„Wenn wir nicht wie Neandertaler leben wollen, brauchen wir Rohstoffe“

Tobias Tretter

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Interview

Smart Investor im Gespräch mit Tobias Tretter, Commodity Capital AG, über Gold in Inflationszeiten, Metalle für die Energiewende und einen neuartigen Anleihefonds

Smart Investor: Die Inflation steigt, die Druckerpressen der Notenbanken laufen auf Hochtouren – eigentlich ein ideales Szenario für Gold. Warum profitiert das Edelmetall nicht stärker davon, sondern bewegt sich seit Monaten seitwärts?
Tretter: Aus unserer Sicht bleibt der Inflationsschutz von Gold trotz der jetzigen Konsolidierungsphase weiter erhalten. Er wirkt, wenn die Teuerungsraten über einen längeren Zeitraum stark ansteigen. Die Notenbanken wollen glauben machen, dass die Preissteigerungen nur temporär sind. Sobald sich am Markt die ­Auffassung durchsetzt, dass dies nicht der Fall ist, ­sollte der Goldpreis davon profitieren. Aktuell bewegt sich der Markt zwischen Inflations­sorgen und der Angst vor steigenden Zinsen. Der Goldpreis wird dann richtig anspringen, wenn sich die Auffassung durchsetzt, dass die Inflation gekommen ist, um zu bleiben, und die Zinsen nicht deutlich steigen, weil die Staaten nicht in der Lage sind, die Schuldenlast zu tragen. Die nega­tiven realen Zinsen werden in den kommen­den Jahren deutliche Spuren hinterlassen und Gold Rückenwind verleihen.

Smart Investor: Bleiben wir noch beim Thema Inflation. Wie verkraften die Goldminen die höheren Energie- und Lohnkosten?
Tretter: Die steigenden Kosten sind eine gewisse Gefahr, die man im Auge ­behalten muss. Aktuell sehen wir die Gefahr noch nicht, denn die Margen sind extrem hoch. Beim aktuellen Goldpreis von rund 1.750 USD liegen die reinen Produktionskosten bei nur 600 bis 700 USD, die All-In Sustaining Costs, die auch ­Explorationskosten umfassen, bei 1.000 USD. Die Edelmetallproduzenten haben noch nie so viel verdient wie aktuell. Bei dauerhaft ­steigenden Ölpreisen wird sich Kostendruck bemerkbar machen, der aber durch ­vergleichsweise hohe Margen gut kompensierbar ist. Für die Drilling-Aktivitäten fehlt es an Nachwuchsfachkräften. Das führt nicht nur zu höheren Arbeitskosten, sondern auch zu Ver­zögerung bei Projekten. Da die Goldproduktion weltweit zurückgeht, alte Minen ge­schlossen werden und kaum neue in Produk­tion gehen, stehen die Minenarbeiter aktuell keinem Kostenproblem gegenüber – aber auf Sicht von drei bis fünf Jahren muss man diesen Aspekt im Auge behalten.

Smart Investor: Ihr Structured Solutions Next Generation Resources Fund (WKN: HAFX4V) investiert schwerpunktmäßig in Lithium und andere Metalle wie Mangan, Nickel und Kupfer, die für die Elektromobilität unabdingbar sind. Ist das Thema Wasserstoff aus ­Ihrer Sicht abgehakt?
Tretter: Wasserstoff hat im Schiffsverkehr und im Güterverkehr bei konstanter Geschwindigkeit eine glänzende Zukunft vor sich, allerdings nicht als Konkurrenz zur Elektromobilität beim Autoverkehr. Der Wechsel von Belastung und Entlastung, also der typische Stadtverkehr, verringert die Lebensdauer der Brennstoffzelle deutlich. Wir gehen davon aus, dass sich bei Autos die Elektromobilität durchsetzen wird, nachdem China und die großen Anbieter sich für diesen Weg entschieden haben. In sieben bis acht Jahren werden für die E-Mobilität 3 Mio. Tonnen Lithium benö­tigt; aktuell liegt die jährliche ­Produktion bei 400.000 Tonnen. Erst kürzlich ­­wurden mit Millennial Lithium und Neo Lithium zwei Produzenten übernommen. Zijin Mining aus China, ein Minenunternehmen, das bislang nichts mit Lithium zu tun ­hatte, legt gut 900 Mio. CAD für Neo Lithium auf den Tisch. Das lässt zwei Schlüsse zu: Entweder wurde es politisch angeordnet oder das Unternehmen ist von sich aus von positiven Aussichten für das Metall überzeugt.

Smart Investor: Kritiker bemängeln, dass saubere Energielösungen oft mit Umweltsauereien beim Abbau von Rohstoffen bezahlt werden. Ist diese Kritik berechtigt?
Tretter: Wenn wir nicht wie Neandertaler leben wollen, brauchen wir Rohstoffe – es geht also beim Abbau um das „Wie“ und nicht um das „Ob“. Häufig werden negative Beispiele einfach verallgemeinert. In Ländern mit problematischen Abbaubedin­gungen wie Afrika, China oder Russland investieren wir in unserem Fonds nicht. In den Lithiumregionen Nordamerika oder Australien sind die Konditionen deutlich besser. Es ist unerlässlich, jedes Projekt einzeln zu durchleuchten. Ein positives Beispiel ist Standard Lithium, in die wir seit dem Börsengang vor fünf Jahren inves­tiert sind. Das Unternehmen entwickelt um­weltschonende und effizientere Methoden zur Lithiumgewinnung. Mit dem Verfahren soll künftig aus einer Salzlösung das Lithium ausgewaschen und der Rest ­wieder in den Boden zurückgeführt werden.

Smart Investor: Im September sind Sie mit einem Anleihefonds gestartet. Welche Idee versteckt sich hinter dem Structured Solutions Resource Income Fund (WKN: A2AT4F)?
Tretter: Institutionelle Investoren haben im Rohstoffsektor Bedarf für ein Anlage­segment abseits der hohen Volatilität der Minenaktien. Rohstoffunternehmen benötigen Kapital, wenn sie eine Produktions­entscheidung treffen. Teilweise wurden überhöhte Zinsen bis zu 20% gezahlt, was zu Unmut bei den Aktionären führte. ­Unsere Idee war es, Firmen, die wir als Aktio­när gut kennen, Kredite über Corporate Bonds zu geben. Natürlich wird es auch andere Investoren geben. Es ist eine Win-win-­Situation. Die Unternehmen kommen günstig an Geld, und da die Finanzierung steht, steigen auch die Aktienkurse.

Smart Investor: Herr Tretter, vielen Dank für die interessanten Ausführungen!

Als geschäftsführender Gesellschafter leitet Tobias Tretter die Commodity Capital AG seit ihrer Gründung 2009. Er fungiert dort als Portfoliomanager sowie als CIO und ist für die Investmententscheidungen des Commodity Capital Global Mining Fund (WKN: A0YDDD) verantwortlich. Tretter erhielt seinen Prädikatsabschluss an der ­Universität Bayreuth mit einer Diplomarbeit über die Lebenszyklusanalyse bei ­Rohstoffunternehmen. Seine Karriere begann er bei der Credit ­Suisse Asset Management, danach setzte er seine Erfahrung bei der Beratung des Fonds DJE Gold und Ressourcen mit dem Ergebnis ­mehrerer Auszeichnungen ein. 2017 und 2018 erhielt Tretter den Lipper Fund Award für den „besten Rohstofffonds und für den besten Goldfonds in Europa“.

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