Die Gläubigen, die Hoffenden und die Gewinner

Titelbild: © kieferpix – stock.adobe.com

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Geht die Inflation, kommen die Gefahren – und die Chancen

Gefährliche Fantasien

Morgen tagt die EZB und schon heute tritt nach 20 Uhr Fed-Chef Jerome Powell vor die Öffentlichkeit. Er wird sich zur weiteren Zinspolitik der US-Zentralbank äußern. Kurz vor Weihnachten wird es also noch einmal richtig spannend bei den Notenbanken. Konzentrieren wir uns auf die USA: Die Börsenwelt hört zu und die Kurse werden reagieren, wenn Powell spricht – vielleicht. Denn eingepreist ist Peak Inflation: Der Höhepunkt der Inflation sei erreicht, von nun an gehe die Teuerung zurück und die Fed könne es langsamer angehen lassen mit den Zinserhöhungen.

Viermal in Folge hat Powell die Leitzinsen im bisherigen Zinserhöhungszyklus hochgeschraubt, jeweils um kräftige 0,75 Prozentpunkte. Für heute erwarten Beobachter +0,5 Prozentpunkte. Die Kerninflationsrate fiel in den USA laut neuesten Daten von 6,3 auf 6,0%. Das ist ein stärkerer Rückgang als erwartet. Von einer Fed, die bei künftigen Zinserhöhungen zurückhaltender vorginge, profitierten Aktien, insbesondere Technologiewerte, welche zwar durch Schulden belastet sind, zugleich aber die Fantasie anregen durch atemberaubende Gewinnmöglichkeiten in einer leider etwas entfernteren Zukunft.

Das ist ohnehin in der augenblicklichen Lage die größte Gefahr für Anleger: zu viel Fantasie. Tatsache bleibt, dass die Börse sich trotz der jüngsten Kursgewinne immer noch in einem Bärenmarkt befindet, und zwar in dem größten Bärenmarkt seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers, der seinerzeit als Turbo der weltweiten Finanzkrise von 2008 wirkte.


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Die Lehren der Vergangenheit

Powell ist Profi. Der Fed-Chef entscheidet aufgrund von Zahlen und stützt sich auf Statistiken – und er kennt sich in Geschichte aus. Er beobachtet und fürchtet sogenannte Zweitrundeneffekte, welche durch steigende Löhne ausgelöst werden können. Denn die US-Wirtschaft zeigt sich trotz der bisherigen Zinserhöhungen in überraschend robuster Verfassung. Entsprechend fordern die Gewerkschaften einen Inflationsausgleich für ihre Mitglieder.

Das Letzte, was Powell erleben wollen wird, ist ein erneutes Aufflammen der Inflation in der zweiten Jahreshälfte 2023, nachdem er das Teuer-Ungeheuer gerade erst besiegt zu haben schien. Das nämlich wäre die Wiederholung eines Fed-Dramas aus den 1970er Jahren, in dessen Folge Arthur F. Burns seines Amtes verlustig ging, bevor, nach einem kurzen Zwischenspiel mit G. William Miller, der legendäre Paul A. Volcker die Fed-Bühne betrat. Er machte der damaligen Hochinflation endgültig den Garaus und ist Powells erklärtes Vorbild.

Neue China-Chancen für europäische Unternehmen

In China protestieren Teile der Bevölkerung gegen die ZeroCovid-Politik der Staatspartei. Die Menschen wollen Freiheit. Gleichzeitig steigt in der Kommunistischen Partei Chinas die Befürchtung, ein „weiter so“ bei den Corona-Einschränkungen könne im Lande eine Wirtschaftskrise verursachen. So gibt es nun aus Chinas Politbüro Signale, dass künftig ein weniger restriktives Corona-Regiment geführt werden soll. Ein entsprechender 10-Punkte-Plan wurde veröffentlicht.

Die Börsen reagierten sofort, und die Anleger fragten sich, welche Aktien von Chinas entspannterem Umgang mit Corona profitieren könnten. Analysten der Bank of America glauben an eine steigende chinesische Nachfrage bei europäischen Luxusprodukten. Kering (WKN: 851223) mit seiner Marke Gucci dürfte Nutznießer sein. Ebenso würde LVMH (WKN: 853292) einen anziehenden Edelkonsum in China sofort spüren. Der Luxusgüterkonzern macht 60% seines Umsatzes in China, schätzen die Analysten der Bank of America.

Rohstoffexperten von Morgan Stanley sehen dagegen Kursmöglichkeiten für den niederländischen Stahlhersteller ArcelorMittal (WKN: A2DRTZ). Denn der chinesische Staat werde den kriselnden Immobiliensektor im Land stützen und das werde die Nachfrage bei Kohlenstoffstahl anheizen, welcher eine Spezialität der Niederländer sei. Die schweizerische Glencore (WKN: A1JAGV) wiederum könnte von einem steigenden Kohleverbrauch in Chinas hochlaufender Wirtschaft profitieren. An China-Chancen mangelt es derzeit also nicht.

Emerging Markets als Gewinner

Neues Wachstum in China und gleichzeitig geht die Stärke des US-Dollars zurück, da die Fed signalisiert, künftig etwas zahmer bei den Zinserhöhungen vorgehen zu wollen: Das wäre auch ein ideales Szenario für Kursavancen bei Schwellenländer-Aktien. Papiere aus Indien, Brasilien und Mexiko laufen bereits gut und die Chancen steigen, dass es so weitergeht, wenn die genannten Voraussetzungen eintreffen. Fasst die Wirtschaft in China richtig Tritt, dürfte das Aktienkursniveau auch bei Chinas Nachbarn Südkorea und Taiwan steigen.

Deutschsprachigen Anlegern mag es schwerfallen, sich in Sprache, Wirtschafts- und Aktienkultur fernöstlicher Länder einzufühlen. Als bequemes und durchaus reelles Investitionsvehikel bieten sich Finanzprodukte seriöser Emittenten an, welche auf dem MSCI Emerging Markets Index aufbauen. In diesem Index sind nämlich China, Südkorea und Taiwan echte Schwergewichte.

Das Desaster der Cathie Wood

In Zeiten der Pandemie ging der Kurs steil: Cathie Woods ETF ARK Innovation machte Anleger reich, und sie avancierte zur Star-Investorin, fast zu einem Guru mit gläubiger Gefolgschaft. 250% Wertzuwachs schaffte der Wunder-ETF vom Coronatief bis zum Jahresende 2020. Anleger im Glück glaubten an Woods Mantra: Sie investiere in Unternehmen, welche das Potential haben, die Welt zu verändern.

Die drei größten Positionen im ARK Innovation sind Zoom Video, Tesla und Exact Science. In diesem Jahr aber halbierten sich die Kurse von Zoom und Tesla überschlägig. Exact Science erlitt rund 42% Kursverlust. Das hinterlässt Spuren bei der Performance des ARK Innovation.

Der ETF, der neben den genannten Aktien weitere Anteile von Growth- und Tech-Unternehmen im Portfolio hält, verlor in diesem Jahr bisher rund 63%. Während der S&P 500, der durchaus auch technologielastig aufgestellt ist, seit Oktober immerhin 12% zulegte, kämpft Woods ARK bestenfalls mit einer Bodenbildung.

Massive Abflüsse

Bislang Wood-gläubige Investoren werden nun unruhig. In den ersten fünf Monaten des Jahres steckten sie noch weitere 1,89 Mrd. USD in den ETF. Nun aber schwindet offenbar der Enthusiasmus und Investorengeld fließt ab. Allein am 30. November 2022 sollen Woods Zweifler 146 Mio. USD abgezogen haben. Das wäre der größte Tagesabfluss in diesem Jahr.

Schadenfreude ist dennoch fehl am Platz. Denn der ETF könnte auch ein grandioses Comeback feiern, niemand kennt die Zukunft. Jedoch darf ein rationaler Anleger aufmerksam werden, wenn die Anlageidee eines Investmentmanagers – und sei die Person auch noch so berühmt – permanent vom Markt negiert wird. Spätestens dann, aber besser noch davor, sind eigene Überlegungen nötig. Halsstarrigkeit und banges Hoffen sind an der Börse jedenfalls keine Erfolgsrezepte.

Smart Investor 1/2023

Hinter der Redaktion liegen arbeitsreiche Wochen. Gestern ging der Smart Investor 1/2023 in Druck, der zum Wochenende erscheinen wird. Zentrales Thema ist der Kapitalmarktausblick 2023, in dem wir uns die wesentlichen Bestimmungsgründe des Kapitalmarktgeschehens im neuen Jahr ansehen. Selten war schon am Beginn eines Jahres so viel, um nicht zu sagen alles möglich. Von einer tiefen Wirtschaftskrise bis zum Crack-up-Boom ist das Spektrum möglicher Szenarien weit aufgespannt. Gewissheiten gibt es in einem solchen Umfeld nur wenige. Lediglich langweilig wird es im kommenden Jahr nicht werden. Wir würden uns freuen, Sie auch dann wieder mit unserem monatlichen Magazin und diesem wöchentlichen Newsletter begleiten zu dürfen. Im Editorial des neuen Smart Investor macht sich Smart Investor Chefredakteur Ralf Flierl anlässlich seines Interviews mit Polit-Urgestein Willy Wimmer diesmal übrigens Gedanken über Russland, das Minsker Abkommen von 2014 und die Nordstream-Pipeline-Sprengungen von 2022, die in den Medien bemerkenswerterweise kaum noch Interesse auf sich ziehen.

Zu den Märkten

Als die gestrigen US-Inflationszahlen mit +7,1%, und damit niedriger als erwartet vermeldet wurden, machte auch der DAX einen kleinen Freudensprung. Der deutsche Leitindex erhöhte sich bis nahezu an die wichtige Widerstandsmarke bei 14.800 Punkten, bevor ihm dann erst einmal wieder die Luft ausging. Dennoch wurde damit erneut die positive Grundrichtung bestätigt, zumal das Ganze auch noch unter hohen Umsätzen stattgefunden hat. Für die Marktteilnehmer waren die Zahlen das klare Signal, dass es die Fed nun etwas gemächlicher bei ihren Zinserhöhungen angehen könnte, und diese Zinserhöhungen waren lange Zeit das Damoklesschwert über der weiteren Kursentwicklung. Ob die Fed tatsächlich wie erwartet liefern wird, wissen wir heute Abend. Im kommenden Smart Investor 1/2023 haben wir uns im Rahmen des Kapitalmarktausblicks 2023 intensiv mit dem möglichen Kurspotenzial des DAX auseinandergesetzt und das sieht gar nicht so unattraktiv aus. Wer hier nicht nur auf den Index, sondern auf einen der 40 DAX-Werte setzen will, dem sei noch einmal das Aktienjahrbuch https://aktienjahrbuch.de/ unseres Lesers Benjamin Knöpfler empfohlen – ein umfassendes und stets aktuell gehaltenes Nachschlagewerk zu allen DAX-Titeln.

Musterdepots & wikifolio

In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über unsere Transaktionen in den Musterdepots sowie über die Entwicklung in unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen. Um diesen Bereich lesen zu können, müssen Sie Abonnent des Smart Investor Magazins sein und sich auf der Smart-Investor-Website einloggen. Sollten Sie Ihr Passwort vergessen haben, fordern Sie bitte ein neues bei abo@smartinvestor.de an.

Fazit

Die US-Verbraucherpreise machten den Märkten am Dienstag Freude, ob Fed-Chef Powell ebenfalls vorweihnachtliche Geschenke für Börsianer parat hält, erfahren wir am Mittwochabend.

Frank Sauerland, Ralph Malisch

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Die Charts wurden erstellt mit Guidants und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Mittwochnachmittag.

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