Idealismus, Macht und ESG

Vinzent Sperling

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Kolumne

Gastbeitrag von Vinzent Sperling, Société de Gestion Prévoir

Unternehmerische Sekundärziele
Einem privaten Unternehmer steht es frei, im Rahmen der geltenden Gesetze Ziele zu verfolgen, die über die reine Gewinnmaximierung hinausgehen. Dem Gemeinwohl ist dies oft zuträglich. Für eine Aktiengesellschaft sollte eigentlich Gleiches gelten. Die Rolle des freien Unternehmers nehmen hier die Aktionäre ein – womit wir auch bereits bei unserem Problem sind: Denn wenn wir davon ausgehen können, dass bzgl. des primären Ziels einer Aktienanlage, nämlich der Gewinnerzielung durch Dividenden und steigende Kurse, unter den Aktionären große Einigkeit herrscht, so können die sekundären Ziele vielfältig oder gar gegensätzlich sein. Das ist nicht schlimm, schließlich kann abgestimmt werden: auf der Hauptversammlung und natürlich durch eine Kauf- oder Verkaufsorder. Problem gelöst? Nicht so schnell.

Spezialfall Sondervermögen
Der überwiegende Teil der umlaufenden Aktien eines Unternehmens wird heute treuhänderisch durch Sondervermögen, also Aktienfonds, gehalten. Deren Verwalter kennen jedoch die sekundären Ziele ihrer Anleger nicht. Der Markt hat hierfür eine Lösung gefunden: Fondsgesellschaften bzw. einzelne Fonds, die sich bestimmten sekundären Zielen verschreiben – oder eben nicht. So können sich die Anleger, die nicht direkt investieren und persönlich abstimmen, hinter dem zu ihnen passenden Vehikel versammeln. Leider hört die Geschichte aber hier nicht auf. Zahlreiche Anleger äußern sich nicht zum Thema – was ihr gutes Recht ist – oder haben gar nicht die Wahl, weil Dritte für sie entscheiden, z.B. im Rahmen von Altersvorsorgeprogrammen oder passiven Produkten.

ESG-Totalitarismus
Dennoch maßen sich immer mehr Fondsverwalter an, lautstark im Namen ihrer Kunden, die sie dazu nicht ermächtigt haben, von den Vorständen der Aktiengesell­schaften die Unterwerfung unter sogenannte Environmental-Social-and-Governance-(ESG-)Prinzipien oder die sogenannten Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen zu verlangen. Neben politischem Marketing findet hier ­massive, nicht-legitimierte Machtausübung statt. Vor­geblicher Idealismus ersetzt die Diskussion über Prinzipien und Ziele, zu denen man in einer freien Gesellschaft unterschiedlicher Ansicht sein dürfen müsste. Und wer glaubt, dass Idealismus, der sogar hier und dort ehrlich sein mag, als Legitimation ausreicht, ist naiv und hat im Geschichtsunterricht geschlafen. Das Problem wird umso größer, als immer weniger ­Finanzmarktteilnehmer sich dem Geschehen entziehen können. Wer institutionelle Gelder einsammeln möchte, kommt um ESG nicht mehr herum. Die letztlich vom nicht-gefragten Anleger finanzierte Ratingindustrie mit ihren oft widersprüchlichen Ratings macht das natürlich glücklich. Bislang erlaubt der ESG-Rahmen noch eine gewisse Wahlfreiheit, für deren Ausübung man aber die nötigen Ressourcen haben muss. Im Ergeb­nis ist damit zu rechnen, dass der ­Großteil der börsennotierten Wirtschaft sich politischen Zielen unterwerfen wird, die wesentlich von nicht-legitimierten Lobbygruppen bestimmt werden. Der Begriff des Totalitarismus kommt einem in den Sinn. Dessen Ergebnis ist immer suboptimal – für die Unternehmen und für das Gemeinwohl. Am besten fährt der Anleger dann immer noch als Trittbrettfahrer bei einem börsen­notierten Familienunternehmen, dessen Management das Unternehmen intakt an die nächste Generation weitergeben möchte.

Nach einer Banklehre bei der Dresdner Bank studierte der Magdeburger und Roland-­Baader-Fan in Bonn Volkswirtschaftslehre, bevor er im Jahre 2000 bei der damaligen allfonds BKG in München als Buy-Side-Analyst anheuerte. Seit 2005 in Paris, war er zunächst Fondsmanager bei Tocqueville Finance und kümmerte sich dann dort um den internationalen Vertrieb (insbesondere für den Goldminenaktienfonds Tocqueville Gold). Nach einer knapp dreijährigen Periode als Leiter der Analyse bei Erasmus Gestion holte ihn Armin Zinser Anfang 2019 als Co-Portfoliomanager zur Société de ­Gestion Prévoir.

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