„Ich bin Long Entrepreneur und Short Government“

Smart Investor: Herr Zinser, welchen Investmentansatz verfolgen Sie mit Ihren beiden Fonds?

Zinser: Ich investiere hauptsächlich in europäische Firmen, die in Märkte mit strukturellem Wachstum exportieren, wie z.B. Asien und die USA. Ein Großteil davon sind familiengeführte Unternehmen. Im Prévoir Perspectives (WKN: A1XCQU) konzentriere ich mich auf Nebenwerte, während ich im Prévoir Gestion Actions (WKN: A1T7ND) Aktien unterschiedlicher Marktkapitalisierung berücksichtige. Die Titel müssen ein jährliches Umsatz- und Gewinnwachstum von mindestens 5% aufweisen. Allerdings ist diese Vorgabe nicht in Stein gemeißelt. Ich bin z.B. in der Shop-Apotheke investiert, die diese Vorgaben beim Gewinn nicht erfüllt und vorrangig in Wachstum investiert. Das Unternehmen hat sich die Strategie von Amazon zum Vorbild genommen und gilt auch als ein Übernahmekandidat.

Smart Investor: Im vergangenen Jahr ist der Neuwagenabsatz in China zum ersten Mal seit den 1990ern zurückgegangen. In Zeiten mit wechselseitigen Handelsstreitigkeiten bewegen Sie sich in einem schwierigen Investmentuniversum, oder?

Zinser: Aktuell gibt es Streitigkeiten zwischen China, den USA und Europa, u.a. vor dem Hintergrund protektionistischer Tendenzen. Ich hoffe, dass die Diskussion in letzter Konsequenz dazu führen wird, dass man auf allen Seiten endlich den Protektionismus lässt. Im Moment passiert leider das Gegenteil. Ein aktuelles Beispiel ist die Diskussion um Airbus. Trump wirft
den Europäern ihre Subventionen für das Unternehmen vor. Die ganze Wahrheit ist aber, dass auch Boeing subventioniert wird. Der Rückgang der Absatzzahlen am chinesischen Automarkt im vergangenen Jahr hat zu Ängsten geführt. Langfristig bin ich zuversichtlich, dass die deutschen Autohersteller ihre Produkte am chinesischen Markt gut positionieren können. Aktuell bin ich bei Investments im Autosektor sehr vorsichtig. Ich bin dort momentan nicht investiert und bis auf eine Ausnahme auch nicht bei den Zulieferern. Früher hatte ich 30% bis 40% an Zulieferern im Portfolio. Den belgischen Mikroelektronikhersteller Melexis halte ich vor dem Hintergrund der Entwicklung der autonomen Mobilität aber für interessant.

Smart Investor: Würden Sie das Depot vor dem Hintergrund konjunktureller Dellen, die sich im Export bemerkbar machen, defensiver ausrichten?

Zinser: Nein, das habe ich auch im letzten Quartal des vergangenen Jahres nicht gemacht, als der Markt zu pessimistisch war. Ich bin bei meinen Werten wie GRENKE oder Sixt (siehe auch Interview auf S. 60) geblieben, die ich nicht verkaufen würde, es sei denn, das Management oder die Geschäftspolitik ändert sich. Ca. 20% des Portfolios investiere ich in Werte, die vergleichsweise spekulativ sind, wie z.B. die erwähnte Shop-Apotheke oder Xior Student Housing, ein belgisches Unternehmen, das Studentenwohnheime in Belgien und den Niederlanden betreibt. Die Firmen sind jeweils mit ca. 1% gewichtet. Sie bieten die Möglichkeit, sich auf Sicht von zwei oder drei Jahren zu verdoppeln. Mir ist auch klar, dass bei diesen spekulativen Werten der eine oder andere Fehlgriff dabei sein kann. Aber wenn sich acht Aktien verdoppeln, sind mögliche Verluste bei den übrigen spekulativen Titeln zu verkraften.

Smart Investor: Die Aktie von Sartorius ist im Prévoir Gestion Actions mit 6,5% vergleichsweise hoch gewichtet. Was sind die Gründe? Im Perspectives ist Wirecard unter den Top-Holdings. Wie bewerten Sie die gegen das Unternehmen erhobenen Vorwürfe?

Zinser: Sartorius ist ein Beispiel für die Devise „Gewinne laufen lassen und Verluste vermeiden“. Die Aktie war ein Anfangsinvestment und hat sich im Laufe der Jahre so nach vorne gearbeitet, dass ich bei dieser Gewichtung gelandet bin, obwohl ich auch regelmäßig Papiere – aufgrund der hohen Gewichtung – abgeben muss. Auf zehn Jahre war die Aktie der absolute Outperformer. Bei Wirecard bin ich gleichfalls schon sehr lange investiert. Aus mei
ner Sicht ist auch die Wachstumsperspektive des Unternehmens durch die meiner Meinung nach unberechtigten Vorwürfe nicht infrage gestellt.

Smart Investor: Wirtschaftsminister Altmaier hat einen schlechten Ruf beim deutschen Mittelstand. Dafür sucht er den Schulterschluss mit den Franzosen bei der Entwicklung industrieller Großkonzerne. Sie leben in Paris – wie sehen Sie diese Entwicklung?

Zinser: Der deutsche Mittelstand wird durch Altmaier nicht am Hungertuch nagen. Schwerwiegender für den Mittelstand wäre die Änderung der Fiskalpolitik. Altmaier wollte Macron etwas entgegenkommen, da die Frustration groß war, als die Fusion Siemens und ALSTOM nicht zustande gekommen ist. Es war wohl auch als Wink in Richtung Brüssel zu verstehen, europäische Champions zuzulassen. Diese Meinung teile ich nicht unbedingt, im Gegenteil: Wir brauchen Schnellboote und
keine riesigen, unbeweglichen und vor allem bürokratischen Ozeanriesen.

Smart Investor: Was verbindet Ihren Investmentansatz mit der Österreichischen Schule?

Zinser: Die wesentlichen Punkte sind gesunder Menschenverstand und Pragmatismus. Ich investiere nicht nur in ein Geschäftsmodell, sondern auch in die Unternehmenslenker. Darüber hinaus bin ich als Investor immer Long Entrepreneur und Short Government. Überall, wo der Staat sich einmischt, halte ich mich in der Regel fern. Man sieht die Absurdität staatlicher Eingriffe z.B. darin, dass Ford mit Steuererleichterungen nach Frankreich geholt wurde. Nach Auslaufen der Vergünstigungen wurden die Werke wieder geschlossen.

Smart Investor: Herr Zinser, vielen Dank für die interessanten Ausführungen.

 

Armin Zinser ist für die Aktienanlagen der französischen Versicherung Groupe Prévoir zuständig. Daneben managt er die Publikumsfonds Prévoir Gestion Actions (WKN: A1T7ND) und Prévoir Perspectives (WKN: A1XCQU). Als waschechter Anhänger der Österreichischen Schule der Ökonomik bezeichnet Zinser seinen Anlagestil als pragmatisch und am gesunden Menschenverstand orientiert. Einer dezidierten Strategie möchte er sich daher nicht zuordnen lassen. Der gebürtige Schwabe lebt seit vielen Jahren in Paris. Bevor er zu Prévoir Gestion wechselte, war Zinser für die OECD im Assetmanagement tätig. Seine Fonds wurden mehrfach mit dem „Lipper Fund Award“ ausgezeichnet, der Prévoir Gestion Actions in den letzten Jahren sogar für den Zeitraum von zehn Jahren.
Auf der Finanzen Nacht am 2. Februar 2018 erzielte Zinser in der Kategorie „Fondsmanager des Jahres“ den zweiten Platz.