„Die Kapitalmärkte erleben ­gerade einen Gezeitenwechsel“

Daniel Haase

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Interview

Smart Investor im Gespräch mit Daniel Haase, Vorstand beim Hamburger Vermögensverwalter HAC, über die kurz- und mittelfristigen Aussichten an den Aktienmärkten

Smart Investor: Vor einem Jahr haben Sie eine kräftige konjunkturelle Erholung und steigende Inflationsraten prognostiziert – das war ein Volltreffer. Wie geht es nun weiter?
Haase: Niemand kann die Zukunft eines komplexen Systems seriös prognostizieren. Damals habe ich einfach auf die im Markt laufenden Trends für starkes Wachstum und zunehmenden Inflationsdruck hingewiesen. Wenn wir die aktuellen Fakten betrachten, sieht es anders aus: Die ­meisten Währungen sowohl in Europa als auch im asiatisch-pazifischen Raum haben ihre seit dem Corona-Crash laufende Erholung gegen­über dem US-Dollar beendet und nun hat eine nach der anderen nach ­unten gedreht. Die Kurse von Rohstoffaktien im S&P Global 1200 sinken seit Mitte Mai sowohl absolut als auch relativ zum Index. Im Abstand von jeweils zwei Wochen sind Banktitel sowie Öl- und Gasaktien gefolgt. All diese Signale zeigen, dass im Markt die Skepsis gegenüber der Inflationsthese und auch gegenüber der weiteren konjunkturellen Entwicklung wächst. Das aber waren bisher die treibenden Kräfte hinter der Hausse.

Smart Investor: Nach der 2008er-­Finanzkrise ist es den Notenbanken nicht gelungen, in der Realwirtschaft größere Inflation zu erzeugen – warum sollte es dieses Mal anders sein?
Haase: Die heutige Situation ist in ­vielerlei Hinsicht grundverschieden von jener nach der Finanzkrise. Damals hatten Banken Unmengen fauler Kredite in ihren Portfolios. Die Notenbanken haben zwar mit Liquidität geholfen, doch im Grunde ­fehlte Eigenkapital. Vergleichbare Probleme existieren heute nicht. Nach der Finanzkrise wurden insbesondere in Europa Versuche unternommen, Staatshaushalte durch Sparmaßnahmen zu sanieren. Vergleichen Sie das mit der aktuellen Situation. Dank der machtvollen Unterstützung durch die Dru­ckerpresse scheint die einzig verbliebene Grenze für Staatsausgaben im Mangel an Vorstellungskraft auf Regierungsseite zu bestehen. Wechseln wir in die Wirtschaft: Nach 2008 erhielt die Globalisierung nochmals einen kräftigen Schub. Das Angebot frei verfügbarer, preiswerter und vor allem gut ausgebildeter Arbeitskräfte ist seither nicht nur in Europa und Amerika geschrumpft, sondern auch in Asien. Zu ­guter Letzt sehen wir – anders als nach 2008 – in diversen Bereichen ­Knappheiten und Störungen in den Produktions- und Lieferketten, die uns noch einige Zeit beglei­ten dürften. Die inflationären ­Kräfte in Wirtschaft und Politik sind heute in Summe ungleich stärker als nach 2008.

Smart Investor: Was bedeutet das für die Aktienmärkte?
Haase: Der einfache Teil des Bullenmarkts liegt hinter uns. Wie eingangs erwähnt prüft der Markt gerade die Inflationsthese. Die kommenden Monate dürften spannend werden und die Bedeutung von Qualität wieder zunehmen, sowohl bei der Aktienauswahl als auch im Risikomanagement. Auf mittlere Sicht spricht viel dafür, dass die Kapitalmärkte gerade einen Gezeitenwechsel erleben. Bis vor Kurzem waren Anleihen ein erstaunlich gutes Investment, denn stetig schrumpfende Zinserträge wurden über Jahre durch stetig steigende ­Kurse kompensiert. Doch diese Party wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit 2020 beendet. Im aktuellen Umfeld sind Anleihen nur noch zinslose Risiken. Pensionskassen, Stiftungen, Versicherer und natürlich auch private Inves­toren stehen aber weiter ­unter dem Druck, Erträge erwirtschaften zu müssen.

Smart Investor: Was werden sie Ihrer Meinung nach machen?
Haase: Anstatt Vermutungen anzustellen, lassen Sie uns doch einen Blick darauf werfen, was Anleger im ersten Halbjahr 2021 tatsächlich getan haben: Sie haben weltweit in rekordverdächtigem Tempo ­Aktien gekauft. Schreibt man den aktuellen Trend fort, dann könnten die diesjährigen Aktien­käufe jene der zurückliegenden 20 Jahre in den Schatten stellen – und zwar in ­­Summe. Deshalb spreche ich von einem „Gezeitenwechsel“. Bis vor einem Jahr war der Ausstieg aus dem Rentenmarkt nur ­eine Option; nun ist er eine Notwendigkeit. Für die großen, institutionellen Investoren ist der Handlungsdruck enorm. Er dürfte kaum kleiner werden, und das ­erste Halbjahr zeigt, dass sie dabei sind, ihm nachzugeben.

Smart Investor: Gibt es deshalb kaum noch Korrekturen?
Haase: Vermutlich – doch sie werden wieder kommen. Wellen gibt es bei Ebbe wie bei Flut. Wie eingangs erwähnt, mehren sich derzeit sogar die Signale, die aktuell für eine etwas erhöhte Korrekturwahrschein­lich­keit sprechen. Außerdem sind nun Inves­toren am Aktienmarkt aktiv, die nur aus der Not heraus kaufen. Kostolany ­würde unter ihnen wohl eine Vielzahl zittri­ger Hände vermuten. Gut möglich, dass auch dadurch die Volatilität wieder zunimmt. Es ändert aber wenig an der Grundströmung. Letztendlich lässt sich der Beginn von Korrekturen nicht auf seriöse Art und Weise prognostizieren. Der Wunsch, erst nach einer Korrektur zu kaufen, ist verständlich – doch im zuvor beschriebenen Kontext möchte ich Anleger davor ­warnen, aus Angst vor dem nächsten Wellental die gesamte Flut zu verpassen. Wer konsequent auf Qualität setzt, sollte etwaigen temporären Rücksetzern relativ gelassen entgegen­sehen – sie sind ein kleiner Preis angesichts der großen Opportunitäten, die ein ­starker Bullenmarkt bietet.

Smart Investor: Herr Haase, vielen Dank für die interessanten Informationen.

Interview: Christian Bayer; geführt am 18.7.2021

Daniel Haase (geb. 1976, Mecklenburg) ist Vorstand und Fondsmanager beim Hamburger Vermögensverwalter HAC. Die Vereinigung Technischer Analysten Deutschlands zeichnete sowohl die von ihm entwickel­ten Methoden zur Trendanalyse (2009) als auch jene zur Aktienauswahl (2019) mit VTAD Awards aus. Im Marathon Stiftungsfonds (WKN: A143AM) kommen beide Regel­werke zur Anwendung. Von den Rating­agenturen Morningstar und FWW wurde der Fonds mit jeweils fünf Sternen und vom Finanzen Verlag mit der €uro FondsNote 1 ausgezeichnet. Haases 14-täglicher Marktkommentar (Pfadfinder-Brief) kann unter info@hac.de kostenfrei angefordert werden.

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