dr. Klaus Wohlrabe vom ifo-Institut.

„Land unter“ bei Kunststoffherstellern
Dabei warnen Verbände bereits seit Monaten – etwa die „IK Industrievereinigung Kunststoffverpackungen“. Der Verein veröffentlichte im März eine Umfrage unter 75 Kunststoffherstellern, laut der 80% nur ein­geschränkt produzieren und liefern ­können – wegen knapper Rohstoffe. Das bestätigt Mitte Mai auch ein Vertriebsleiter eines mit­telständischen Herstellers. Zwar stehe kein Shutdown der Branche an, aber die Nachfrage nach Basiskunststoffen wie Poly­ethylen steige rasant und könne oft nicht bedient werden. Gleichzeitig explodierten die Beschaf­fungspreise für Vorprodukte. „Tendenz: steigend, Trendwende nicht in Sicht“, schreibt er.

Produktionsstopps
Autobauer trifft es noch härter – viele ­müssen die Produktion zeitweise einstellen, etwa BMW, VW und Daimler. Ford kündigte an, das Kölner Werk gleich für zwei ­Monate stillzulegen. 5.000 der 15.000 Produktions­mitarbeiter gehen in Kurzarbeit. Das Problem: Es fehlen Computerchips. Reinert musste zwar noch keine Baustelle ­stilllegen. „Aber das könnte die nächsten Monate passieren, wie wir auch von Maurern und Zimmermännern hören“, sagt sie.

Warum sind Rohstoffe knapp?
Ein Sprecher eines großen ­Stahlproduzenten verweist auf den Lockdown als Erklärung für den Stahlmangel. Zu Beginn der ­Krise seien mehrere Industrien über Nacht in den Stillstand gegangen, etwa große Teile der europäischen Autoindustrie. Man habe die Produktion „so weit wie möglich“ ­gedrosselt und sich auf einen Hochlauf vorbereitet. „Dieser Hochlauf kam schneller und nachhaltiger, als vorauszusehen war“, berich­tet er. Dabei sei die Auftragsstruktur eine ande­re als zu normalen Zeiten gewesen. Das verursache bei integrierten Produk­tions­netzwerken wie Stahl „eine außer­ordentlich hohe Komplexität“ und führe zu Verzögerungen in der Lieferkette.

Technische Hürden
Doch nicht nur das plötzliche Hoch- und Herunterfahren schafft Probleme: Reakto­ren der petrochemischen Industrie ­brauchen „schlimmstenfalls Wochen“, um die Produktion nach einem Stopp wieder aufzunehmen, sagt der Vertriebsleiter aus der Kunststoffbranche. Die Anlagen machen aus Rohölbestandteilen Vorprodukte für die Hersteller. Bei Chips brauche es sogar neun Monate von der Bestellung bis zur Lieferung, erklärt Branchenexperte ­Guido Überreiter. Produktionskapazitäten ließen sich nicht rasch ausweiten. Es dauere ein Jahr, bis eine neue Anlage hergestellt sei. Zudem gäbe es weltweit nur eine ­Handvoll Chiphersteller. Deren Produktion müsse zu mindestens 90% ausgelastet sein, um wirtschaftlich betrieben werden zu ­können. Was viele Industrien also gar nicht gebrauchen können, sind ­extreme Nachfrageschwankungen aufgrund einer kaum berechenbaren Politik.

Bild: © Kzenon – stock.adobe.com

Dominoeffekte
Fehlen erst einmal Vorprodukte wie Chips, Stahl oder Kunststoffe, kann es zu regel­rech­ten Dominoeffekten kommen. Ziegelwerke etwa benötigen Plastikfolien, um eine Palette transportfertig zu machen. Fehle die Folie, könne man die Ziegel nicht lagern oder transportieren – und das Werk ­müsse seine Produktion einstellen, erklärt der Vertriebsleiter eines Folien­herstellers. Ähnliches gelte für Getränke­hersteller oder Logis­tikunternehmen: Fehlt ein Vorprodukt, steht die ganze Produktion still.

„Das Geheimnis ist Arbeitsteilung“
Prof. Dr. Thorsten Polleit mag das Wort Lieferketten nicht so sehr. Ein besserer ­Begriff dafür sei „internationale Arbeitsteilung“, sagt der Ökonom der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Diese sei das Geheimnis unseres ­Wohlstands. Ein Lockdown sei nichts anderes als ein besonders krasser Eingriff in die Arbeitsteilung – etwa in Freizügigkeit und Kapital­freiheit. „Die Politiker hängen der falschen Vorstellung an, die Volkswirtschaft ließe sich wie eine Glühlampe ein- und ausschalten“, sagt Polleit. Sorgen bereiten ihm vor allem die Zentralbanken: Diese ­hätten die Geldmenge massiv ausgeweitet. In­vestoren erwarteten zunehmend, dass die Noten­banken die Staaten von den Schulden befreiten und die Preise steigen ­würden. Das führe zu einer Flucht in die ­Sachwerte, u.a. auch in Rohstoffe, deren Preise wiede­rum steigen würden.

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Konsum sinkt, Geldnachfrage steigt
Der ebenfalls der Österreichische Schule zuzurechnende Jesús Huerta de Soto sieht ebenfalls in der ultralaxen Geldpolitik ­eine größere Gefahr als im Lockdown. Laut ihm steigt in der Corona-Krise die Geldnachfrage aufgrund der zunehmenden Unsicher­heit. Gleichzeitig sinke der Konsum. Die Produktionsstruktur werde verhältnismäßig investitionslastiger. Das ­stehe einer raschen Erholung entgegen – Engpässe, etwa bei Konsumgütern oder Rohstoffen, ließen sich leichter überwinden. Aber: „Der geld-, fiskal- und steuerpoli­tische Interventionismus der Regierungen vermag ohne Zweifel (…) ein zusätzliches Klima der unternehmerischen ­Unsicherheit zu erzeugen, welches die schnelle ­Erholung des Marktes behindern (…) kann“, warnt der Professor aus Spanien.

Unsicherheit beenden
Ein Unternehmensberater sieht das ­ähnlich. „Das Problem ist die Unsicherheit. Die Poli­tik hat es versäumt, der Industrie eine Öffnungsperspektive zu geben“, sagt der Mann, der vor allem produzierende Unter­nehmen wie Auto- oder Maschinenbauer berät. Sobald der Lockdown vorbei sei, würden sich die Lieferketten rasch ­erholen, vermutet er. Eine Erholung wäre eine ­Frage von Monaten, nicht Jahren.

Fazit
In der Tat: Der Markt behebt ­Knappheiten schnellstmöglich. Preisanstiege sind ein Signal an Unternehmen, Arbeit und Kapi­tal dorthin umzulenken, wo sie am ­meisten gebraucht werden. Was Unternehmen aber benötigen, ist Planbarkeit und Gewerbefreiheit. Die Politik ist aktuell ein Stör­faktor, der eine Erholung behindert. Das ­dürften viele Politiker auch wissen und manchen dürfte das ganz recht sein – Stichwort Great Reset. Lisa Reinert hofft nichtsdestoweniger, dass die Bundesregierung bald öffnen lässt. Der Betrieb habe die derzeitigen Aufträge abgeschlossen, als die Preise um mehr als die Hälfte geringer ­waren, und sei darum unter Kostendruck. „Falls wir wegen Materialmangel Kurz­arbeit anmelden müssten, würden wir vielleicht ein halbes Jahr durchhalten.“

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