Börsengift

Titelbild: © Björn Wylezich – stock.adobe.com

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Warum die Jahresend-Rallye gerade stottert

Die klebrige Inflation

Die Inflation ist klebriger als gedacht. Auf den Gängen der US-Zentralbank bedeuteten Fed-Offizielle neugierigen Reportern, dass die Fed plane, die Zinsen in der nächsten Woche zwar um die erwarteten 0,5 Prozentpunkte zu erhöhen, aber eben auch, dass der Leitzins ins nächste Jahr hinein höher steigen könnte als bisher gedacht. Der Grund: Die Fed fürchtet die sich abzeichnenden landesweiten Lohnsteigerungen. Diese würden die Inflation in den USA erneut anheizen. Entsprechend will man mit weiteren Zinserhöhungen gegensteuern.

ABER: Zinserhöhungen sind Gift für die Börse. Auf die Neuigkeiten des Flurfunks reagierten die Händler an der Wall Street unmittelbar verschnupft. Die Kurse fielen. Sah es bis vor kurzem noch danach aus, als würde die Erholung der letzten Wochen nahtlos in die ersehnte Jahresend-Rally übergehen, so entfaltet sich nun stattdessen ein zähes Ringen zwischen Optimisten und Pessimisten.


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Der Dow liefert

Bei einem solchen Ringen schlägt immerhin der Dow Jones den breiten Markt um Längen. Er ist so stark wie seit langem nicht mehr. Besser als der modernere, technologielastige S&P 500 ist der altehrwürdige Dow in diesem Jahr sowieso.

„Dow Jones Industrial Average” ist der offizielle Name des Index – und er gehört zu den ersten Aktienkörben überhaupt, die in den USA zusammengestellt wurden, um Börsenentwicklungen über längere Zeiträume zu erfassen und vergleichbar zu machen. 30 US-Aktienwerte stecken im Dow und seine Zusammensetzung und Berechnung wird nicht nur seit Jahrzehnten, sondern auch vollkommen zurecht als veraltet kritisiert. Nur: Der Index performt und zwar auf bemerkenswerte Weise, wie ein genauer Blick enthüllt:

So läuft der Dow in Aufwärtsphasen besser als zum Beispiel der S&P 500, etwa im Juli und August und erneut seit Oktober dieses Jahres. Während der Abwärtsphasen verlor der Dow zumindest nicht stärker als die Konkurrenz. Im weiter turbulenten Börsenumfeld erwies sich der Dow damit bislang als einer der besten Aufenthaltsorte für Investoren.

Elon Musk verspricht

Der Ausnahmeunternehmer Elon Musk ist ungeduldig und er scheint jenes Multitasking zu beherrschen, von dem Gehirnforscher inzwischen zu wissen glauben, dass es dieses strenggenommen gar nicht gibt. Innerhalb weniger Tage zeigte er der Welt:
– einen tastentippenden Affen, welcher einen Chip eingepflanzt bekommen hatte, der von Musks Startup Neuralink entwickelt worden ist,
– ein neues, elektrisch angetriebenes Lastwagenmodell seiner börsennotierten Automarke Tesla (WKN: A1CX3T),
– einen Plan, 7.500 Satelliten für sein Starlink-Netz durch Raketen seines Unternehmens SpaceX in die Erdumlaufbahn schießen zu lassen und
– wie er sich persönlich um seinen jüngsten Firmenzukauf Twitter (WKN: A1W6XZ) kümmert. Musk nimmt sich die Zeit, die 12-Stunden-Schließung von Kanye Wests Twitter-Account in mehreren Tweets zu begründen. Der Musiker habe Twitter-Regeln verletzt.

Augenzwinkernd heißt es, für Elon Musk gelte eine andere Zeiteinheit als für Normalunternehmer: die Elon Standard Time (EST). Darin steckt wohl mehr als ein Körnchen Wahrheit. Denn Musk verkündet öffentlich große Ziele, was die Mitarbeiter oft zu Höchstleistungen anspornt. Freunde, Bekannte und nicht zuletzt Börsianer wissen um Musks Ungeduld und Multitasking-Fähigkeiten. Einige setzen sogar darauf, obwohl die Tesla-Aktie zuletzt nicht gerade zu den Assets gehörte, in denen Anleger gut aufgehoben waren.

Flattern bei Flatex-Kunden

Noch schlechter erging es den Aktionären von FlatexDEGIRO (WKN: FTG111). Die deutsche Finanzaufsicht BaFin kritisiert Organisation und Unternehmensführung des Frankfurter Online-Brokers und der Aktienkurs stürzt ab. Flatex-Kunden flattern die Nerven. Das Ergebnis der BaFin-Sonderprüfung: Sie ordnete „vorübergehende zusätzliche Eigenmittelanforderungen“ an. FlatexDEGIRO teilte mit, das Unternehmen habe Maßnahmen eingeleitet, „um die aufsichtsrechtlichen Anforderungen innerhalb eines vorgegebenen Zeitrahmens zu erfüllen”.

FlatexDEGIRO-CEO Frank Niehage versucht zu beruhigen. Öffentlich erklärte er gestern, er habe „persönlich Anfang der Woche für 250.000 Euro flatexDEGIRO-Aktien nachgekauft”. Und: „Mir ist auch wichtig klarzustellen, dass die BaFin-Beanstandungen sich ausschließlich auf formale und organisatorische Punkte beziehen, die keinen Einfluss auf die Solvenz der Gruppe haben.” Die Deutsche Bank hält derzeit an ihrer Analysteneinschätzung „Hold” für den Broker fest. Größter Anteilseigner soll der Unternehmer und Verleger Bernd Förtsch sein.

Taiwans TSMC baut in den USA

TSMC (WKN: 909800) ist der weltweit größte unabhängige Auftragsfertiger für Halbleiterprodukte. Zu den Kunden gehören US-Tech-Unternehmen der ersten Reihe wie Apple und Nvidia. Bisher legte TSMC-Firmengründer Morris Chang Wert darauf, den komplexen Herstellungsprozess von Mikrochips an einem Ort in Taiwan zu konzentrieren, um die Produktionsqualität hoch und die Kosten fast konkurrenzlos niedrig zu halten.

Doch Chang kann sich der politischen Großwetterlage nicht entziehen. Die USA wollen wieder eine eigene ernstzunehmende Halbleiterfertigung haben. Sie möchten sich unabhängiger machen von Hochtechnologie-Zulieferungen aus anderen Ländern — erst recht, wenn diese Länder in den Einflussbereich des Konkurrenten China geraten könnten. Deswegen zieht TSMC jetzt für 12 Mrd. USD eine Halbleiterfabrik in Phoenix im US-Bundesstaat Arizona hoch. Gerade erst besuchte US-Präsident Biden das entstehende TSMC-Halbleiterwerk, auch, um erneut die Bedeutung der Halbleiterproduktion innerhalb des Landes zu betonen.

Reibungslos scheint das US-Revival bei der industriellen Mikrochip-Produktion aber nicht zu gelingen: Vernehmbar klagt TSMC über hohe Kosten in den USA, über mangelhaft ausgebildetes örtliches Personal und über überraschende Konstruktionsschwierigkeiten beim Bau der Fabrik.

Wir wagen die Prognose, dass sämtliche Schwierigkeiten überwunden werden. Denn der US-Markt ist für das taiwanesische Unternehmen einfach zu wichtig. Einfach zu wichtig ist aber auch den USA die Wiederaufnahme der Chipherstellung im eigenen Land. Börsianer werden den Kurs von TSMC im Auge behalten, denn hier wird Zukunft gemacht, und das ist der eigentliche Stoff, der an der Börse gehandelt wird. Warren Buffett ist bereits investiert.

Zu den Märkten

Egal in welche Richtung es an der Wallstreet geht, das Eigenleben des DAX ist häufig begrenzt. Diesmal waren es die eingangs erwähnten Zinsirritationen, welche die US-Aktienmärkte seit Tagen leiden lassen. Denn die Hoffnung, dass der dortige Zinserhöhungszyklus bereits abflachen und damit seinem Ende entgegenstreben könnte, ist erst einmal in weite Ferne gerückt. Neben dem Fed-Flurfunk und der Sorge über die Entwicklung der US-Löhne waren es die zuletzt überraschend starken Konjunkturdaten, die gegen ein baldiges Ende der straffen US-Geldpolitik sprechen. Für den DAX war diese Zurückhaltung der willkommene Anlass seinerseits weiter zu konsolidieren und damit den starken Anstieg der zurückliegenden Wochen zu verdauen. Im Moment sehen wir hierin nur eine Korrektur, die sich durchaus in einem neuen Anlauf zur Eroberung des Bereichs jenseits von 14.800 Punkten (rote Linie) auflösen könnte. Dafür sprechen zumindest die Saisonalität und die inzwischen fast zu verbreitete Sorge vor einem Crash. Sogar die Deutsche Bank sprach dieser Tage eine Crash-Warnung aus. Je mehr allerdings in diese Richtung gedacht wird, desto mehr fehlt es am notwendigen Überraschungsmoment für einen echten Crash, der zwingend das Gros der Marktteilnehmer auf dem falschen Fuß erwischt.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über unsere Transaktionen in den Musterdepots sowie über die Entwicklung in unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen. Um diesen Bereich lesen zu können, müssen Sie Abonnent des Smart Investor Magazins sein und sich auf der Smart-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues bei abo@smartinvestor.de an.

Fazit

Neue Zinssorgen verunsichern aktuell vor allem die US-Märkte. Trotz zahlreicher Crash-Prognosen reagierte der DAX bislang aber erstaunlich gelassen.

Frank Sauerland, Ralph Malisch

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Die Charts wurden erstellt mit Guidants und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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