Krise, Abstieg und Wende

Titelbild: © indigo_nifght – stock.adobe.com

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Deutschland kann Abstieg, Disney kann Wende

Schneckenrennen – die Krise im Autoland

Der Autokonzern VW hat Probleme. „Wir nutzen aktuell die Gelegenheit, alle Projekte und Investitionen anzuschauen und auf Tragfähigkeit zu prüfen.” So steht es in einem internen Schreiben der Konzernspitze des deutschen Autoherstellers an die Belegschaft. Die Entwicklung der neuen Fahrzeugsoftware ist schwieriger als gedacht und verzögert sich. Der geplante Bau einer neuen Fabrik im Wolfsburger Stadtteil Warmenau steht sogar wohl wieder insgesamt in Frage.

Auch die Konzerntochter Audi scheint ihr „Mojo“ verloren zu haben. Vielleicht liegt es daran, dass der Chef die eigenen Produkte in Frage stellt: „Um uns in Deutschland besser einzustimmen auf die Lage und die Notwendigkeit des Sparens, könnte es wieder autofreie Tage geben, so wie in den 1970er-Jahren”, erklärte Ober-Audianer Markus Duesmann jetzt öffentlich, „wir müssen umdenken, uns klar werden, dass sich unser Leben ändert.” Kunden wird das Umdenken angesichts solcher Spruchweisheiten des Audi-Chefs womöglich überraschend leichtfallen: Als erstes sparen sie sich den teuren Audi. Der stände bei den gewünschten autofreien Tagen sowieso nur rum.

Ebenso schnell wie Autokäufer können sich auch Autoaktien-Investoren umorientieren. Sie werden sich die großen Drei der deutschen Autobranche – VW, BMW und Mercedes – also genau ansehen. Der prozentuale Vergleich auf Basis der Eurokurse (vgl. Abb.) offenbart eine Rangfolge, die sich in den Nachrichtensplittern bereits andeutete:

VW Vz. (WKN: 766403, blau) kommen nicht nur nicht vom Fleck, schlimmer noch, die Wolfsburger befinden sich seit April 2021 im Rückwärtsgang, auch gegenüber den beiden Konkurrenten. BMW (WKN: 519000, gelb) hält sich dagegen per Saldo stabil, die Aktie befindet sich seit Anfang 2020 auf einer guten Parkposition. Der gerade auf den Markt kommende elektrische iX1 könnte den Kurs allerdings unterstützen, falls er denn ein Erfolg wird. Einzig Mercedes (WKN: 710000, grün) ist in letzter Zeit vorangekommen, scheint also nach dem Urteil der Aktionäre zurzeit einiges besser zu machen als die Konkurrenz. Die Hochpreisstrategie von Konzernchef Ola Källenius stützt Konzernertrag und Kurs.

Ein Fehler namens „Buy and Hold”

Zunächst scheint dies eine gewagte Aussage zu sein, zumal in einem wöchentlichen Newsletter mit wenig Platz für Erklärungen: „Bloßes Buy and Hold ist ein Fehler.” Wir zeigen, wie man es besser machen könnte – am Beispiel von Gigaset (WKN: 515600). Das Unternehmen stellt im westfälischen Bocholt Kommunikationstechnik her. Vor Jahrzehnten standen in vielen deutschen Privathaushalten schnurlose Telefone von Gigaset. Der Hersteller verkündet nun: „Deutlicher Umsatzanstieg auf Grund kurzfristig verbesserter Materialverfügbarkeit erwartet.” Thomas Schuchardt, CFO von Gigaset, erklärt: „Die Nachfrage war da, das Material nicht immer. Der Ukraine-Krieg kam ebenso unerwartet wie vor zwei Jahren die Corona-Pandemie. Am stärksten war Gigaset von den Wechselkurs- und Inflationseffekten betroffen, so dass die Kosten auf der Beschaffungsseite uns vor große Herausforderungen stellten. Entsprechend positiv bewerten wir die bessere Materialverfügbarkeit zum Ende des Jahres und die daraus zu erwartende Umsatzsteigerung.”


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Das hört sich positiv an. Aber ein Investor wird zusätzlich auf den Chart schauen – und mit Erschrecken eine Kapitalverkleinerungsmaschine unter Volllast sehen. „Buy and Hold” hätte einem Aktionär hier über die meisten Zeiträume Verluste im zweistelligen Prozentbereich eingebracht. Auch die jüngste Jubelmeldung reißt den Kurs nicht hoch. Natürlich hat der CFO recht mit seinen Aussagen. Aber der Markt hat meist noch etwas „rechter“. Der Investor sollte sein tapferes „Buy and Hold” daher zumindest mit einem „Check” in Form einer Kurskontrolle versehen. Wenn der Kurstrend abwärts zeigt, ist es in der Mehrzahl der Fälle kapitalschonender zu verkaufen. Sollte der Trend irgendwann tatsächlich drehen, bleibt genug Zeit, sich wieder zu engagieren.

Amazons Abstieg

„20 Jahre lang war Kundenorientierung geradezu eine Obsession” bei Amazon, erinnert sich Guru Hariharan, ein früherer Amazon-Manager, „aktuell ist bei Amazon die Kundenorientierung zu den richtigen Kosten die Obsession.” Mit dieser Aussage könnte einer der Gründe genannt sein, warum der Amazon-Kurs (WKN: 906866) in letzter Zeit den Rückwärtsgang eingelegt hat. Neue Umfragen in den USA zeigen, dass die regelrechte Begeisterung der Amazon-Kunden über den Service, die Zuverlässigkeit und die Kulanz des Unternehmens nachgelassen hat. 2022 waren 79% der Amazon-Kunden „extrem zufrieden”. Das klingt gut, aber zwölf Jahre zuvor waren es noch überwältigende 88% gewesen. Das ist zumindest das Ergebnis einer Umfrage von Evercore ISI. In eine ähnliche Richtung zeigt der American Customer Satisfaction Index. Dort erreicht Amazon aktuell einen Score von 78 (von 100). Nicht schlecht, aber vor fünf Jahren lag dieser Score noch bei 86.

Zunächst scheint der Rückgang der Zufriedenheit gering zu sein. Doch Amazon ist mit den aktuellen Werten bereits hinter die Bewertungen von Shopping Sites wie Costco Wholesale Corp. und Nordstrom Inc. zurückgefallen. Das sind zwei in Amerika sehr bekannte Händler und zudem recht angriffslustige Amazon-Konkurrenten. Offensichtlich läuft es nicht rund beim Vorzeigeversender, und man könnte auf die Idee kommen, dass die tiefere Ursache für die auftretende Unwucht der Abgang des Firmengründers Jeff Bezos aus der operativen Unternehmensführung ist. Schon wird gemunkelt, Bezos könne an ein Comeback denken. Amazon ist übrigens Bestandteil unseres Musterdepots und wir sind über die jüngsten Entwicklungen dieses Unternehmens gar nicht glücklich.

Disneys Wende

Was passiert, wenn ein Weltunternehmen das Comeback eines abberufenen Erfolgs-CEOs ausruft, können Anleger derzeit bei Disney beobachten. Der Unterhaltungskonzern wechselt den CEO: Bob Chapek muss nach weniger als drei Jahren an der Spitze gehen, dafür kommt Robert Iger zurück, welcher Disney (WKN 855686) vor Chapek bereits 15 Jahre erfolgreich führte. Nach der Ankündigung der Spitzenpersonalie machte der Kurs von Disney an der Börse einen Freudensprung. Insider berichten, Disney-Führungskräfte und Großinvestoren seien seit Monaten unzufrieden mit Chapek gewesen. Sie wünschten sich Robert Iger zurück.

Sonntag wurde die Auswechslung bekanntgegeben und bereits am Montag verließ Kareem Daniel das Unternehmen. Er war Chapeks Mann für die Disney Media & Entertainment Distribution. Daniels gesamte Abteilung soll neu organisiert werden. Neu-CEO Iger: „Über die nächsten Wochen werden wir beginnen, organisatorische Änderungen im Unternehmen vorzunehmen. Es ist meine Absicht, Dinge zu restrukturieren in einer Art, die Kreativität respektiert als Herz und Seele dessen, was wir sind.” Auch Amazon-Gründer Jeff Bezos wird das hören. Wir dürfen annehmen, dass Bezos die Börsenkursentwicklung von Disney beobachtet, die von Amazon sowieso.

Smart Investor 12/2022

Nach arbeitsreichen Wochen liegt er nun vor uns und schon am nächsten Wochenende in Ihrem Briefkasten – der neue Smart Investor 12/2022. Dieses Mal haben wir die interessantesten Nebenwerte unter die Lupe genommen und auch einen Blick auf exotischere Märkte wie die Türkei und Indien geworfen. In der Titelstory widmen wir uns allerdings der „finalen Senkrechten“. Was es damit auf sich hat, und warum diese Senkrechte nicht Ausdruck von Prosperität ist, lesen Sie im neuen Heft.

Zu den Märkten

Angesichts turbulenter Weltgeschehnisse zeigte sich der DAX in der Berichtswoche erstaunlich ruhig, um nicht zu sagen gelangweilt. Nach einem Aufschwung von zwischenzeitlich rund 2.500 Punkten ist eine Verschnaufpause allerdings auch mehr als verdient. Die entscheidende Frage ist, wie diese Tage der Orientierung in der Folge aufgelöst werden. Einen Hinweis gibt aktuell die Umsatzentwicklung. Die ist seit Tagen rückläufig, was eher auf eine Konsolidierung schließen lässt, der eine Fortsetzung des jüngsten Aufwärtstrends folgen sollte. Bei einer Top-Bildung würde man dagegen klassischerweise hohe Umsätze erwarten, da Aktien in einer solchen Phase massiv an ein gieriges Publikum abgeladen werden. Im Moment scheint es an beidem zu fehlen: Aktien werden weder massenhaft abgeladen, noch ist das Publikum derzeit gierig nach Dividendentiteln. In der aktuell engen Handelsspanne lässt sich zudem ganz gut definieren, ab welchen Marken eine Richtungsentscheidung beim deutschen Leitindex wahrscheinlich wird. Nach unten sind dies ca. 14.200 Punkte, nach oben ca. 14.500 Punkte. Sollten diese Marken überzeugend gebrochen werden und keine unmittelbare Gegenbewegung (Fehlsignal) erfolgen, dann wäre die weitere Vorzugsrichtung geklärt. Welche Richtung wir für wahrscheinlich halten, lesen Sie in der Titelgeschichte des neuen Smart Investor 12/2022.
Neben technischen Marken sind vor allem aber auch externe Impulse relevant. Viele treffen den Markt unvorbereitet, manche aber erfolgen mit Ansage. Zu letzteren gehört die Veröffentlichung der Fed-Protokolle. Heute Abend um 20:00 MEZ ist es so weit, und die Anleger werden erfahren, was auf der letzten Sitzung der US-Notenbank so geredet wurde – ein Dokument, welches das Potenzial hat, nicht nur den DAX durcheinanderzuwirbeln.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über zahlreiche Transaktionen in den beiden Musterdepots sowie über die Entwicklung in unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen. Um diesen Bereich lesen zu können, müssen Sie Abonnent des Smart Investor Magazins sein und sich auf der Smart-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues bei abo@smartinvestor.de an.

Fazit

Vor dem Hintergrund der jüngsten Äußerungen von Audi-CEO Duesmann sind einige Probleme der deutschen Autoindustrie wohl hausgemacht. Dass in der Krise auch Chancen liegen, zeigt dagegen Konkurrent Daimler. Welche Wunder ein alter Haudegen wirken kann, sieht man aktuell bei Disney, und vielleicht bald auch bei Amazon …

Frank Sauerland, Ralph Malisch

Smart Investor 11/2022:

Titelstory: Kapitalschutzreport 2022

Staatsfinanzen: Es brennt an allen Ecken und Enden

Konferenzen: World of Value & Ludwig von Mises

Edelmetalle: Geduld bleibt das Gebot der Stunde

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Die Charts wurden erstellt mit Guidants und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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